Besuch in der Kaffeerösterei

30 Apr

Neulich war ich mit meiner „Muddi“ in der Speicherstadt. Wir besuchten die Kaffeerösterei und nahmen an einer Verköstigung teil. Ein bisschen berufskrank fühlte ich mich schon, als mir die Fakten zur Kaffee-Geschichte teilweise seltsam bekannt vorkamen (bei Balzac wurde ich anscheinend gut geschult, ein Lob an meine Kaffee-Mentoren von damals).

Es begrüßte uns die Annette, Sonntag morgens, gutes Wetter, 11 Uhr. Mit sage und schreibe 25 anderen Personen saßen wir in einem etwas warmen, stickigen Raum (das wird im Sommer bestimmt noch schöner) und ließen uns zahlreiche Fakten um die Ohren wedeln. Annette erzählte fließend und charmant, wir hörten zu. Zwischendurch stellte sie einige Fragen, aber insgesamt kam der interaktive Teil etwas kurz. Anhand eines Plakats und einer Plastikpflanze erklärte sie die Biologie der Kaffeepflanzen – hierzulande gedeiht das Gewächs nämlich leider nicht so doll. Der Äquator ist für den Anbau ebenso eine wichtige Voraussetzung wie eine gewisse landschaftliche Höhe (zumindest bei den Arabicas) sowie eine konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Äquatornähe, damit es keine Jahreszeiten gibt. Die Kaffeepflanze steht auf Sommer 24/7.

Nach ungefähr 90 Minuten, die aber schnell verflogen, gingen wir zum aktiven Teil über. Die Teilnehmer (im Schnitt um die 45 Jahre vielleicht) quetschten sich um einen länglichen Tisch und bekamen zwei Löffel in die Hand. Einen zum Tunken, einen zum Trinken. So blieb der restliche Kaffee spuckefrei. Insgesamt 7 frisch aufgegossene Sorten gab es zu probieren, im Blindtest. Angefangen wurde mit einer charakterstarken sortenreinen Variante aus dem Mutterland des Kaffees: Äthiopien. „Mama-Kaffee“ nannte die Annette ihn. Meine Mama und ich waren so begeistert, dass wir später sogar noch ein Päckchen davon mitnahmen. Fairtrade, selbstverständlich. Die anderen Kaffees kamen aus Mittelamerika und Asien. Und einer war sogar der berühmte „Scheiß-Kaffee“, der Kopi Luwak. Von einigen (amerikanischen?) Feinschmeckern in den 1970ern entdeckt, ging er in den letzten 20 Jahren um die Welt und hat nun auch endlich in Deutschland seine Anhänger gefunden. Die philippinische Schleich-Katze frisst die Kaffeekirschen, die Bohnen jedoch sind unverdaulich und können somit von den Menschen eingesammelt, gewaschen (!) und weiterverarbeitet werden. Der Clou: Man spart sich die Fermentierung, die im Magen- und Darmtrakt der Katze vonstatten geht. Erkannt habe ich ihn im Blindtest nun nicht, aber im Nachhinein gab es da selbstverständlich ein ganz eigenes Aroma. Mild und facettenreich, würde ich sagen. Das Kilo kostet 200 Euro.

Auch ein Fun Fact: Es gibt eine Kaffee-Steuer in Deutschland. Wir zahlen auf das Pfund 2,19 Euro, egal wie teuer der Kaffee ansonsten ist. Röstereien, die die Rohware länger beheizen und damit auch eine bessere Qualität liefern (aber auch ein leichteres Endprodukt), werden damit allerdings benachteiligt, denn die Steuer entfällt erst auf den bereits gerösteten Kaffee. Zu den schlimmsten Zeiten der deutschen Röstgeschichte (zwischen 1970 und 1990 also) gab es Hersteller, die ihre Bohnen durch Maschinen schmissen bzw. schleuderten, um Zeit zu sparen, so dass die Bohnen echt hektisch geröstet wurden. Nur ein paar Sekunden hielt sich der Kaffee so in einem Schlauch auf, wurde von allen Seiten gegart und kam dann in die Tüte für 3,99. Vor der Industrialisierung gab es so an die 5000 deutschen Röstereien, danach nur noch 7. Heute sind es wieder ein paar hunderte. Für die Kaffeeanbauer hat sich in all der Zeit wenig verändert, außer, dass es immer mehr Pflanzen und Monokulturen gab. Fairen Handel gibt es erst seit wenigen Jahren und trotz allem bleibt es den meisten Farmern verwehrt, selbst vom schwarzen Gold (Nee, das war ja Erdöl), also vom heißen „Teufelszeug“ zu kosten.

Rohe Kaffeebohnen

Rohe Kaffeebohnen

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5 Antworten to “Besuch in der Kaffeerösterei”

  1. michaela April 30, 2013 um 7:11 pm #

    Und Deutschland ist eines der wenigen Länder, die überhaupt noch Kaffee- (bzw. Röst-) Steuer erheben! Oder das einzige? Wie war das noch…

    • hamburgerdeern84 April 30, 2013 um 10:53 pm #

      Ja, so hab ich das auch verstanden. Wir sind wohl die einzigen, die zu faul waren, diese ehemalige Luxussteuer komplett abzuschaffen 🙂

  2. wanderer63 Mai 1, 2013 um 8:47 am #

    … und wieder was gelernt! Guter Blog! Da schaue ich doch öfter mal vorbei… 🙂

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