Mal ausprobiert II: „The Work“

2 Dez

Mein letzter Eintrag hat mich auf die Idee gebracht, ein weiteres spannendes „Experiment“ vorzustellen, welches ich vor einigen Monaten getestet habe. In meinem Freundeskreis gibt es nämlich noch eine tolle Freundin – Julica – die eine „alternative Ausbildung“ macht. Und durch die ich ebenfalls meinen Horizont ein Stückchen erweitern durfte.

Wart ihr in letzter Zeit mal so richtig wütend auf jemanden? Oder hattet ihr einen stressigen Gedanken, der sich immer weiter festsetzt und vielleicht im Alltag an den unmöglichsten Stellen auftaucht? Der das Leben einfach ein bisschen unschöner macht? Dann empfehle ich tatsächlich mal, eine Runde zu „worken“ (mehr).

Für mich war es vorteilhaft, The Work mit einer Person auszuprobieren, die mir nahe steht. Für andere mag es leichter sein, sich einer neutralen Person zu öffnen – obwohl man sich eigentlich nur einer Person wirklich öffnet, nämlich sich selbst. Und das fällt tatsächlich am schwersten.

An sich funktioniert The Work sehr einfach. Man setzt sich in Ruhe hin, fühlt sich noch einmal in die stressige Situation hinein, schreibt kurz (!) auf, was einen nervt und was einem so durch den Kopf ging in der Situation. Dann kommt die Mentorin oder der Mentor ins Spiel.

In diesem Fall meine Freundin. Das Ganze beruht auf vier simplen (Leit-)Fragen.

Ich erkläre es mal anhand eines Beispiels. Ich bin wütend auf Peter. Meiner Meinung nach raucht er zu viel. Ich mache mir Sorgen um seine Gesundheit und finde es doof, dass er sich eine Zigarettenpause nach der anderen genehmigt, während ich konzentriert am Schreibtisch sitze. Das ist jetzt aber alles schon zu viel. Aufgeschrieben wird erst mal nur der essenzielle Satz: Ich bin wütend auf Peter, weil er zu viel raucht.

Die Mentorin fragt also zuerst: „Ist das wahr?“ und ich darf in mich hinein hören. Je nachdem, wie überzeugt ich von meiner eigenen Aussage bin, antworte ich mit Ja oder Nein. Ich erkläre nichts, es ist einfach nur eine Hinterfragung meines eigenen Gedankens. Ich sage mal ja. (Es ist natürlich wahr, dass Peter zu viel raucht, sonst würde mich das Ganze ja nicht so aufregen). Sie fragt also weiter: „Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass es wahr ist?“ Dann gerate ich ins Stocken. Absolut? Na ja, eigentlich weiß ich ja nicht, wie viel für ihn tatsächlich zu viel ist. Ich relativiere also meinen Gedanken (manchmal bleibt es auch einfach beim Ja). Wunderschön ist es auch, wenn man überzeugt davon ist, ein anderer würde etwas Bestimmtes denken. Das ist nun mal einfach sehr schwer von außen zu wissen.

Die dritte und vierte Frage sind Umkehrungen des Gedachten. Die Umkehrung zur anderen Person funktioniert in diesem Beispiel nicht. Peter raucht halt. Das bezieht sich schon komplett auf ihn. Etwas anderes wäre es, wenn ich gesagt hätte, Peter geht seinen Kollegen auf die Nerven. Dann wäre die Umkehrung zu ihm hin: Peter geht sich (selbst) auf die Nerven. Zu dieser Umkehrung sucht man sich drei Beispiele zur Untermauerung.

Bei der vierten Frage wird es schon persönlicher und auch ein wenig kreativ. Ich soll den Gedanken zu mir umkehren. „Ich rauche zu viel.“ Nun, ich bin Nichtraucherin, also ist das natürlich Quatsch. Trotzdem soll ich drei Beispiele dafür finden, dass diese Umkehrung wahr ist. Ich überlege. Ich rauche zu viel, wenn ich passiv mitrauche. Vielleicht sollte ich dem aus dem Weg gehen? Für ein zweites Beispiel muss ich schon auf eine andere Ebene gehen: Ich rauche zu viel. Im Sinne von „qualmen“, im Kopf. Mache mir zu viele Gedanken. Das geht auch. Geht sogar sehr gut. Wahrheiten im übertragenden Sinne oder auf einer anderen Ebene geben Aufschluss darüber, was in mir vorgeht. Für das dritte Beispiel fällt mir nichts mehr ein, aber wir haben Zeit. Irgendwann komme ich auf eine Situation, in der ich noch „zu viel rauche“: Ich rauche vor Wut. Ist ähnlich wie mit den Gedanken, aber doch nicht das gleiche. Auf jeden Fall werde ich angeregt, mir (neue) Gedanken zu einem Thema zu machen, das mich bei anderen Leuten beschäftigt.

Das war jetzt nur der erste Satz. Mit weiteren (Glaubens-)Sätzen, Adjektiven usw. kann man dann die Sitzung entsprechend vertiefen. Im Prinzip funktioniert The Work auch alleine, aber mit Mentor/in ist es viel besser. Man wird immer wieder zum Kern des Geschehens zurückgelotst, wenn man droht, sich zu verlieren (oder zu hintergehen), es gibt auch mal neue Denkanstöße von außen und man kann sich völlig auf die jeweilige Frage konzentrieren.

Die eigenen Gedanken zu hinterfragen ist tatsächlich ziemlich schwer. Nicht umsonst nennt es sich „The Work“ und nicht „The Fun Talk“. Manchmal braucht es mehrere Wiederholungen (die eigentlich Vertiefungen der Thematik sind), bis man Glaubenssätze tatsächlich aufgelöst hat. Ich würde nicht direkt von Schmerzen sprechen, aber in gewissem Sinne ist es ein gutes Äquivalent zur Schmerztherapie – es kann zeitweise sehr intensiv werden, hinterher ist dafür Entspannung angesagt.

Auch hier kann ich nur sagen: Unbedingt ausprobieren!

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2 Antworten to “Mal ausprobiert II: „The Work“”

  1. Holger Dezember 3, 2013 um 8:39 pm #

    Hallo, dazu habe ich auch mal was, was ich ausprobieren durfte. Nämlich das sich jemand hinter dich stellt und dich fragt (also um bei deinem Beispiel zu bleiben), was du über Peter denkst. Dann kannst du alles rauslassen, eben z.B. das er zuviel raucht und ungesund lebt usw.. Wenn du alles gesagt hast, was dir zu Peter durch den Kopf geht, fragt dich die Person, die hinter dir steht, das du jetzt mal Peter bist und was der Peter über dich denkt. Glaub mir, das kann ganz schön spannend sein mal sich selbst aus dem (imaginären) Blick eines anderen zu sehen. Hat mich nachdenklich gemacht, mein Fremdbild mal wieder zu überdenken. Und mit der Schmerztherapie finde ich mutig, würde ich mich glaube ich nicht ran trauen. Bin sehr gespannt auf weitere „Mal ausprobiert“ LG

    • hamburgerdeern84 Dezember 3, 2013 um 10:58 pm #

      Das ist auch eine sehr schöne Methode, an die eigenen Gedanken heranzugehen! Und der ganze Ärger löst sich einfach in Luft auf 🙂

      Ich bin auch schon gespannt auf die nächsten „Mal ausprobiert“, daraus könnte man glatt nen eigenen Blog erstellen! LG

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