Mal ausprobiert: Schmerztherapie

1 Dez

Manchmal gibt es im Leben diese Momente, in denen man sich einfach nur fragt: Warum?

Wenn man Glück hat, schaut man später zurück und kann die Frage beantworten. So erging es mir diese Woche.

Meine Freundin aus Wien macht gerade ihren Abschluss als Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Schmerztherapie. Ihre Schule bot Freunden und Bekannten freundlicherweise über die letzten Wochenenden hinweg an, die Künste der Absolventen zu testen. Da ich keine akuten Schmerzen hatte, war ich natürlich „hilfsbereit“. Experimentierfreudig und etwas unbedarft fuhr ich also nach Barmbek. Die Anamnese zog sich ziemlich, da ich auskunftsfreudig jedes noch so kleine Wehwehchen aufzählte, das mir in den letzten Jahren widerfahren war. Immerhin hatte ich ja keine „echten“ Schmerzen, und irgendwo mussten die angehenden Naturheilkundler ja ansetzen. Und Verdrängung ist sowieso immer gut.

Ich wurde noch einmal von oben bis unten begutachtet und dann ging es los. Die ersten beiden – unblutigen – Schröpfgläser wurden angesetzt. Durch die Erhitzung der Gläser entsteht ein Vakuum auf der Haut und fördert so die darunter liegende Durchblutung. Ich sag es mal nett: Es zieht und zwiebelt.

Bald schon konnte ich es jedoch kaum mehr aushalten. Ich mochte gar nicht mehr weitermachen (da sollten noch einige Gläser kommen, blutig diesmal). Der Kursleiter schaute sich meine Lage an und schien an sich jedoch ganz zufrieden. Es gab ja eine Reaktion. Dass in der Schmerztherapie mit Schmerzen gearbeitet wird, hätte mir auch vorher klar sein können. Das Tempo wurde dann netterweise auch entsprechend gedrosselt.

Es wurde immer wieder betont, wie dankbar ich hinterher sein würde. Dass ich es einfach zulassen solle. Doch irgendwie wollte ich nicht. Dann kam dieser Moment, in dem ich nur noch dachte: Warum?

Noch mehr Gläser wurden angesetzt, langsam gewöhnte ich mich an das komische Gefühl, den Schmerz. Das Blut wich aus meinem Kopf, ich merkte, dass ich jeden Moment ohnmächtig werden könnte, obwohl ich lag. Ein bisschen die Füße in die Luft, schon ging es wieder. War ja alles nichts Neues für die Heilpraktiker, bloß für mich war noch alles ungewohnt.

Zwischendurch bekam ich ein paar Akupunkturnadeln verpasst – die wollte ich schon immer mal austesten. Sofort entspannten sich ganze Muskelstränge. Als es vorüber war (zumindest auf der Vorderseite) durfte ich mich umdrehen. Dann ging alles noch mal von vorne los. Die Haut auf Nacken und Rücken wurde leicht angeritzt (tut nicht weh, ist nur ein komisches Gefühl), dann wieder erhitzte Gläser angesetzt, der Kreislauf blieb diesmal stabil. Aber meine Emotionen wurden direkt angesprochen, in mir wehrte sich noch einmal alles. Atmen, atmen, atmen. Meine Freundin half mir, die etwa zehn Minuten durchzuhalten, in denen die Gläser an mir zogen und zerrten.

Sofort nach der Behandlung war ich schlagartig entspannt. Mein Kreislauf brauchte einige Zeit, um sich wieder zu sortieren, den Rest des Tages hätte ich einfach nur noch schlafen können. Ich bekam leichte Kopfschmerzen – durch den Flüssigkeitsverlust und den Sauerstoffentzug im Gehirn. Am nächsten Tag ging ich wie in Zeitlupe durch die Welt, total relaxed.

Ich kann inzwischen sagen, warum ich da war. Mich diesen kurzfristigen Schmerzen auszusetzen, hat zu einer dauerhaften Tiefenentspannung geführt, die ich mir vorher nicht hätte träumen lassen. Und ich würde es sofort wieder machen.

Foto(3)

Diese Flecken entstehen durchs Schröpfen. Je dunkler, desto schlechter die Durchblutung.

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7 Antworten to “Mal ausprobiert: Schmerztherapie”

  1. guinness44 Dezember 2, 2013 um 4:15 pm #

    Wehe, Deine Freundin besteht jetzt nicht die Prüfung 😉

    • hamburgerdeern84 Dezember 2, 2013 um 8:11 pm #

      Sie hat an dem Tag ihr Zertifikat bekommen 🙂

      • guinness44 Dezember 2, 2013 um 10:13 pm #

        Da hat sich Dein Einsatz ja gelohnt

  2. Aka Teraka Dezember 2, 2013 um 9:02 pm #

    Ich stehe auch immer wieder auf Schmerz 😀 Hinterher geht es einem auf einer sonderbaren Art gut. (Nicht umsonst mache ich Kampfsport in meiner Freizeit).

    • hamburgerdeern84 Dezember 2, 2013 um 9:16 pm #

      „Schmerzen mit Schmerzen bekämpfen“ klingt für mich wie „Feuer mit Feuer löschen“ – zunächst mal unlogisch. Und dann völlig einleuchtend…

      • Aka Teraka Dezember 2, 2013 um 9:18 pm #

        Da kann ich Dir nur Recht geben…

  3. Gede Prama Dezember 3, 2013 um 3:47 am #

    thank you friend, there are many inspirational articles

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