Elfter September

12 Sep

Mir hängt es selbst zum Hals heraus, wie sehr mich dieser Begriff – nicht der Tag – noch trifft. Doch mit dem Tag kommt auch das Wort, in dem so viel Erinnerung liegt, und auch heute noch so viel Schmerz (der zumindest global betrachtet erst im Nachgang produziert wurde). So kann ich nur jedes Jahr wieder staunen über dieses Ereignis, das vor 13 Jahren mein Leben erschütterte und die ganz persönliche Erinnerung, die ganz eigenen Ängste und Beobachtungen unserer Welt.

Und mir fällt auf, dass gestern bestimmt zehn Leute, die ich kenne, irgendwo hingeflogen sind. Die Informationen nur über das soziale Netzwerk aufgeschnappt, wundere ich mich tatsächlich am meisten, wieso es nach dreizehn Jahren immer noch komisch ist – zumal hierzulande – in ein Flugzeug zu steigen. Und ob es gestern wohl aufgrund dieser immer noch verbreiteten Unsicherheit günstiger war, zu fliegen.

Und die Welt ist schon voll von kleinen Menschen, die dieses Ereignis nicht einmal miterlebt haben. Sie ziehen wie selbstverständlich am Flughafen ihre Schuhe aus, nehmen den Gürtel aus der Hose, sehen ihren Eltern vor einer Reise dabei zu, wie sie völlig sinnbefreit diverse Flüssigkeiten in kleine, durchsichtige Verpackungen umfüllen.

Sie gehen aus dem Haus und werden misstrauisch beäugt, beschimpft, verletzt. Weil sie schwarze Haare haben oder einen dunklen Teint.

Ich kann nicht mal sagen, wie es vorher war. Freiheit und Vertrauen lassen sich nicht an Merkmalen festmachen, doch wir spüren, wenn sie fehlen.

In den ersten Jahren nach dem 11. September 2001 habe ich in Menschenmengen Panik bekommen. Bei Konzerten, in einer zu vollen S-Bahn. Ich bin ausgestiegen, wenn jemand die Notbremse gezogen hatte und wollte an bestimmten Tagen überhaupt nicht aus dem Haus. 11. September, 1. Oktober (in Deutschland wählt man ja die 110, nicht die 911) usw.

Vor einigen Jahren arbeitete ich am 11. September hier in Hamburg in einem Coffeeshop, es war ein ruhiger, schöner Tag. Ich bediente zwei nette Touristen, die englisch sprachen, wir unterhielten uns und ich war ganz aufgeregt, denn die Reise nach Kanada war bereits in Planung. Sie waren sehr lieb, also fragte ich, woher sie kämen.

„New York.“

Ich wagte nicht zu fragen, ob sie mit Absicht nach Hamburg gekommen waren an diesem Tag. Wäre ich aus New York gewesen…ich wäre wohl auch nicht gern zum (zehnten) Jahrestag zuhause gewesen. Aber dann ausgerechnet nach Hamburg zu fliegen, grenzt für mich auf eine abstruse Weise an Mut. Vielleicht war es für sie auch der ultimativ sichere Ort (weil einige der Terroristen vor den Anschlägen hier gelebt hatten). Vielleicht war es auch einfach nur Zufall.

Ja, es nervt, sich immer noch den elften September zu vergegenwärtigen. Aber wie schlimm wäre es, wenn wir es nicht tun würden. Wenn wir nicht sehen würden, was sich zum Schlechten verändert hat und wie wir miteinander umgehen sollten.

Wenn wir nicht aktiv Toleranz und Frieden leben, sondern die alteingesessene Angst regieren lassen würden.

 

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6 Antworten to “Elfter September”

  1. Darf man das? September 12, 2014 um 11:06 am #

    Für mich mit chilenischem Hintergrund ist der 11. September ein Krawalltag.
    Was ich irgendwe auch seltsam finde, einen Tag, mit dem man auch dort Schreckliches und viel Gewalt verbindet für Gewalt zu nutzen… Andererseits verstehe ich auch die Wut und die Proteste…
    Ich glaube allerdings, dass der 11.9. für viele Menschen, gerade in meinem Alter oder jünger (ich war damals 13) langsam wieder zu einem „normalen“ Tag wird. Es ist einfach so weit weg. Ich weiß auch, dass mich das damals sehr geschockt hat, das war einfach unvorstellbar, aber die Ausmaße habe ich nicht so richtig erfasst. Es hat allerdings zu meiner „medialen Erweckung“ geführt, seitdem interessiere ich mich für das Weltgeschehen.
    Und ja, ich reise gezielt am 11.9., zumindest bis vor ein paar Jahren war da an den Flughäfen weniger los, ist ganz angenehm…

    • hamburgerdeern84 September 12, 2014 um 1:04 pm #

      Auch für mich wird der Tag selbst zu einem „normalen“ Tag. Aber der Begriff ist so aufgeladen – das wird sich für mich nie ändern.

      Und auch bei mir gab es diese „mediale Erweckung“.

  2. nandalya September 12, 2014 um 11:16 am #

    Der 11. September ist ein schwieriges Thema. Ich habe den Einschlag des zweiten Flugzeugs damals am TV verfolgt. Aber mich schockiert so schnell nichts. Natürlich war ich betroffen und ich bin absolut gegen Gewalt und Krieg. Aber ich kann Gefühle, Emotionen beherrschen und nicht sie mich. Was wir über den 11. September wissen, oder zu wissen glauben, ist nicht die ganze Wahrheit. Aber wie dem auch sei, die Betroffenheit über all die sinnlosen Tode bleibt.

    • hamburgerdeern84 September 12, 2014 um 1:00 pm #

      Mich schockiert tatsächlich, wie sehr dieses eine Geschehnis über Jahre hinweg genutzt, instrumentalisiert und verfremdet wurde, um all die anderen (Gewalt)Taten zu rechtfertigen. Und auch wenn wir das alle wissen, ist es schwer, zu echter Freiheit zurückzukehren.

  3. laberladen September 13, 2014 um 8:42 am #

    Ich habe den 11. September 2001 sehr bewusst mit Schreck und Entsetzen erlebt, zum Glück nur durch den Fernseher und nicht wie so viele vor Ort. Für die New Yorker ist dieser Tag sicher ein schwarzer Tag und das für lange, lange Zeit.

    Ich selbst mache an diesem Tag nichts anderes als sonst. Ich würde auch bedenkenlos fliegen. Da kam mir der Grusel eines Terroranschlages eher mal in den Sinn, als ich letztes Jahr in London in der U-Bahn saß und mich unter den arglosen Mitfahrern umsah. Oder wenn ich im ICE mit Höchstgeschwindigkeit durch Deutschland rase. Beim Oktoberfest in München … Ich glaube, so ein feiger Anschlag kommt unerwartet und aus dem Hinterhalt und deshalb kann man sich (als Privatperson) kaum dagegen schützen. Ich hoffe, die Behörden können da mehr tun und versuchen ihr Bestes.

    Mein pesönlicher Beitrag ist es, mich von dieser Art der Kriegführung nicht einschüchtern und beeinflussen zu lassen. Ich will es mir nicht nehmen lassen, offen z. B. auf arabisch aussehende Menschen zuzugehen, Veranstaltungen zu besuchen, die evtl. ein Anschlagsziel sein könnten, Gewalt und Unrecht zu bekämpfen – egal, wie und womit es begründet wird. „Freiheit und Vertrauen“ hast du das genannt, ja, das brauchen wir. Und wer es verloren hat, braucht es wieder zurück.

    LG Gabi

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