Die Premiere

22 Nov

214

Da standen sie nun und warteten darauf, dass endlich der Vorhang aufging. All die Wochen, die sie geprobt hatten, sollten sich an diesem einen Abend in einem unglaublichen Spektakel niederschlagen, entladen, es Wert gewesen sein. Sie grinsten und lachten, dann war wieder absolute Stille, in der jeder seinen Herzschlag und die eigenen panischen Gedanken überlaut hören konnte.

Sie waren sich so vertraut geworden in den Proben, kannten einander in- und auswendig. Und nun war doch jeder nur noch auf sich selbst konzentriert. Die Stimme, die Kostüme, die einstudierten Worte und vor allem das Gefühl, das unbedingt durchkommen musste, das Gefühl war das Wichtigste. Bloß nicht zu leise, aber eigentlich sollte es auch nicht zu schrill, zu laut werden. Obwohl auf der Bühne Ersteres definitiv schlimmer ist. Denn schließlich wollen ja auch die Zuschauer in der letzten Reihe noch das volle Programm erleben und hinterher berauscht, berührt und verwandelt aus dem Saal gehen.

Sie hatten so viel Spaß gehabt miteinander, in diesen unverfänglichen, ungefährlichen Proben. Sie konnten alles testen und mussten niemals perfekt sein. Sonst wäre auch nichts enstanden. Und so hatten sie kleine Sketche und liebevolle Details eingefügt und sich ausgemalt, wie das Publikum lachen und staunen würde. Sie wussten schon ganz genau, wann die Zuschauer wie reagieren würden. Schließlich war es ja in den Proben auch so gewesen und hatte alle umgehauen. Dieser Funke war immer da, zwischen den Künstlern, die wie die Kinder miteinander spielten und sich einander öffneten. Jeder hatte seine Rolle verinnerlicht. In den Köpfen war das gesamte Stück fertig. Perfekt.

Doch die Aufführung ging gehörig in die Hose. Die kleinen Details wurden nicht laut genug anerkannt, das Lachen blieb verhalten, die Künstler verkrampften einer nach dem anderen. Im Publikum saßen die wichtigsten Leute, bedeutendsten Menschen, zahlende Zuschauer. Eigentlich wusste diese bestimmte Klientel, wie Premieren laufen. Dass eben nichts perfekt war. Vielleicht liebten die Menschen genau das, diesen Einblick in die unbeholfene, erste Aufführung. Das ist der wahre Voyeurismus.

Wenige Wochen später saß das Stück. Das Zusammenspiel auf der Bühne hatte wieder an Leichtigkeit gewonnen. Über kleine Fehler wurde unauffällig, aber von Herzen gelacht, so dass sich ein positives Gefühl auf das Publikum übertrug, das nicht einmal wusste, wie ihm geschah. Das Vertrauen zwischen den Künstlern reichte aus, um Berge zu versetzen, so dass neue Ideen spontan entstanden und den Saal zum Johlen brachte. Die Lache gewisser einzelner Zuschauer trug ebenfalls zur allgemeinen Belustigung bei. Die Bühne war atmosphärisch nicht mehr zu trennen vom Publikum. Die Künstler öffneten sich, einfach nur noch für sich selbst. So hätte eine Premiere niemals sein können. Warum nur standen sie dann immer wieder vor diesem ersten Vorhang und erwarteten genau das?

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Eine Antwort to “Die Premiere”

  1. Aka Teraka November 27, 2013 um 8:26 am #

    „Vielleicht liebten die Menschen genau das, diesen Einblick in die unbeholfene, erste Aufführung. Das ist der wahre Voyeurismus.“ 🙂
    Interessanter Gedanke.

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