Der Vorhang

7 Okt

Da
Das Telefon klingelt. Es klingelt genau fünfzehn Mal. Es ist ein altes Telefon, mit einer Schnur. Der Hörer würde sich maximal zwei, drei Meter von seiner Station entfernen lassen.
Es ist eines dieser alten Telefone, weil heute jetzt ist. Aber wir sind hier, im „alten“ Jetzt, im vorherigen Heute.
Es klingelt. Lang. Ein lang gezogenes „Rrrrrrrriiiiiiiinggggggg“. Und das also fünfzehn Mal. Weniger ist einfach nicht echt. Aber ich nehme den Hörer nicht ab. Stattdessen starre ich die Scheibe an, mit den Nummern.
0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9.
Jede gewählte Zahl gäbe einen Laut von sich beim Zurückrudern der Wählscheibe. Ein leises tock-tock-tock. Das wäre wohl die drei gewesen. Es ist fast schon ein Schnurren, aber Katzen können das schöner.
Es klingelt immer noch (wie gesagt, fünfzehn Mal müssen wir es hören).
Am Ende ist das Telefon stumm. Als hätte ich mir sein Klingeln bloß eingebildet. Als wäre es nur ein Stück leblose Dekoration.
Ich weiß genau, wer mich angerufen hat. Aber ich wollte sie nicht sprechen.
Ich stehe langsam vom Sofa auf. Es ist ein schönes Sofa. Darauf habe ich Wert gelegt.
Langsam drehe ich mich zur Seite, mein Blick gleitet an einer Vase entlang, bleibt an einem Bild haften und schließlich – sehe ich den Vorhang. Er weht seicht im Wind, färbt sich mal ein, dann ist er wieder grau.
Ich warte, wie jeden Tag. Aber sie kommt nicht her. Irgendetwas hält sie gefangen auf der anderen Seite.
Und mich auf dieser.

Hier
Ich lege das Telefon aus der Hand. Ich wollte ihr sagen, dass ich sie nicht besuchen werde. Wollte mich bei ihr entschuldigen, weil ich weiß, dass sie wartet. Sie macht praktisch nichts anderes als neben dem Telefon sitzen (und nicht rangehen), ein paar Spaziergänge unternehmen und über Katzen nachdenken. Und sie hat wirklich komische Gedanken, was Katzen angeht. Kranke Gedanken. Anders geht es leider nicht.
Sie wartet, aber ich werde sie enttäuschen müssen.
Denn sie lebt in einer kopierten Welt, einer idealisierten Welt. Einer eingefrorenen, nicht echten, nicht meiner.

Da
Ich liege auf dem Sofa und denke zwanghaft an Katzen. Katzen und Messer. Ich kann nicht anders, es ist meine Natur. Aber irgendetwas in mir rebelliert dagegen. Der Vorhang rauscht ein bisschen. Auf dem Tisch steht eine Flasche Bier, halb leer.
Das Telefon klingelt. Lange Klingeltöne, acht an der Zahl. Ich nehme den Hörer ab.
„Hallo?“
„Hallo. Ich werde nicht zu dir kommen.“
„Warum nicht?“
„Du lebst in einer Kopie, einer idealisierten Welt, einem Quasi-Murakami-Universum.“
„Na und?“
„Ich habe mich entschieden, dass das nicht reicht. Dass es nicht funktionieren würde. Und sein wir mal ehrlich, morgens um vier Uhr aufstehen, um die ersten Sonnenstrahlen einzufangen, ist auch nicht mein Ding.“
„…“
„Es tut mir leid.“
„Warum bist du nicht hergekommen, um es mir persönlich zu sagen? Ich weiß doch, dass du nur zu gern mal hinter diesen Vorhang schauen würdest.“
„Ja, darüber habe ich nachgedacht. Aber dann gäbe es kein Zurück mehr.“

Sie sagte mir Lebwohl. Ich legte den Hörer auf und überlegte, was ich nun mit meiner Zeit anfangen sollte. Das Telefon würde so schnell nicht mehr klingeln.
Ich streifte ruhelos durch die Wohnung, dann sammelte ich ein paar Kleidungsstücke ein und machte mich auf zur Reinigung.

Hier
Ich atmete tief aus. Es war richtig, aber es fühlte sich seltsam an. Ich war frei und doch verloren. Was sollte ich nun mit meiner Zeit anfangen, wenn ich nicht mehr an den Vorhang dachte und da anrief? Ich stand auf, streifte ruhelos durch die Wohnung und schließlich öffnete ich die Haustür. Dann ging ich einfach los, durch mein eigenes Leben. Der Rest würde sich finden.

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5 Antworten to “Der Vorhang”

  1. Mme Contraire Oktober 7, 2014 um 9:09 pm #

    Dieser Vorhang also. Ich schätze nach dem vergangenen Wochenende schwirrt mindestens noch in drei anderen Köpfen die Sache mit dem Vorhang. Danke, dass du uns an deinen Gedanken dazu teilhaben lässt! Und schöne Grüße nach Hamburg 🙂

    • hamburgerdeern84 Oktober 7, 2014 um 9:13 pm #

      Es freut mich, wenn (sich) der Vorhang bewegt.
      Schöne Grüße aus dem mittlerweile sauwettrigen Hamburg 🙂

  2. Curima Oktober 8, 2014 um 7:34 am #

    Hallihallo,
    endlich hab ich mal Zeit gefunden, mir dein Blog mal aufzurufen 🙂 Schöner Text, der gefällt mir gut. Irgendwie traurig, aber am Ende doch hoffnungvoll.

    Ich hoffe, ihr hattet am Samstag noch viel Spaß? Liebe Grüße! Lena

    • hamburgerdeern84 Oktober 8, 2014 um 11:25 am #

      Hallo, Lena, das freut mich – vielen Dank 🙂
      Ja, der Samstag war schön, schade dass du nicht dabei sein konntest. Nächstes Mal 😉

      • Curima Oktober 8, 2014 um 11:28 am #

        Genau! Bzw., wie ja schon angedacht, mal zwischendurch?

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