Vom Verreisen

10 Mrz

Wir laufen durch die Sonne, tanken Wärme und lassen uns das Licht glauben machen, dass alles hell und freundlich ist. Wieder auf der Reise, mit mehr Taschen als noch vor ein paar Stunden – und einem müden Lächeln im Gesicht.

Immer ein Stückchen auf der Flucht und am glücklichsten in der Mitte – wie die Zeit gerannt ist. Ein winzig kurzes Wochenende. Alles vertraut und doch so anders diesmal. In Bezug auf fast jedes Detail und jeden einzelnen Besuch. Die Geschichte kann sich nicht wiederholen und tut es zum Glück auch nicht. Ich stehe ein wenig neben mir selbst und spüre die Distanz zur Realität.

Als wir am Samstag früh losgefahren sind, mussten wir unerwartet den S-Bahn-Ersatzverkehr nehmen und erreichten nur in allerletzter Minute unsere Bahn am Hauptbahnhof. Rennen, Schubsen, Entschuldigung. Was für eine Aufregung. Ich war hellwach, auch wenn es unglaublich früh am Morgen war. Dann ließen wir Hamburg hinter uns.

In der Nacht ein unbekannter Schlitz im Vorhang – sind wir in Berlin? Nein, Osnabrück. Noch einmal einschlafen.

Das Wochenende ist schnell vorbei und trotzdem voller Termine, Erlebnisse, Begegnungen. Zwischendurch ein paar Mal im Krankenhaus. Desinfektionslösung macht die Hände weich und stinkt. Am Abend Cocktails und eine Dosis Realitätsverschiebung. Wie das die anderen sehen, weiß ich nicht. Manchmal kann man sich auf neutralem Boden einfach am nächsten sein.

Am Ende steht noch die Rückfahrt an. Wir sind total aufgekratzt von der Sonne, der Zug fährt ein. Einmal im richtigen Wagen, müssen nur noch die Plätze gefunden werden. Links und rechts lauter Menschen aus einer anderen, dunkleren Welt. Verschlafen und träge, mit roten Augen sitzen sie in ihren Sesseln. Als ob sie schon viel zu lange unterwegs wären. Und das mitten am Tag, am Beginn unserer Reise. So ist das, wenn man dazu steigt.

Nach einer halben Stunde in verbrauchter Luft werden auch wir träge. Die Augen, die sich auf die Seite eines Buches konzentrieren sollen, wollen lieber zufallen. Kleine Kinder um uns herum. Auf einen Bildschirm starrend, weinend, plappernd, lachend und laufend. Plötzlich: kreischend.

Mein Trommelfell platzt fast. Aufgrund guter Erziehung meinerseits und der plötzlichen halbseitigen akustischen Lähmung kann ich nicht reagieren. In Gedanken male ich mir aus, wie ich die Kleine festhalte und ihr genauso laut ins Ohr schreie.

Zum Glück sind wir bald Zuhause.

 

 

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