Der Raum

3 Jul

Eigentlich war er gar nicht so auffällig. Dunkel, in einer Ecke gelegen, unbenutzt. Außer in frühen Kindheitstagen. Und vielleicht ein Leben zuvor. Es roch nicht nach Staub, aber es herrschte dennoch eine vergessene Atmosphäre. Vasen und Aschenbecher und allerlei andere Dinge aus Glas standen in den Vitrinen, aber nichts davon hatte etwas Zerbrechliches an sich. Massiv waren auch die Möbel, von der Decke ging eine dunkelbraune Schwere aus.

Die Fischernetze schienen das Gewicht der hineingehängten Erinnerungen jedoch zu tragen, hielten die Meerestiere aus Plastik fern von den gemütlichen Sesseln, die wie zufällig übrig gebliebene Zeugen vergangener, lauterer Tage ihre Stellung hielten. Im Stoff hatten sich Zigarettenqualm und Stimmengewirr verfangen, auch der dicke Teppichboden verschluckte die Geräusche schon seit einer ganzen Generation und würde sie nie wieder hergeben.

Aus dem Fenster sah man mit Glück die Füße der Vorbeilaufenden, aber die Gardinen verschleierten das Leben vor der Tür, so gut sie vermochten. Stille. Ich saß in diesem Sessel und empfand nur eine dumpfe, tiefe Stille.

Der schwere Tisch war rund oder oval oder auch eckig, auf jeden Fall hatte er eine Steinplatte oder eine Platte aus mehreren Fliesen. Hinter der Tür war es am dunkelsten. Ich erinnere mich, dass dort irgendetwas stand oder hing, aber selbst in voller Beleuchtung konnte das Licht den Raum nicht erhellen und so bleibt mir die Erinnerung verborgen. Sämtliche Oberflächen waren unwillig, etwas zurückzugeben.

Die dominanten Farben waren grün und orange, obwohl das eher die gefühlten Farben sind. Im Prinzip bestand der Raum wohl eher aus braunem Holz und einer undefinierbaren Mischung aus Schatten.

Man erzählte mir die Geschichten, zumindest die wichtigen, die stolzen und die verrückten. Doch der Raum erzählte noch mehr. Er sprach von Erinnerungen, die im Dunkeln gehalten, aber gepflegt wurden. Die ferngehalten waren vom alltäglichen Leben und doch zum Betreten jederzeit ganz nah. Er hatte keine Funktion und wohl auch nie eine gehabt, obwohl sein Name auf Spaß und Aktivität schließen lässt. Vielleicht wurde in den Sesseln, auf dem Sofa tatsächlich einmal gesessen. Vielleicht hatten außer mir noch andere Menschen hier übernachtet. Doch irgendwie schien er vor allem das Bedürfnis nach Dunkelheit, Geheimnissen, einfach dem anderen Element des Lebens zu befriedigen.

 

 

 

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2 Antworten to “Der Raum”

  1. Ben Froehlich Juli 3, 2014 um 8:01 pm #

    Gruselig-schöne Stimmung.

    • hamburgerdeern84 Juli 4, 2014 um 9:57 pm #

      Gruselig finde ich interessant. Aber als Kind spürt man die Welt tatsächlich anders.

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