Das Gewicht des Lebens

5 Jun

Im Wonnemonat Mai kommen mal wieder ganz schön viele Babys auf die Welt. Ich stehe am Bahnsteig und warte auf die S-Bahn, langweile mich, beobachte den „Countdown“ (nicht sehr spannend) und hänge meinen Gedanken nach. Auf einmal schreit neben mir eine Frau in ihr Telefon. „Heute morgen ist der kleine David geboren, 9.22 Uhr, alles gut gegangen.“ Soweit, so unbeteiligt lasse ich die Informationen der aufgeregten Frau (Oma, Tante, Großcousine des kleinen David?) über mich ergehen. Dann zählt sie weiter auf, was sie alles über die Geburt in Erfahrung gebracht hat. „Der Kaiserschnitt ist gut verlaufen, in ein paar Tagen dürfen die beiden nachhause. Wir waren ja so erleichtert.“ Und dann kommt der Hammer. „Aber stell dir mal vor, sie haben ihn nicht gleich gewogen. Wir mussten sehr lange auf seine Gewichtsangabe warten. Und dann sagten uns die Ärzte irgendwann, dass David 2897 Gramm wiegt.“

Das Gewicht hab ich mir jetzt ausgedacht. Warum, werdet ihr gleich erfahren.

Ich starre die Frau entgeistert an. Ernsthaft??? Warum sind denn alle Leute so scharf darauf, das Gewicht eines Neugeborenen zu erfahren? Was zur Hölle sagt es denn aus? Ich wette, die meisten wissen ja nicht mal, wann das Gewicht im Normbereich liegt und wann es eventuell gesundheitliche Konsequenzen hat. Ok, vielleicht war die Frau ja selbst Medizinerin. Aber ansonsten kann ich es absolut überhaupt gar nicht nachvollziehen, was an dieser Angabe so wichtig ist. Wird das eigentlich in anderen Ländern auch so gehandhabt?

Vielleicht sind die Mütter erleichtert darüber, soundsoviel Gewicht nun nicht mehr direkt mit sich herumschleppen zu müssen. Vielleicht ist es auch der schwache Versuch, auszudrücken, was für ein gewichtiges Ereignis da gerade stattgefunden hat. Aber hat tatsächlich irgendjemand einen besseren Bezug zu dem Kind dadurch, dass man das Geburtsgewicht kennt? In den nachmittäglichen Zoosendungen (die hauptsächlich in Berlin gedreht werden), kommt das Thema Gewicht bei Babys (ok, Tierbabys) permanent vor. Kleine Vögel, Äffchen und Eisbären werden praktisch jeden Tag gewogen. Es wird kontrolliert, wie die Entwicklung vorangeht und sichergestellt, dass die Kleinen bei Kräften bleiben.

Aber gleich nach der Geburt mal eine Zahl nennen…und dann nie wieder drüber zu sprechen? Kommt mir irgendwie nicht so sinnvoll vor. Aber wer verfolgt denn schon die Entwicklung des Gewichts der Babys? Außer mal wieder den Medizinern. Ich muss gestehen, ich kann mir nicht mal merken, wieviel ein Baby wiegt, wenn es mir jemand direkt sagt. Ich weiß, dass 3 Kilo viel sind. Tja, und da hört es dann auch schon auf.

Ok, das Baby ist also da, gesund, Junge oder Mädchen, hat ein Knautschgesicht und – das sollte es doch vielleicht auch erstmal gewesen sein. Fertig. Es ist ein kleines Wunder. Packt es nicht in Zahlen, sondern lasst es einfach mal wirken.

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