Erinnerungen schreiben

30 Sep

Ich war vielleicht zehn, als mir das erste Mal ganz schmerzlich bewusst wurde, wie vergänglich Momente sind. Und nicht nur das, vor allem auch Anblicke.

Ich war mit meiner Familie im Urlaub (Dänemark, Nordsee-Seite, es muss Sommer gewesen sein). Wir erklommen gerade eine kleine Anhöhe (mehr geht in Dänemark nicht, so platt ist es da), auf der ein Leuchtturm stand. In diesen Leuchtturm konnte man nicht hinein gehen, aber das war mir in diesem Augenblick wirklich total egal, denn vor mir erschien plötzlich das Meer in all seiner Pracht.
Die Sonne schien direkt auf das Wasser und das Licht blendete unglaublich. Die Strahlen brachen sich in den zarten Wellen und mein ganzer Kopf war voll von diesem Licht, diesem Anblick, diesem Bild. Ich hatte nie etwas Schöneres gesehen.
Ich wollte für immer dort stehen bleiben und auf das Wasser schauen und mich blenden lassen.

[So sind wir Menschen.]

Ich hätte natürlich noch stehen bleiben können, aber wirklich traurig war ich in diesem Moment darüber, dass ich mich später nicht würde erinnern können an dieses Bild. So ist das mit Bildern in der Erinnerung, sie schwimmen. Wenn man also versucht, sich an einen fixen Anblick zu erinnern, funktioniert das für gewöhnlich nicht. Ich presste also mit all meiner Kraft die Augen zusammen und ließ das Bild in mein Gedächtnis „einbrennen“. Zumindest versuchte ich es. Mehr ging ja nicht. Heute erinnere ich mich also noch an meine Verzweiflung und den unbändigen Willen, dieses Bild in mein Gedächtnis zu brennen. Ich weiß auch noch, wie verrückt ich nach diesem Licht auf dem Meer war.
Immerhin.
Ich kann es nicht mehr sehen, aber ich kann es rekapitulieren.

Eindimensionale Sinneswahrnehmung scheint also keine gute Idee zu sein.

Heute schreibe ich lieber. So kommen die Erinnerungen der Wahrheit näher und halten auch länger.

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