Ein Spaziergang

17 Dez

Wir gehen nebeneinander her, gemächlich. Reden über alte Zeiten und verharren hier und da, um in die Ferne zu schauen. Die unerreichbare Weite, den Horizont zu beobachten. Es ist nur ein Konstrukt, eine relative Wahrnehmung, wenn man so will. Dehnbar. Wir sind fasziniert. Ich ein bisschen mehr als du.

Wir wissen beide, es ist Zeit, ein ernsthaftes Gespräch zu führen, doch wir gehen lieber noch schweigend weiter. Es ist ja sowieso unvermeidlich. Mal gehst du rechts neben mir, dann tänzelst du hinten herum und bist an meiner linken Seite. Vorgehen würdest du nie. Es ist nicht deine Art.

“Es ist nicht so, dass ich dich nicht mag”, fange ich an. Du bist verletzt. Ich weiß es, wie es nur ich wissen kann. Eigentlich müsste ich ehrlich sein und zugeben, dass ich dich wirklich nicht besonders mag. Ich bin dir eher dankbar und habe mich an dich gewöhnt. Du hast mich beschützt. Zumindest eine Weile. “Du willst, dass ich gehe”, fragst du. Stellst du fest. Ich nicke. Es fällt mir schwer, du wirst mir fehlen. Ich werde mich unsicher fühlen ohne dich. Wir haben zusammen dunkle Zeiten durchschritten und jetzt will ich dich loswerden. Aber eigentlich solltest du dich für mich freuen. Doch das ist auch nicht deine Art. Du willst Sicherheit und Ruhe. Doch genau die gibt es nicht mehr zwischen uns, mit uns beiden.

“Ich kann mich ändern”, versuchst du es. “Nein.” Ich schüttle traurig den Kopf. “Nur ich kann mich ändern.” Ich lege einen Arm um deine Schultern. Wir haben uns zurückgezogen vor der Welt, um die Kontrolle zu behalten oder eine andere Art der Kontrolle zu erlangen. Letztlich war es nur Einbildung, vielleicht.

Wir gehen weiter. Es ist noch nicht vorbei. Du beginnst zu weinen, irgendwann bleibst du stehen und wirfst dich schließlich auf den schmutzigen Boden. Beginnst hemmungslos zu schluchzen. Ich hocke mich neben dich. “Es ist ok.” Irgendwann schmerzen meine Beine, aber ich stehe nicht auf. Erst, als du langsam wieder die Augen öffnest und ruhiger atmest, richte ich mich auf und helfe dir hoch. “Was machst du ohne mich?” fragst du. Ich zucke die Schultern. “Ich weiß es nicht. Eventuell nichts. Oder alles.” Genau das ist der Unterschied.

Die weiten Felder weichen Häusern. Spielenden Kindern und blühenden Bäumen. Wildrosenhecken. Windmühlen und Leuchttürmen. Ein Hund kommt uns entgegen und zieht vorbei. Dann kommt das Meer. Ich schaue zu dir. Du guckst auf den Ozean. “Aber es ist so gefährlich.” Ich nehme dich ein letztes Mal in den Arm. “Ich werde dich nie vergessen und ich danke dir. Aber nun musst du gehen, altes Ich.” Ich schaue dir lange hinterher. Ich weiß nicht, wohin du gehst oder ob du noch einmal wieder kommst.

Dann ziehe ich meine Klamotten aus und springe ins Wasser.

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2 Antworten to “Ein Spaziergang”

  1. nandalya Dezember 18, 2013 um 4:38 pm #

    Einfach so ins kalte Wasser springen vertreibt jedes alte Ich 😉

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