Die bunte, elitäre Welt der Marken

19 Apr

In mir kämpfen zwei Persönlichkeiten. Die eine ist ziemlich alt, so ungefähr 45, voller ideologischer Überzeugungen, läuft in Ökoklamotten herum, raucht Gras und liest den ganzen Tag Bücher, die ZEIT und so weiter und sagt pausenlos schlaue Sachen. Die andere ist noch relativ jung, so ungefähr 30 also und führt sich auf wie eine Möchtegern-Karrierefrau, färbt sich die Haare und meint, gewisse Gegenstände würden sie erwachsener machen. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen.

Seit einiger Zeit beobachte ich an mir merkwürdige Veränderungen. Ich verlasse mich im Alltag nämlich neuerdings auf Geräte wie ein IPhone und eine Nespresso-Maschine. Und habe auch einfach Spaß daran! Sobald ich die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen gehört hatte, beruhigte ich mich allerdings schnell wieder mit der Überlegung, dass es mir bei besagten Gegenständen wirklich nur um die Qualität und den Nutzen ginge, nicht etwa um das Statussymbol. Der Apfel an der Binnenalster regt mich ehrlich gesagt ziemlich auf. Nichts sollte abends heller leuchten als das Alsterhaus. Die Lage vom einzigen (jedenfalls mir bekannten) Nespresso-Store in der Hansestadt ist allerdings ziemlich cool: direkt gegenüber von der Felix-Jud-Buchhandlung, von der ich in meinem Beitrag „Neu-Allermöhe West“ berichtet habe. Ja, jetzt ist es schon viiiiel besser und ich fühle mich weniger arrogant und oberflächlich.

Ich stamme ja aus einer sehr verantwortungsbewussten (d.h. sparsamen) Familie. Als ich noch zur Schule ging, habe ich ehrlich nicht verstanden, dass Persönlichkeit und Selbstbewusstsein nichts mit dem gesellschaftlichen Stand zu tun haben. Das lernte ich dann aber später zum Glück. Aus der Not machte ich sogar eine Tugend und schwor mir selbst, keine unnötigen Luxus-Ausgaben zu machen und erhob dies zum nobelsten Teil meiner Persönlichkeit. Richtig konsequent gedacht ist das natürlich auch nicht. Denn die Welt ein Stückchen besser zu machen, schafft man nicht einfach durch sinnlosen Verzicht. Ich bin auch nie konsequent Kapitalismus-Hasserin geworden, denn ehrlich gesagt fehlt mir erstens eine vernünftige (also praktikable) Alternative und zweitens vertrete ich die Meinung, dass nachhaltige Veränderung im Kleinen oder persönlichen Umfeld geschieht. Und das menschliche Verhalten besteht ja sowieso zu 80 % aus Verdrängung. Naja, beziehungsweise ist es echt schwer, sich verantwortlich zu fühlen für z.B. die abartige Massentierhaltung und nicht gleichzeitig ohnmächtig zu werden angesichts der enormen Aufgabe, die vor uns läge, diese zu beseitigen. So trinke ich also meinen leckeren Marken-Kaffee und schreibe ein bisschen was zum Nachdenken und schau mir dann das Ganze auf meinem Smartphone an.

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