Neuallermöhe-West: Man kann es so und so sehen

28 Mrz

Ein neuer Beitrag über einen Stadtteil in Hamburg. Das muss einfach sein, denn mir geht diese Liedzeile einfach nicht aus dem Kopf von Bernd Begemann (zumindest glaub ich dass es von ihm ist…) „Neu-Allermöhe-WEST“.  Neuallermöhe (West) gehört zum Bezirk Bergedorf und liegt im Südosten von Hamburg.

Das Hamburger Abendblatt titelte zu diesem Viertel einmal: „Viel Grün, viel Wasser, viel Tristesse.“ Das trifft wohl zu. Etliche Spätaussiedler aus Russland oder dem europäischen Osten haben sich bzw. wurden hier angesiedelt, das Tagesprogramm für die weitgehend junge Bevölkerung sieht wohl eher danach aus, herumzuhängen und Alkohol zu konsumieren als ein abwechslungsreiches und produktives Leben zu führen. Auf großen Flächen und mit viel Natur ist hier trotz allem Ghetto-Stimmung angesagt.

Der Freund meiner Oma, Richard, ist mittlerweile in den 80ern und immer noch sehr fit für sein Alter. Er führt zwar aufgrund seiner Schwerhörigkeit zuweilen etwas einseitige Gespräche (am besten mit ebenfalls schwerhörigen Leuten, die dann auch ein gutes Gespräch führen), aber ansonsten steht er aufgeweckt im Leben. Gerne berichtet er von seiner Jugend, seinem Vater, der sich gegen Hitler aufgelehnt und den polnischen Namen trotz ernster Bedrohung niemals abgelegt hat. Und er betont auch sehr gerne, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Straßennammen in Neuallermöhe nach von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen benannt sind. Ich finde es klasse, dass er hier wohnt. Ich finde es toll, dass er eine ehrliche Anerkennung dessen leistet, was hier durch die Straßennamensgebung beabsichtigt wurde. Und ich finde es schade, dass dieses Viertel geplant und durchstrukturiert wurde und nicht einfach wachsen konnte. Für die Menschen heute wied auch für die viel zu schnell verblassenden Erinnerungen an diejenigen, die Großes geleistet haben.

Der Stadtteil ist noch relativ jung. Ich erinnere mich sogar noch daran, wie in den 90ern die S-Bahn Station Neuallermöhe auf einmal auftauchte. Zuvor gab es nur Nettelnburg und dahinter standen wenige Häuser auf den Feldern bis zum Mittleren Landweg. Der Fleetplatz mit seinen merkwürdigen Säulen, von denen angeblich schon Leute in den Tod gesprungen sind, ist an sich nett angelegt und das Gemeindezentrum wird von Jugendlichen ebenso wie Senioren genutzt.

Empfehlenswert ist ein Besuch allemal für einen Ausflug an einen der Badeseen (Westensee, Allermöher See) im Sommer.

Hier einige der geehrten Persönlichkeiten aus Neuallermöhe-West.

Sophie Schoop: 1875 geborene Tisch, setzte sich für ihre Nachbarn ein und half nach einem Bombenangriff 1943 in einer Notküche beim Kartoffelschälen aus. Nur die engsten Freunde wussten, dass Sophie Schoop Jüdin war. Als sie einem russischen Zwangsarbeiter offen Beistand leistete, wurde sie denunziert und durch die Gestapo verhaftet. Ein halbes Jahr verbrachte sie im KZ Fuhlsbüttel, bis sie nach Auschwitz deportiert wurde. Ihr Mann Ernst Schoop (mit dem sie bereits 50 Jahre verheiratet war) erfuhr von ihrem Verbleib erst sehr spät und konnte nichts unternehmen. Ein Jahr nach ihrem Tod am 3. Januar 1945 erhielt er einfach ihre Sterbeurkunde. Die beiden Denunziantinnen wurden nach Kriegsende aus Mangel an Beweisen frei gesprochen.

1995 wurde in Neuallermöhe-West der „Sophie-Schoop-Weg“ eingeweiht.

Otto Grot: geb. 1905, ein verfolgter Sozialdemokrat. Er legte eine Karriere als Polzeileutnant und Ausbildungsoffizier in der Polizeischule Wandsbek hin und arbeitete zusammen mit Theodor Haubach (hingerichtet 1945) an einer illegalen Organisation der Hamburger SPD. Im Jahr 1933 wurde er von der Polizei entlassen, 1937 verhaftet. Die Anschuldigung, mit etwa 40 anderen Sozialdemokraten und der Schufo-Abteilung 11 (Schutzformation in Barmbek), einen politischen Zusammenhalt organisiert zu haben, führte zur Verurteilung. Seine Strafe waren zweieinhalb Jahre Zuchthaus, danach landete er 1943 in einem „Bewährungsbatallion“. Nach Kriegs-Gefangennahme in Jugoslawien wurde er dort zum Vorsitzenden des Antifaschistischen Lagerausschusses. 1946 kam er durch die Intervention des Hamburger Polizeichefs und die britische Militärregierung frei und wurde Leiter der Polizeigruppe Ost. Als leitender Polizeidirektor und Kommandanteur der Schutzpolizei hatte er daraufhin die höchsten Ämter inne.

1995 wurde die Otto-Grot-Straße nach ihm benannt.

Felix Jud: ein Buchhändler, der sich offen gegen das Nazi-Regime gewehrt hat und dafür mit einem Aufenthalt im KZ Neuengamme bezahlte. 1945 kam er frei und konnte seine „Hamburger Bücherstube“ neu eröffnen. Mit 24 Jahren eröffnete er diese erstmals, „allen Verhältnissen zum Trotz – im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum“. 1935 wurde jeder Buchhändler per Erlass verpflichtet, zum Geburtstag von Adolph Hitler ein Sonderfenster zu gestalten. Jud richtete ein Schaufenster mit einer eingerissenen Seite her, die das Foto von Hitler zeigte und platzierte drum herum eine Reihe von Reisebüchern aus der Südsee mit dem Titel „Heitere Tage mit braunen Menschen“ von Richard Katz. Jud gehörte der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an und wurde durch eine Unterwanderung des Hamburger Zweigs entdeckt und 1943 verhaftet. Hauptgrund waren u.a. auch die von ihm verkauften Bücher unterm Ladentisch, die offiziell längst verboten waren.

Der heutige Standort der Hamburger Bücherstube: Neuer Wall 13.

Mehr Infos u.a. auf http://www.stolpersteine-hamburg.de

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