Kurzgeschichte Teil 1

19 Mai

Meine Großmutter wartete auf ihn, jede Minute an jedem gottverdammten Tag, den er nicht da war. Er war in den Krieg gezogen. Und so, wie die Männer voller Stolz mit einem gerade der Pubertät entwachsenen Gesicht breit grinsend ihre Taschentücher schwenkten, während sie halb bewusst und halb schockgefroren vor Angst ganz unauffällig den Finger zum Lauf ihrer Waffe führten, nur um kurz sicherzugehen, dass sie nicht träumten, saß sie auf ihrem Bett und weinte ihr Taschentuch voll. Meine Großmutter war eine starke Frau, die jedoch ihren Gefühlen freien Lauf lassen konnte, wenn es darauf ankam.
Innerlich schrie sie immer wieder warum, doch äußerlich kam kein Laut über ihre Lippen. Nachdem sie sich eine halbe Stunde ihrer Verzweiflung über das Leben und Sterben hingegeben hatte, straffte sie ihr Kleid, steckte das Taschentuch in ihre Tasche, entschied sich dann, es gegen ein frisches auszutauschen und trat schließlich vor die Tür, um die Hühner zu füttern.

Mein Großvater hatte sie nicht alleine gelassen. In ihr wuchs neues Leben heran. Ein laut plärrendes Baby, das sie jeden Tag zum Aufstehen und Funktionieren zwang. Die Gedanken an meinen Großvater drängte sie immer weiter in ihr Hinterbewusstsein. Das Kind wurde größer und das Leben war das Leben.

Sie wartete und gleichzeitig hoffte sie auf Erlösung vom Warten. Eines Nachts kam ihr der furchtbare Gedanke, dass jede Nachricht besser wäre als keine Nachricht. Doch dem Schlund der Dunkelheit setzte sie geistesgegenwärtig das grelle elektrische Licht einer blassen Röhre entgegen, das ihr zudem die ungeschminkte Wahrheit über ihren körperlichen Zustand bescherte.

Andere Frauen waren tapfer, arbeiteten den lieben langen Tag oder zogen den Nachwuchs groß. Meine Großmutter verbrachte die meiste Zeit damit, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie Angst hatte und ihren Mann vermisste. Die Milch holen – ein Akt der Normalität. Die Eier einsammeln und zählen – Mathematik gegen den Wahnsinn. Das Kind baden und in die Stadt zum Einkaufen fahren – bloß nicht auffallen.

Und so ging es sieben lange Jahre. Der Krieg war längst vorbei, aber es gab keine Nachricht von Großvater. Ihre Schwester stellte sie einem netten jungen Mann vor, doch meine Großmutter war entrüstet. Sie war empört. Sie war außer sich. Und schließlich gestand sie ihrer Schwester unter Tränen, dass wohl jede Nachricht besser sei als keine Nachricht. In den Armen ihrer Schwester wurde der unterdrückte, unglaubliche Gedanke endlich zu einem legitimen Wunsch.

Und dann kam er nachhause.

Ihre Augen trauten ihrem wild springenden Herzen kaum, ihre Ohren setzten einen Moment lang aus und der stumme Schrei von damals, als sie so bitterlich geweint hatte, ganz allein in ihrem Bett, entlud sich mit aller Kraft.

Mein Großvater weinte nur.

Als sie versuchten, die Fetzen einer jungen, zerrissenen Liebe wieder aneinander zu nähen, die Illusionen einer verflogenen Jugend und eines zerbombten Glaubens einzufangen und die Scherben ihrer Träume einzusammeln, merkten sie, dass es gar nicht so einfach war. Er war zurückgekommen und doch war er nicht mehr derselbe. Der Mann, den sie hatte gehen lassen, war irgendwann in den 2.578 Nächten verloren gegangen. Wahrscheinlich schon während der wenigen ersten.

„So oft hat der Mond unsere Erde umkreist, so oft ist die Sonne untergegangen. So viele Menschen haben seinen Weg gekreuzt und ihn für immer verlassen. Wie konnte ich nur erwarten, den Mann wieder zu sehen, der damals ging?“ Sie wandte sich anderen Gedanken zu, sorgte für Kleidung und Essen und hoffte, dass sich die Teile wieder zusammenfügen würden. Doch wie ersetzt man Fragmente der Seele?

Am Tage versuchte mein Großvater, für seine Familie da zu sein, auch wenn er weder seine Rolle noch seinen Sinn wirklich fassen konnte. In der Nacht lenkte er seine ganze Kraft darauf, an diesem Ort zu bleiben und zu begreifen, dass er zuhause war. Der Alkohol war billig und verfügbar. Wenigstens sucht er diese Attribute nicht in den Armen einer anderen, dachte meine Großmutter.

Wenn sie zusammen in die Stadt fuhren und sich auf dem Markt mit anderen unterhielten, gab es kaum Neuigkeiten auszutauschen. Nur Floskeln. Die Neuigkeit war schließlich immer noch seine Rückkehr und über die mochte niemand mehr als einmal mit ihm sprechen.

Er nahm einen Apfel in die Hand und hielt ihn einfach fest. Die Sonne schien auf die wunderbare grünrote Schale und er sah ganz still auf die Frucht in seiner Hand. Meine Großmutter schaute ihm aus ein paar Metern Entfernung zu und bemerkte, wie für ihn die Zeit stehen geblieben sein musste. Auch sie war gefangen von diesem Moment. Dann lächelte er die Marktfrau an, die daraufhin einen kleinen Scherz machte und ihm eine Tüte mit Äpfeln füllte. Sie fühlte einen Stich.

Es war keine Eifersucht im direkten Sinne, eher ein Verlust, der tiefer ging, als alles, was sie greifen konnte. Was unterschied die Verbindungen zwischen zwei Menschen, objektiv betrachtet, überhaupt voneinander? Geht es bei der Liebe um die Wiederholung des Zusammenseins, das immer wiederkehrende Teilen von Augenblicken? Sind wir nur die Summe unserer Interaktionen?
In diesen Momenten, wo wir eine andere Seele einfach der Welt hingeben und sie sich verbindet mit einem anderen Menschen, wo ist dann noch die Verbindung zwischen uns, fragte sie sich.

In diesem Moment schaute er zu ihr und blickte ihr mitten ins Herz.

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7 Antworten to “Kurzgeschichte Teil 1”

  1. Pauline Mai 19, 2015 um 6:13 pm #

    Herzzerreißend und einfach wunderbar geschrieben, Danke dafür ❤

  2. Mme Contraire Mai 20, 2015 um 8:42 am #

    Wunderschön, dein Text berührt mich sehr. Mit langsamen Schritten wieder ins Leben zurückkehren, so schwer.

  3. nandalya Mai 20, 2015 um 11:43 am #

    Viele Menschen sind im Krieg geblieben. Für immer. Danke für diesen Text.

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