Eine andere Sphäre

13 Jan

Sie wachte auf. Die Nacht war kurz gewesen, der Schlaf seicht. Die Träume groß und lebhaft. Während sie aufstand und die letzten Sachen zusammen packte, sich eine Hose und ein T-Shirt anzog, das Handy auflud, einen Kaffee trank…dachte sie an den Piloten. Hoffentlich hatte er besser schlafen können als sie. Reisepass, Ticket, Kaugummis in die Handtasche, Zahnbürste verstaut. Es konnte losgehen. Ihr Magen rebellierte und sie zitterte ein wenig.

Er wachte auf. Die Nacht war unruhig gewesen, der Schlaf nicht seines Namens würdig. Die Alpträume hatten an ihm gezerrt mit dürren, spitzen Fingern und nicht einmal der pechschwarze Kaffee half. Er ging ins Bad, stellte sich unter die Dusche und hörte dabei laut Radio, um seinen Gedanken eine Pause zu gönnen. Doch „Sunday, bloody Sunday“ machte alles nur noch schlimmer. Er dachte an den Arzt. Hoffentlich hatte er besser geschlafen. Seine Reisetasche stand bereit, er stieg ins Taxi und atmete einmal tief durch. Doch sein Kopf schmerzte und die Hände zitterten ein wenig.

Sie stand vor dem Fenster und blickte auf das Ungetüm vor ihr auf dem Rollfeld. Das sollte also gleich tausende Meter in die Lüfte steigen? Sie konnte den Blick nicht abwenden. Hinein in den Bus, lauter unbekümmerte Menschen um sie herum. Geschäftsleute und Touristen, Kinder und Erwachsene und keiner hatte solche Angst wie sie…vor dem Flugzeug blieb sie stehen. Sie sollte die Treppe hinauf steigen. Jetzt war die letzte Chance wegzulaufen. Und dann setzte sie den rechten Fuß auf die erste Stufe. Nun gab es kein Zurück.

Sie hatten ihn gebeten, sich vorzubereiten. Er hatte sich also seiner Kleider entledigt, seinen Schmuck abgelegt, ein dünnes Nachthemd übergezogen und eine Haube übergestülpt. Er saß auf einem Plastikstuhl – der verdammt kalt an den Oberschenkeln war – und wartete. Die Vorbereitungen waren in vollem Gange, aber er hatte keine Uhr mehr. Jenseits der Zeit schwamm er nun hilflos in seinen eigenen Zweifeln umher und die Emotionen schrieen gegen seinen Verstand an. Er faltete die Hände. Er setzte sich wieder aufrecht hin. Er ließ den Kopf sinken. Dann kam die OP-Schwester auf ihn zu. Das wäre die letzte Chance, wegzulaufen. Doch er stand auf und setzte seinen linken Fuß einen Schritt vor. Nun gab es kein Zurück.

Sie hievte ihren kleinen Koffer in das Handgepäckfach und ließ sich in den vorbereiteten Sitz fallen. Kissen, Decke, Kopfhörer mussten zur Seite gelegt werden und sie wusste nicht, wohin damit. Das Atmen fiel schwer. Überall lachten die Menschen um sie herum oder saßen ruhig in ihren Sesseln. Sie schnallte sich sofort an und betete, dass es gleich losgehen möge. Doch sie standen eine Ewigkeit herum, bevor es aufs Rollfeld ging. Als sich das Flugzeug langsam bewegte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Sie schluckte schwer. Ihre schweißnassen Hände krallten sich in die Armlehnen, was es beiden Sitznachbarn etwas enger machte. Als sich die Spitze des Flugzeugs hob, hielt sie die Luft an. Es donnerte, es dröhnte, sie spürte – Schwerelosigkeit? Und drückte sich immer weiter in den Sitz.

Er lag unter dem grellen Licht und wartete ungeduldig. Klirren eines Bestecks links von ihm, freundliche Augen rechts von ihm. Er hielt die Luft an und ballte die schweißnassen Hände zu Fäusten. „Jetzt müssen Sie kurz loslassen, damit ich den Zugang legen kann.“ Ach ja. Im Hintergrund lief leise Musik. Es war Klassik. Wenigstens kein Titel, der seine Panik weiter steigern könnte. „Zählen Sie langsam von hundert rückwärts“, wurde er aufgefordert. Ein heißes, dumpfes Gefühl kroch seinen Arm hinauf.

Das Flugzeug stieg immer höher. Die Felder und Häuser wurden kleiner. Bald wäre sie bei ihm. Dann ließ sie los.

Seine Augen wurden schwer, das Atmen wurde nebensächlich, er schwebte schon. Sein letzter Gedanke an sie zauberte ihm noch ein gefühltes Lächeln aufs Gesicht. Und er ließ los.

 

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7 Antworten to “Eine andere Sphäre”

  1. nandalya Januar 13, 2014 um 11:33 pm #

    Eine andere Spähre, die gleichen Gedanken. Schön 🙂

  2. guinness44 Januar 15, 2014 um 10:30 am #

    Coole Geschichte

  3. Fotobilderspot Januar 18, 2014 um 9:51 am #

    Ich habe beides erlebt ; erkenne mich wieder in diesem Text und ein schöner und cooler Vergleich

    • hamburgerdeern84 Januar 19, 2014 um 6:52 pm #

      Tja, ich müsste lügen wenn ich sagen würde, du bist mir keine Inspiration gewesen 😉

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