Die Sache mit den Wurzeln

4 Okt

Es war einmal ein kleiner Baum. Er stand am Rande eines Waldes, so dass er den Wind und bei Gewitter sogar Blitz und Donner jedes Mal frontal abbekam. Wenn sich Menschen auf einen Spaziergang aufmachten, gingen sie am kleinen Baum vorbei und sagten „Oh, ist der schön. Der wird bestimmt mal ganz groß und stark werden.“ Natürlich war er schon stark, aber das wusste der kleine Baum nicht. Er sah nicht, wie es im Innern des Waldes aussah, wie kahl seine Artgenossen teilweise waren, die nur noch ihre obersten Blätter trugen. Und so hielt er sich für klein und schwach. Aber dass die Leute ihn bemerkten, machte ihn glücklich. Er hielt seine Blätter extra so hin, dass die Spaziergänger sie von ihrer besten Seite sahen. Im Winder tollten Eichhörnchen auf ihm herum, aber sie liefen schnell weiter in den schützenden Wald hinein. Der kleine Baum mochte den Schnee nicht, auch nicht die Kälte. So schlief er die meiste Zeit, bis es wieder warm wurde und er seinen immer größer werdenden Durst stillen konnte.
Am liebsten hätte er sich oft einfach mit den zurückkehrenden Wanderern auf den Weg gemacht und ein bisschen die Welt erkundet. Wäre über die Felder gewandert, hätte das Meer gesehen (die Vögel erzählten ihm manchmal davon) und hätte andere Bäume kennen gelernt, die ganz anders aussahen als er selbst.
Einmal besuchte ihn ein kleiner Vogel. Er war ebenfalls noch jung, so wie er. Auch wenn seine Zeit als Baum auf der Erde wahrscheinlich schon dreimal so lang gewesen war wie die des kleinen Vogels. Der Vogel hatte gerade gelernt, zu fliegen.
„Ich war heute auf dem Feld und habe mit einer Maus gespielt“, erzählte er dem kleinen Baum. „Wie ist es im Feld?“ fragte der Baum.
„Es ist weit. Für die Maus ist es ein Schutz, für mich ist es wie ein endloses Meer.“ Vom Meer hatten dem kleinen Vogel seine Eltern berichtet.
„Und für mich ist es einfach nur weit weg“, sagte der Baum. Und seufzte. Der Vogel verabschiedete sich zwitschernd und flog wieder in Richtung Feld.
Jeden Tag kam der kleine Vogel und saß auf dem Baum. Er probierte alle Äste aus und erzählte ihm aufgeregt von seinen Ausflügen. Der Baum war sehr glücklich, wenn der kleine Vogel ihn besuchte, auch wenn er jeden Tag ein kleines bisschen schwerer wurde. Er fragte ihn, was er alles erlebt habe und nachts träumte er, er könne sich aufmachen und den kleinen Vogel begleiten. Aber natürlich ging das nicht.

Eines Tages kam der kleine Vogel zu seinem Freund, aber der Baum weinte. „Was ist denn mit dir passiert?“ fragte er. Der Baum schniefte. „Sie haben mir in den Bauch geritzt.“ Der Vogel flog um den Baum herum und entdeckte schließlich die Narben. Menschen hatten ein großes Herz und mehrere kleine Striche in die Rinde des Baumes geritzt.
„Tut es sehr weh?“ fragte der Vogel. Der Baum schüttelte seine Äste. „Vorsicht, ich falle gleich herunter!“ beschwerte sich der Vogel.
„Entschuldige. Nein, es tut nicht sehr weh. Aber meine schöne Rinde.“ Der Vogel merkte, dass der Baum etwas eitel war. „Du siehst mit diesem Herzen noch viel schöner aus. Jemandem bedeutest du ganz viel“, versicherte er seinem Freund. Da verliebte sich der Baum in den Vogel.
Jeden Tag redeten und lachten sie miteinander, der Vogel wurde noch größer, bis er schließlich ausgewachsen war. Die Tage wurden jetzt kürzer, die Blätter bekamen langsam eine gelbe Farbe, das Wasser wurde knapp. Der Baum wurde müde. Eines sonnigen Tages saß der Vogel wieder auf seinem Lieblingsast. Er schien irgendwie traurig. „Was ist los?“ fragte der Baum.
„Ich werde dich eine Weile nicht besuchen können“, piepste der Vogel mit trauriger Stimme. Der Baum war verwirrt. „Wieso das denn?“
Der Vogel schüttelte sein Gefieder. „Wir fliegen heute Abend in den Süden.“
Der Baum sagte lange Zeit nichts. „Süden ist weit weg, oder?“ fragte er schließlich. Der Vogel nickte.
„Ich werde erst im nächsten Frühjahr wiederkommen“, erklärte er. Sie schwiegen beide eine Weile, dann machte sich der Vogel auf und erhob sich, hoch wie noch nie zuvor, in die Luft.
Der Baum schaute ihm lange hinterher.

Die Tage waren dunkel, traurig und leer ohne den kleinen Vogel. Die umstehenden Bäume versuchten den kleinen Baum zu trösten, aber für ihn hatte die Welt keinen Sinn mehr. Er schlief, soviel er konnte und hoffte, dass der Winter bald vorüber war.

Eines Tages kam ein Holzfäller vorbei. Normalerweise hielten alle Bäume immer die Luft an, wenn sie eine Axt sahen. Aber diesmal sprach der kleine Baum den Mann mit der Axt an. „Hallo“, sagte er traurig. Der Holzfäller blieb stehen und wartete, was ihm der Baum zu sagen hatte.
„Kannst du vielleicht meine Wurzeln kappen?“ fragte der Baum. Der Mann mit der Axt schüttelte den Kopf. „Es ist noch nicht deine Zeit, lieber Baum. Du bist jung.“ Der Baum schüttelte seine Äste. „Du verstehst nicht. Ich will zu meinem Freund.“ Der Holzfäller blieb hart. „Du bist gesund. Wart’s ab, wenn der Winter erst vorbei ist, wirst du wieder glücklicher sein. Ist eine harte Zeit, uns allen fehlt das Licht. Lass dich nicht unterkriegen.“ Er wollte weiter gehen. Doch der Baum rief laut: „Halt!“ Der Mann mit der Axt blieb verwirrt stehen. Er wollte keinen jungen, gesunden Baum fällen.
„Ich mag meine Wurzeln nicht. Sie halten mich davon ab, in die Welt hineinzulaufen. Ich werde nur besucht, aber ich kann nicht selbst entscheiden, wann ich wohin gehe.“ Der Baum war verzweifelt.
„Sorry Kumpel, aber du bist nun mal ein Baum“, sagte der Holzfäller. Dann ging er in den Wald hinein.
Jeden Tag ging der Mann mit der Axt am kleinen Baum vorbei und machte sich auf den Weg, ein paar alte und kranke Bäume zu fällen. Manchmal kam er auch ohne sein Werkzeug vorbei und machte nur einen Spaziergang. Jeden Tag sprach der Baum ihn an.
„Bitte, hilf mir. Kappe meine Wurzeln, damit ich mich frei bewegen kann.“ Und jeden Tag schüttelte der Holzfäller seinen Kopf.

Die Nacht wurde länger als der Tag und der Baum fiel in einen tiefen Schlaf. Ein paar Wochen später wachte er auf. Wieder ging der Holzfäller an ihm vorbei. „Hallo“, sagte der Baum. Der Mann mit der Axt lächelte. Es schien dem Baum besser zu gehen. Doch er irrte.
„Bitte, kappe meine Wurzeln“, flehte der Baum sehnsüchtiger als jemals zuvor.
Der Mann hielt inne. Der Baum sah so unglücklich aus. Was hatte so ein Baum für einen Sinn? Er würde krank werden, dachte der Mann mit der Axt. „Willst du das wirklich?“
Der Baum antwortete mit voller Entschlossenheit: „Ja.“ Der Mann nickte. „Also gut.“ Der Baum konnte sein Glück kaum fassen. „Wie wird es sein?“ fragte er aufgeregt. „Werde ich laufen können?“ Der Mann überlegte kurz. „Du wirst die absolute Freiheit haben. Du wirst fliegen.“

Und so erbarmte sich der Mann und schlug ihm seine Wurzeln ab. Der Baum war ihm unendlich dankbar. Er breitete seine Äste aus, soweit er konnte und wartete auf das Gefühl der grenzenlosen Freiheit.
Und sie kam.

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11 Antworten to “Die Sache mit den Wurzeln”

  1. Mme Contraire Oktober 4, 2014 um 9:12 pm #

    Einfach … wow. Ob der Baum genau diese Freiheit haben wollte? Nachdem wir uns nun kennenlernen durften, frage ich mich natürlich, ob der heutige Tag dich in irgendeiner Weise zu diesem schönen Text inspiriert hat – aber das darf natürlich dein Geheimnis bleiben. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, ab sofort mehr von dir zu lesen. Herzliche Grüße und die besten Wünsche, bis bald! Mme C.

    • hamburgerdeern84 Oktober 4, 2014 um 9:15 pm #

      Danke dir. Die Idee ist bereits etwas älter, aber nach dem heutigen wunderbaren Tag ist die Geschichte dann einfach ganz zwanglos entstanden. Ich freue mich auch darauf, noch mehr von dir zu lesen 🙂

  2. gerritjanappel Oktober 4, 2014 um 11:35 pm #

    Ich musste spontan an Hildegard Knefs Lied „Tapetenwechsel“ von der Birke denken, die sich ihre Freiheit selber nimmt. Sie verlässt ihren Hain, wird anderer Stelle von zwei arroganten Buchen verscheucht, Hunde jagen sie, sie wird beinahe vom Zug überfahren, und am Schluss wird sie von einem Förster gefällt. „Und als Kommode dachte sie noch immer, wie schön es doch im Buchenhaine war…“

    • hamburgerdeern84 Oktober 5, 2014 um 7:44 am #

      Auch eine interessante Geschichte. Ich kannte das Lied bisher noch nicht, aber es gefällt mir.

  3. ferventcore Oktober 5, 2014 um 10:57 pm #

    Das ist einfach wunderschön…
    obwohl da ganz weit nach hinten gedrängt die Gewissheit bleibt, dass der „freie“ Fall des Baumes nur ein kurzer ist und auf dem Boden endet.
    Aber der Wunsch, dass sein Traum in Erfüllung geht, war bei mir so groß, dass man glatt die Physik vergisst und glaubt, dass er dem Vogel einfach hinterhergeflogen ist. Und dabei bleibt´s in meinem Kopf auch, sonst kann ich heute Nacht nicht schlafen! 😀

    Liebe Grüße!

    • hamburgerdeern84 Oktober 6, 2014 um 8:47 am #

      Das hast du wirklich schön gesagt! Danke 🙂
      Liebe Grüße zurück

  4. nandalya Oktober 6, 2014 um 12:18 pm #

    Ich mag solche Geschichten. Und ich mag den tieferen Sinn. Danke 🙂

  5. Curima Oktober 8, 2014 um 7:54 am #

    Miep. Schön. Und wirklich traurig. Der arme Baum.

  6. Holger Oktober 15, 2014 um 8:16 pm #

    Ich bin beeindruckt, eine sehr schöne Erzählung von dir!

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