Von einem Freund

10 Dez

Als sie zehn Jahre alt war, beschlossen ihre Eltern, dass es Zeit für ein Haustier sei. Die Eltern hatten selbst viele tolle Erfahrungen mit Wellensittichen gemacht, außerdem musste man mit einem Kleintier nicht Gassi gehen. Sie stand also im Zoogeschäft und durfte sich einen Wellensittich aussuchen.

In ihrer Schule gab es einen Jungen, der einen kleinen Bruder hatte. Die Mutter brachte ihn einmal mit in die Schule. Er saß so zufrieden in seinem Buggy, dass sich alle Kinder um ihn scharten und ihn begutachteten. Sein zufriedenes Lächeln ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Der kleine Junge hieß Max.

Sie streifte ehrfürchtig durch das Zoogeschäft mit seinen hohen Wänden, an denen die kleinen und großen Käfige hingen, dann ging sie hinten durch den Gang zu den Tieren. Die Lautstärke nahm sie weniger wahr als den Geruch. Sie sollte sich also einen Vogel aussuchen. Als sie auf einen hellblauen Wellensittich zeigte, sagte ihr Vater: „Nimm mal einen anderen. Dieser hier ist völlig überzüchtet. Die hellblauen werden nicht so alt.“ Doch es war zu spät, sie hatte sich bereits entschieden. Und der Sittich sollte seine Worte Lügen strafen.

Zu Hause wurde der Käfig vorbereitet und der kleine Vogel in seine neue Umgebung gesetzt. Sie setzte sich davor und betrachtete ihn. Stundenlang. „Wie soll er denn überhaupt heißen?“ fragten die Eltern. „Max“, antwortete sie. Ihr kleiner Bruder saß neben ihr vor dem Vogel, den die vielen neuen Eindrücke einschüchterten und die Kinder wahrscheinlich nicht weniger nervös machten. „Sei ganz still“, ermahnte sie den kleinen Bruder. Irgendwann begann Max zu fressen.

Am nächsten Tag fuhr die Familie erneut ins Zoogeschäft. Der kleine Bruder brauchte auch einen Vogel.

Siggi war von einem dunkleren blau als Max und hatte eine weiße Feder am Hinterkopf, die sich von den schwarzen Wellen abhob. Siggi stand im Zimmer vom kleinen Bruder, Max weiterhin in ihrem Zimmer. Jetzt hatte jeder was zu Gucken. Bald waren die beiden Butschis so zahm, dass sie auf die Hand gingen. Siggi machte besonders gerne beim „Leiter-Spiel“ mit: Man hielt ihm immer wieder einen neuen Finger hin, auf den er dann einen Fuß nach dem anderen setzte. Linken Zeigefinger, rechten Zeigefinger, linken Zeigefinger, rechten … und so weiter.

Die beiden Kinder hatten eine Gegensprechanlage, mit der sie vom einen ins andere Zimmer kommunizierten. Irgendwann rief ein Vogel im Hintergrund dazu. Der andere hörte den Ruf und antwortete. Bald drückten die Kinder nur noch die Tasten für die Vögel.

Manchmal besuchten sich die Butschis gegenseitig. Sie genossen sichtlich die Gesellschaft des anderen. Wenn Siggi Max in seinem Käfig zu Besuch hatte, warf er ihm Körner auf den Fußboden, weil es nur einen Futternapf gab. In Max’ Käfig gab es zwei Näpfe. Am Ende des Tages ging es wieder „nach Hause“. Mit lauten Rufen wurden die beiden Wellensittiche voneinander getrennt.

Siggi war wild und laut, Max war ruhiger. Abends schliefen die Vögel auf ihren Schaukeln. Wenn Max auf die Schaukel gegangen war, hängte sie ein Handtuch über den Käfig. Als es schon längst dunkel war, krabbelte der kleine Vogel noch mal runter und hangelte sich zum Wassernapf. Dann ging er wieder hoch und schlief. Jeden Abend. Sie stand ebenfalls abends noch einmal auf, um etwas zu trinken.

Eines Tages flog Siggi beinahe aus dem Fenster. So zog er bei Max ein. Die Butschis freuten sich, nun dauerhaft beieinander zu sein. Der kleine Bruder war nicht so glücklich, tat aber so, als interessiere es ihn nicht weiter.

Irgendwann bekamen die beiden Wellensittiche noch mehr Zuwachs. Zwei Vogeldamen hielten Einzug in den (mittlerweile größeren) Käfig. Max war begeistert. Der kleine Draufgänger. Meist fiel er aber runter.

Nachts schaute sie manchmal in den Käfig und rätselte, wer wo saß. Vogeldame Minni hatte die gleiche Musterung und Figur wie Siggi, wenn auch in grün statt blau. Im Dunkeln konnte man sie daher nicht unterscheiden. Aber auf dem Hinterkopf von Siggi leuchtete immer noch die weiße Feder über den Wellen.

Nacheinander starben die Vogeldamen und Siggi. Max war nun ganz allein. Eines Tages kam ein neuer Vogel hinzu – die ältere Nachbarsdame hatte auch einen Wellensittich, konnte sich aber nicht mehr um ihn kümmern. Max freundete sich an, allerdings tat er sich diesmal schwerer. Bald nahm die Familie einen Dackel auf, der jedoch von den Wellensittichen fern gehalten wurde, so gut es ging.

Insgesamt kamen noch sieben weitere Wellensittiche hinzu, alle landeten irgendwann in einer riesigen Voliere. Zu Spitzenzeiten lebten zehn Butschis zusammen. Max wurde älter. Mit acht Jahren konnte er seine Füße nicht mehr richtig benutzen, sie waren von der Gicht verkrümmt. Im großen Käfig fiel er tief, wollte aber unbedingt bei den anderen bleiben (es gab auch einen kleinen Käfig). Eine Leiter wurde eingebaut. Später, als es gar nicht mehr ging, saß er im kleinen Käfig und die anderen besuchten ihn. Manchmal wurde ihm das jedoch zu viel.

Beim Umzug in ihre erste eigene Wohnung war Max bereits elf. Er hielt sich tapfer. Von den anderen Wellensittichen lebten noch fünf. Eine Katze in der WG, noch einen Umzug und eine weitere Katze (zu Besuch) musste er über sich ergehen lassen, inzwischen längst nicht mehr in der Lage, zu fliegen.

Als sie mitten im Studium für eine Klausur lernte, hatte sie einen merkwürdigen Traum. Max war inzwischen dreizehn. Der Dackel war schon vor längerer Zeit gestorben. Sie träumte, dass jemand eine Decke in den Händen hielt. Sie fragte, was in der Decke sei. „Es ist der Hund, wir bringen ihn nach Hause“, war die Antwort. Als sie die Augen aufschlug, wusste sie es bereits, aber sie schaute mit Herzklopfen noch einmal nach und sah, dass Max auf dem Boden seines Käfigs lag.

Noch am selben Tag stellte sie bei einem anderen Vogel Anzeichen einer Krankheit fest. Sie machte sich Sorgen, dass es etwas Ansteckendes sein könnte, obwohl sie ziemlich sicher war, dass Max an purer Altersschwäche gestorben war. Also fuhren sie und ihr Freund mit dem Butschi zum Tierarzt.

Dem Vogel ging es gut. Beim Warten entdeckte sie jedoch einen Vogelkäfig mitten im Raum mit einem quietschfidelen Wellensittich darin, der munter hin und her kraxelte. Sie ging vorsichtig heran und er reagierte sehr aufgeregt. Als sie den Finger in seine Richtung bewegte, wurde er zunehmend lauter. Ein richtiger Kasper. Der Tierarzt bemerkte ihr Interesse und erzählte, dass dieser Vogel gefunden worden war. Total auf Menschen fixiert. Der Mediziner hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn zu den anderen in der Voliere draußen zu stecken. „Da würde er vor Langeweile eingehen.“ Er musste nicht fragen.

Als sie das erste Mal die Käfigtür öffneten, flog der Neue direkt auf den Kopf ihres Freundes. Wenn sie aus dem Zimmer gingen, legte er seinen Kopf schräg und machte ein herzzerreißendes Geräusch. „Üüüüüiiiiiii?“

Kasper lebte noch einige glückliche Jahre bei ihnen. Als er schließlich starb, war auch die letzte Verbindung zu Max abgebrochen.

Nein, das stimmt nicht. Denn es gibt da noch diese kleine gelbe Vogeldame, Max’ letzte Freundin, wenn man so will. Und eine andere kleine, hellblaue Vogeldame, die ihm so ähnlich sieht, dass sie glatt Maxima genannt wurde. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann zwitschern sie noch heute und machen alle Nachbarn verrückt.

 

 

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2 Antworten to “Von einem Freund”

  1. Maulwurf aus Bergedorf Dezember 11, 2013 um 9:39 pm #

    Eine wirklich schöne tierische Geschichte .:-)

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