Im falschen Film

6 Mai

Meine Hände zittern bereits, ich brauche KAFFEE. Die Augen kaum noch aufzuhalten, stolpere ich über meine eigenen Füße die Treppe am Jungfernstieg hoch.

Klar habe ich noch welchen zuhause und auch am To-Go-Angebot mangelt es um mich herum nicht. Aber auf Dauer gibt es nur noch einen wahren Kaffee. Stark im Geschmack, schön bunt in kleinen handlichen Kapseln, für jede Stimmung ein anderes Aroma. Die Lieblingssorten sind immer schnell weg.

Nur noch wenige Meter, dann schreite ich durch die große, schwere, dunkle Tür.

In eine andere Welt. Was ist denn hier passiert? Ich merke, dass die Umbaumaßnahmen anscheinend abgeschlossen sind. Neben mir stehen futuristische Geräte, planlose Konsumenten werden von hyper-motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herumgeführt und an der Wand erstreckt sich über mehrere Quadratmeter ein wohl durchdachtes, effekthascherisch beleuchtetes Mosaik aus bunten Stangen-Enden.

Ich weiche geschickt dem Mitarbeiter aus, der bereits auf mich zuspringen will und renne zur Wand, die mich magisch anzieht. Grundsätzlich erkunde ich gern erstmal alles allein. Und Hilfe brauche ich sowieso nicht. Schilder erklären die Sorten, altbekannt zumeist – besser hätte ich sie auch nicht beschreiben können.

Obwohl ich mich eigentlich erst einmal umsehen wollte, wandert meine Hand wie fremdgesteuert zu der ersten Stange und zieht diese heraus. Automatisch wird die nächste nachgeschoben. Ich fühle mich ein bisschen wie in einem Animationsfilm. Im Film stehe ich als kleine Person unten und schaue eine endlose Wand hinauf. Die Kamera blickt dabei von oben auf mich herab, fährt aber noch ziemlich lange weiter, um die Unendlichkeit des Angebots zu verdeutlichen.

Mit breitem Lächeln hat mich nun doch eine Verkäuferin erreicht. Sie kreist mich ein, ich kann nicht mehr entkommen. „Wissen Sie schon, wie das hier jetzt funktioniert?“ Ich schaue mich um. Bisher keine Schwierigkeiten. Mein Gott, man zieht halt die Stangen jetzt selbst aus der Wand. Doch darum geht es ihr nicht. Sie deutet auf das High-Tech-Gerät mitten im Raum. „Hier können Sie leider nur mit EC-Karte bezahlen.“ Ich sage ihr, dass es mir nichts ausmache. Ich will die bunte Wand nicht schon wieder verlassen.

Es gibt noch so viel zu entdecken. Ich lese mir also weiter durch, was auf den Schildern steht und sammle Stangen mit den Lieblings-Kaffeekapseln (und vielleicht noch ein paar mehr). Am Ende der Reihe bin ich voll beladen und will mich nach einer Tüte umsehen. Doch vor mir prangt bereits ein großes Schild mit den Worten: „Nehmen Sie eine Tüte“. Können die Gedanken lesen? Ich greife also eine Tüte. Schon springt mir der nächste Mitarbeiter entgegen und empfiehlt mir, die Stangen anders herum in meine Tüte zu legen. Halten die einen für völlig bekloppt? Ich erkläre ihm, dass ich das schon so in Ordnung finde, doch leider entpuppt sich das bereits erwähnte High-Tech-Gerät als ziemlich beschränkt. Es könne die Kaffeekapselstangen nur auf eine Weise lesen – selbstverständlich auf die von ihm empfohlene.

Ich stelle also meine ordnungsgemäß gepackte Tüte ordnungsgemäß in das Gerät – ein medizinischer Laser wäre wahrscheinlich nicht weniger aufwendig konzipiert oder kostengünstiger. Na, was soll’s. Zum Glück versuchen die von ihren neuen Maschinen so überzeugten Mitarbeiter nun nicht auch noch, mir die Bezahlung zu erklären. Das übernimmt das Gerät. Selbstverständlich muss die Maschine auch meine Kundenkarte einlesen. Würde mich nicht wundern, wenn in der hauseigenen Datenbank mein Erkundungsverhalten des neu gestalteten Ladens mittels Kamera – ergänzt vom Mitarbeiterreport – aufgezeichnet wurde.

Als ich schließlich wieder gehe, wird mir bewusst, dass dieser ganze futuristische Spuk auch locker ohne einen menschlichen Kontakt ausgekommen wäre. Plötzlich bereue ich, dass ich mich nicht ausführlicher habe beraten lassen – um vielleicht jemandem damit seinen Job zu retten.

 

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5 Antworten to “Im falschen Film”

  1. nandalya Mai 6, 2014 um 2:43 pm #

    Und in Zukunft werden Kinder direkt mit RFID-Chip und vorher aufgeladenem Guthaben bei der Weltsparkasse geboren. Schöne, neue Welt …

  2. mitlucyumdenblog Mai 7, 2014 um 3:39 pm #

    Also, ich habe mir Deinen Beitrag – sehr gelungen ist er übrigens – mehrmals durchgelesen. Und festgestellt: Du lebst in einer Großstadt und ich nicht. Und deshalb weiß ich wohl auch nicht, in was für einen futuristischen Laden Du da hineingeraten bist. Oder bin ich einfach zu alt, und es liegt gar nicht an der Provinz? Ich kann mir wirklich gar nicht vorstellen, wo Du dort Deinen Kaffee bestellt haben könntest … 1001 Grüße von Lucys Frauchen

    • hamburgerdeern84 Mai 8, 2014 um 9:00 am #

      Ich habe ihn mir auch noch einmal durchgelesen und gebe dir Recht – es ist etwas irreführend beschrieben. Ich war nämlich nicht da, um mir einen Kaffee zu bestellen, sondern ein paar Kapseln für die Maschine zu Hause zu kaufen.
      Man kann dort allerdings auch als Kunde noch einen Espresso zu sich nehmen. Kleiner Tipp: Wenn dir in der Werbung das nächste Mal George Clooney über den Weg läuft, kannst du an meinen Ausflug denken 😉 Und es liegt absolut an der Großstadt – diese Läden gibt es nur ein paar Mal in ganz Deutschland. Ich wollte eigentlich keine offizielle Kritik schreiben, daher habe ich den Namen weg gelassen und einfach meine persönlichen Eindrücke geschildert. Ich muss aber sagen, wenn es Samstags in der Stadt richtig voll wird, machen die neuen „futuritischen “ Geräte und der Aufbau des Ladens wahrscheinlich schon Sinn. Früher stand man dort nämlich oft stundenlang an der Kasse. Man wird es sehen…Liebe Grüße zurück und ganz vielen Dank für deinen Kommentar!

      • mitlucyumdenblog Mai 9, 2014 um 3:40 pm #

        Ach Gott, da sieht man mal wieder – wir in der Provinz kennen den „Laden“ nur aus dem Fernsehen … Aber nun bin ich wenigstens halbwegs im Bilde – danke für den Hinweis 😉 Liebe Grüße!

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