Die falsche Zeit

13 Jun

Als ich ungefähr fünfzehn war, habe ich mich von meiner Armbanduhr getrennt. Es geschah nicht über Nacht, aber es war dennoch eine bewusste Entscheidung. Ich wollte nicht die Zeit mit mir herum tragen. Heute schaue ich manchmal alle zwei Sekunden aufs Handy, um die Uhrzeit zu checken. Ich bin angewiesen auf Uhren am Bahnhof, in der City, links oben im Fernsehbild, rechts unten auf dem Monitor, oder eben auf meinem Smartphone-Display. Tja, die Zeit ist immer noch da.

Die deutsche Sucht nach Pünktlichkeit und Exaktheit führt immer wieder zu lustigen Beobachtungen: „Wie lange brauche ich zur Bahn?“ – „Sieben Minuten.“ Nicht fünf, nicht zehn.

„Wann treffen wir uns?“ – „Um 18.15 kommt mein Zug an, dann gehe ich noch dreieinhalb Minuten, also bin ich um 18.19 dann da.“ Nee, is klar. Es gibt tatsächlich Leute, die so exakte Zeitangaben machen.

Und dann gibt es auch noch Leute, die absichtlich ihre Uhren falsch stellen. Meistens gehen sie dann vor, damit man dann noch „etwas Zeit übrig“ hat. Muss man aber nicht ganz genau wissen, welche Uhr wie ungenau geht? Ich kenne jemanden, der eine Uhr hat, die fünf Minuten vor geht (im Wohnzimmer), eine, die zehn Minuten vorgeht (im Badezimmer) und eine, die wohl richtig geht (in der Küche). Es treibt mich schlicht in den Wahnsinn. Gut, im Badezimmer braucht man oder frau vor wichtigen Termin und morgens vor der Arbeit am längsten. Im Wohnzimmer möchte man vielleicht keine Fernsehsendung verpassen (?) und in der Küche darf man sich entspannen und Zeit lassen, in Ruhe kochen und essen.

Wenn ich zurück denke, fallen mir auch diverse Arbeitsplätze ein, bei denen die Uhr ein paar Minuten vorgestellt wurde. Man gewöhnt sich dran. Aber diese Erwartungshaltung gegenüber den Angestellten, ein paar Minuten früher als nötig zu erscheinen, wurde immer auch dadurch verstärkt, dass der offizielle Arbeitsbeginn 15 Minuten vor dem eigentlichen Arbeitsbeginn angesetzt wurde. Und die Mentalität hierzulande führt dann zwangsweise dazu, dass viele auch ein paar Minuten vor dieser Viertelstunde erscheinen, selbstverständlich nach vorgestellter Uhr. Ist das nicht absurd?

Wenn man einen Termin hat, ist Pünktlichkeit erwünscht in Deutschland. Aber nicht das bloße Zufrühkommen ist damit gemeint. Genau genommen ist das sogar schlecht. Man soll gefälligst pünktlich da sein, also maximal zehn Minuten vor der Zeit, am besten sind fünf. Das ist beim Arzt genauso wie beim Bewerbungsgespräch und wenn du ein Date hast, sowieso.

Es geht ja schon mit der Kleinigkeit los, dass es bei uns jede Uhrzeit nur einmal am Tag gibt. Damit ist sie eindeutiger, bedeutender und vergänglicher. 3 Uhr kann zum Beispiel im englischsprachigen Raum mitten in der Nacht sein oder nachmittags. Wie spannend! Natürlich wird es oft dazu gesagt, ob es sich um a.m. oder p.m. handelt. Aber ansonsten kannst du alles doppelt machen. Potenziell. In Kanada werden übrigens auch die Uhren umgestellt, wie bei uns. Als wir ankamen, wiesen überall Schilder auf die „Daylight Saving Time“ hin. Ich muss gestehen, ich habe es nicht verstanden. Ich dachte nur, klasse, die wollen Strom sparen! Also immer schön das Licht ausmachen solange es draußen noch hell ist…

Die Messgeräte für die Zeit bestimmen nicht nur in Form von Uhren um uns herum das Leben, sondern auch in Form von Kalendern. Jeder Tag kann erst am Ende oder sogar sehr viel später im Nachhinein bewertet werden, dennoch glauben wir schon vorher zu wissen, was uns erwartet. Das tun wir aber nicht. Wir tendieren zum Beispiel dazu, gewisse Tage im Kalender mit Bedeutung zu beladen, weil da mal etwas geschehen ist. De facto sind da aber noch ganz viele andere Dinge ebenso geschehen und was dieses Mal passiert, weiß kein Mensch. Nur weil die Erde mal wieder im gleichen Verhältnis zur Sonne steht, heißt das eigentlich nichts. Außer, dass Erinnerungen aufgrund ähnlicher Wetter- und Lichtverhältnisse auftauchen könnten. Ok, ich schweife ab.

Fazit: Die Zeit ist nicht in oder auf den Uhren und Kalendern, sie ist in uns.

Vielleicht kaufe ich mir doch mal wieder eine Armbanduhr. Ist ja auch ein nettes Schmuckstück.

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2 Antworten to “Die falsche Zeit”

  1. Holger Juni 27, 2013 um 6:21 pm #

    Hallo, witzig, habe gerade am S Bahnhof Jungfernstieg (beim Warten auf die unpünktliche S Bahn 🙂 gelesen, das Wissenschaftler den Tag des Jahrhunderts ermittelt haben, an dem am wenigsten passiert ist. Also wegen deinem Hinweis zum Kalender. Soll der 11.4.1954 gewesen sein. Wie die das ermittelt haben, keine Ahnung. Ach ja und dann stellt sich mir jedes Jahr die Frage, wenn jetzt die Sommerzeit kommt wird die Uhr ja eine Stunde zurückgestellt, wir haben also eine Stunde weniger. Wenn ich jetzt also mal sterben sollte, wenn die Uhr noch nicht wieder auf Winterzeit umgestellt wurde, habe ich dann eine Stunde weniger gelebt? Das wäre doch total unfair.
    LG
    Holger

    • hamburgerdeern84 Juni 28, 2013 um 10:54 am #

      Also das erinnert mich jetzt irgendwie an das süße Theaterstück „Der kleine Tag“, in dem dieser sich die ganze Zeit fragt, was an ihm wohl spannendes passieren wird, sich aber einfach nichts tut. Später wird ihm dann mitgeteilt, dass er der erste Tag in der Geschichte ist, an dem nichts Schlechtes passiert sei, was ihn damit zu einem Glückstag werden lässt!

      Die Umstellung der Uhrzeit suggeriert dir ja nur den Verlust bzw Gewinn der Zeit…aber wenn man vor der Umstellung auf die WInterzeit geboren ist und dann stirbt, bevor wieder eine stattgefunden hat, ist ja eigentlich alles ausgeglichen, oder? 😉

      Wichtig ist meiner Meinung nach nicht viel Zeit im Leben, sondern viel Leben in der Zeit…

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