Kurzgeschichte Teil 2

21 Mai

In Wirklichkeit habe ich meine Großmutter nie kennen gelernt. Sie ist vor zwei Wochen gestorben und ich habe davon bloß am Rande erfahren. Im Prinzip interessiert es mich nicht, wer sie war. Ich denke mir solche Geschichten bloß aus, weil ich es kann. Weil sich die Möglichkeit bietet. Sie hat nichts mit der Realität zu tun – zumindest nicht, so weit ich weiß. Und wenn doch, ist es auch egal.

Ich bin eine notorische Lügnerin. Ich habe schon als Kind gelogen – nicht nur, um mich vor Strafe zu schützen und mir Aufmerksamkeit zu erschleichen, sondern auch, um mich und vor allem die Welt interessanter zu machen. Was letztlich wieder zur Aufmerksamkeit führt. Und genau da liegt auch mein Problem: Ich bin mit meiner Aufmerksamkeit so sehr bei meinen Lügengeschichten, dass ich kaum noch welche für die reale Welt übrig habe. Eine erfundene Geschichte kostet nämlich unglaublich viel Konzentration und Kraft. Das Aufrechterhalten von Konstrukten ist um einiges schwerer und anstrengender als das Merken von tatsächlich passierten Geschehnissen. Nach den Lücken fragt in der Realität keiner. Und wenn doch, lässt sich das schon füllen oder ablenken. Aber wehe, es taucht ein Fehler in der Lüge auf! Sie droht sofort zusammenzubrechen. Das liegt nicht nur daran, dass Unregelmäßigkeiten oder Widersprüche die Logik und den Fluss einer Geschichte gefährden. Schließlich sind wir Menschen voller Widersprüche. Zur Not könnten wir die Lüge immer irgendwie retten. Aber dann müssten wir uns mit ihr identifizieren – und sie wird zur Wahrheit, verliert ihre Funktion.

Vor allem ist eine Lüge aber auch so fragil, weil wir schon so viel Energie in sie investiert haben. Wenn dann Fehler auftauchen, ist sie es manchmal einfach nicht mehr wert, aufrechterhalten zu werden. Solange sie uns leicht von den Lippen geht, kostet eine Lüge nicht viel und gibt uns sogar etwas. Die Freude an einer guten Geschichte oder das Gefühl, die Welt zu beherrschen. Wir schreiben die Geschichte. Natürlich nicht die echte, das wäre ja ganz schön vermessen.

Aber die Wahrheit kann uns erleichtern, wenn eine Lüge „auffliegt“. Nicht nur aus moralischen Gründen, wie wir uns so gerne einreden. Das Aufgeben der Lüge verschafft auch Erleichterung, da wir nicht mehr so hart dafür arbeiten müssen. Sondern einfach mal durchatmen, einfach nur da sein. Die (Neu-)Erschaffung der Welt ist auf Dauer immerhin ziemlich anstrengend.

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4 Antworten to “Kurzgeschichte Teil 2”

  1. Pauline Mai 21, 2015 um 8:42 pm #

    Chapeau! 😉
    GLG ♥ Pauline ❤

  2. glumm Juli 14, 2015 um 1:22 pm #

    Was das Schreiben anbelangt, kann ich mich nur strikt der Realität entlang hangeln, mit ein wenig Übertreibung vielleicht. Das hat zwar seinen Reiz, seine Stringenz, und macht auch Spaß, aber die Meisterschaft liegt ganz klar in der Lüge. Guter Text.

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