Im Dammtorbahnhof

29 Mrz

 

IMG_2283

Hier wohnen wir, die grauen Seelen. Die gewieften und die schnellen, die geduldigen und die gehetzten. Wir fliegen ein und aus, drücken uns in den Ecken herum und ergaunern ein paar Krümel. Manchmal auch richtig fette Brocken, aber die sind nicht leicht zu transportieren – und behalten. Wir stürzen uns aufeinander und raufen miteinander. Eine Familie sind wir nicht und doch hängen wir alle zusammen herum und grenzen uns ab von den Durchgängern, den Pendlern, den Reisenden. Den Alltäglichen, obwohl wir doch eigentlich am alltäglichsten sind.

Hier arbeiten wir, die Versorger. Stehen in der Mitte der Nacht auf und verlassen unser warmes Bett, um für Stunden in der Zugluft zu stehen und Zugluft zu atmen. Schmieren Brötchen und kochen Kaffee und braten Burger, schießen Fotos und lackieren Nägel. Wir verkaufen Lesbares und Essbares, Hörbares und Duftendes. Und abends schenken wir ein Feierabendbier aus. Für all die Pendler und Reisenden, die Durchgänger und Verweilenden. Nah dran an allem und doch nur eine Station. Nie ganz dabei.

Hier passieren wir und ärgern uns über die ganzen Menschen, die ständig kaputte Rolltreppe, die frechen Tauben. Sind verwundert über so viel Leben und doch so kurzes Erleben, messen dem Bahnhof nur eine kleine Bedeutung bei. Huschen hindurch und übersehen vielleicht diesen Luftballon, der dort oben im Dach sich verfangen hat. Nehmen uns nicht einmal die Zeit, einander in die Augen zu schauen beim Austausch von Waren und Worten.

Bis draußen die Klänge eines Saxophons einfach nicht zu überhören sind. Die Augen des Mannes mit dem Pappbecher nicht zu übersehen. Der kleine freche Räuber sich jeden Tag wieder an der gleichen Stelle – gleich neben dem Tablett mit den belegten Stullen – herumtreibt und uns das Lächeln ins Gesicht. Jedes Jahr zur Adventszeit die gleiche, altbekannte Deko hervorgekramt wird. Man sich einfach irgendwann ein Stückchen zu Hause fühlt mit all den anderen Bewohnern. Und dies doch nur eine Illusion ist, denn so viele gefangene Erinnerungen an diesem Ort leben eigentlich in einer anderen Zeit, einer anderen Welt.

 

Advertisements

2 Antworten to “Im Dammtorbahnhof”

  1. allemeineleidenschaften April 8, 2014 um 7:40 pm #

    Hallo! Ich hab grad beschlossen, dir zu folgen, liest sich gut, dein Blog.
    Liebe Grüße!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: