Schildbürger-Mentalität

9 Jun

Hier ist mal wieder ein Phänomen, das eindeutig in die Kategorie „so deutsch“ fällt.

Neulich beim Arzt in Eimsbüttel. Ich habe einen Termin, bin selbstverständlich pünktlich, denke schonmal drüber nach, was gleich so besprochen wird und wandere langsam das Treppenhaus empor. Praxen liegen ja oft in ganz normalen Mietshäusern, also sieht die Tür aus wie jede andere. Nur das große Schild mit dem Namen prangt dort. Die Tür ist zu. Was mache ich natürlich? Klingeln. Fataler Fehler. Ich hätte mich zur Wand drehen und das kleine Schild lesen müssen, das dort hängt. „Die Tür ist offen. Bitte einfach eintreten.“ Ok, als keiner öffnet, sehe ich mich um und entdecke die kleine Tafel mit dem Hinweis. Und drücke gegen die Tür, die sofort aufspringt. An der Rezeption schauen mich zwei (junge) Arzthelferinnen an und töten mich mit ihrem Blick. Ich versuche, die Situation zu entschärfen und sage mit meinem umwerfendsten Lächeln: „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“ Die Blicke durchbohren mich weiter. Keine Miene wird verzogen. Ok, dann eben nicht. Ich werde angemeldet, gehe ins Wartezimmer und noch ehe ich außer Hörweite bin, sagt die eine zur anderen betont langsam und offenbar kurz vor einem Nervenzusammenbruch: „Leute, könnt ihr WIRKLICH nicht lesen?“

Hier ist ja gute Stimmung.

Ich kenne paradoxerweise dieses Gefühl auf der anderen Seite. Du stellst extra ein Schild auf, zum Beispiel weil dein EC-Gerät an der Kasse kaputt ist, damit du nicht jedem Hanspampel separat erklären musst, dass es nicht funktioniert. Und trotzdem spricht dich jeder Kunde darauf an. Schilder funktionieren nicht als Kommunikationsbeschleuniger. Die Menschen wollen Interaktion, sie brauchen deine schnelle Reaktionsfähigkeit und fordern immer wieder neu, dass du dich persönlich auf sie einlässt. Ganz schön nervig. Aber so ist das eben, wenn man mit Menschen arbeitet.

Sind wir eine Nation der Schildbürger? Die waren ja bekanntlich nicht besonders intelligent, haben aber nichts mit Schildern im eigentlichen Sinne zu tun, sondern kamen aus der Stadt Schilda und nahmen alles einfach zu wörtlich oder stellten sich im Alltag sehr ungeschickt an. Ursprünglich waren sie einmal sehr intelligente Bürger im Mittelalter, doch da sie irgendwann zeitlich damit überfordert waren, kluge Ratschläge zu verteilen, mussten sie sich etwas einfallen lassen. So stellten sie sich absichtlich dumm. Und wurden dadurch – verständlicherweise – auch nicht gerade intelligenter. Eine gewisse Parallelität kann jedoch nicht abgestritten werden, wenn man sich unsere „Schildermentalität“ anschaut. Am Anfang steht eine gute Idee, der Schuss geht aber irgendwie nach hinten los.

Eine simple Lösung im Fall oben wäre es wohl gewesen, die besagte Hinweistafel beim Arzt einfach auf Augenhöhe zu hängen, meinetwegen an der Wand, besser noch an der Tür. Statt sich über jeden Patienten aufzuregen, der die Klingel betätigt, könnten die Mitarbeiterinnen drüber nachdenken, wieso so viele Leute sich scheinbar dämlich verhalten und wie Abhilfe geschaffen werden kann. Denn vielleicht sind fünfzig Leute wöchentlich gar nicht zu dumm zum Nicht-Klingeln, sondern das „System Schild“ funktioniert einfach nicht (richtig).

Ich sehe aber durchaus die Gefahr, selbst zu verdummen, zumindest aber ziemlich verbittert zu werden, wenn man da ewig böse hinter dem Tresen sitzt.

Schild_Kanada

Kanadisches Schild: anschaulich und praktisch

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2 Antworten to “Schildbürger-Mentalität”

  1. Nathalie Juni 10, 2013 um 9:38 am #

    Wundervoll! Diese Schilder-Situation hatte ich so ähnlich auch schon einmal. Schade, dass manche Menschen gar nicht merken, dass sie die Dummen sind und man selbst ist dann aber derjenige, der sich fälschlicherweise wie der letzte Depp fühlt. Und wenn man Menschen nicht mag, dann sollte man vielleicht keinen Beruf wählen wo man mit vielen davon zu tun hat.

    • hamburgerdeern84 Juni 10, 2013 um 11:58 am #

      Vielen Dank! Ich fand es auch echt ein bisschen schade, dass sich die Situation so gar nicht entschärfen ließ…

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