Liebe statt Angst

9 Jul

Eines Tages stand es da. Wie von Geisterhand aufgebaut. Oder von irgendwelchen Schulkindern. Es hatte definitiv Projektstatus, so unperfekt war es. Mitten auf dem Platz stand es ganz frech herum, mit seinen dünnen Wänden aus Wellblech. Dahinter waren die schönen Glasfassaden zu sehen, die ordentlichen und immer aktuellen Schaufensterauslagen. Hochglanzposter im Reisebüro, teure Kleidungsstücke in der Boutique. Und dann das. Einfach diese komische kleine Hütte. Und keiner wusste, was das Ganze sollte.

Ein paar Tage später hatte das Häuschen ein Schild, handgeschrieben natürlich. „Das Tauschhaus“ stand darauf. Ich ging langsam dran vorbei, in beiden Händen hielt ich meine Einkäufe, und kurz überlegte ich, stehen zu bleiben. Doch das war es nicht wert. Vielleicht würde hier jemand einen Flohmarkt veranstalten. Was ging es mich an. Das würde schon bald wieder weg sein.

Am nächsten Morgen ging ich wie gewöhnlich meine Zeitung und Brötchen kaufen. Seitdem ich Rentner war, genoss ich dieses Ritual. Das war meine Freiheit. Für gewöhnlich lief ich dabei quer über den Platz, sah mir ringsherum die Geschäfte an, grüßte hier und da jemanden und ging dann einkaufen. Erst in den Kiosk und dann zum Bäcker.

Doch seit dieses komische Haus da stand, ging das nicht mehr. Ich musste nun in einem Bogen gehen. So machte es keinen Sinn mehr, erst zum Kiosk zu gehen, denn ich kam fast direkt am Bäcker vorbei. Also ging ich zuerst zum Bäcker. Als ich anschließend mit meiner Brötchentüte im Kiosk stand, hatte ich keine Hand frei, um in den Zeitschriften zu stöbern. Der ganze Tag war quasi im Arsch. Ich griff meine Zeitung und ging schlecht gelaunt wieder zur Tür hinaus. Als ich am „Tauschhaus“ vorbei ging, fiel mir ein zweites Schild ins Auge. Die Tauschregeln. Man sollte seine alten, aber noch heilen Sachen ins Häuschen legen und sich dafür das mitnehmen, „was man brauchte“. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich hiervon irgendetwas brauchen würde. Allerdings war es eine gute Gelegenheit, mal meinen Keller auszuräumen.

Es sollten außerdem keine Lebensmittel hineingestellt werden, sondern nur Bücher, Kleidung (gewaschen) und Haushaltsgeräte.

Das Haus war dunkel und sah ungemütlich aus. Ich fragte mich, wie lange es hier stehen bleiben sollte. Die ersten Frauen gingen schon ein und aus, die meisten brachten Dinge, anstatt etwas mitzunehmen. Ich ging nach Hause und beschloss, dieses unangenehme Gebilde zu vergessen.

Doch jeden Morgen musste ich wieder am Tauschhaus vorbei gehen. Obwohl ich zunächst zum Bäcker kam, ging ich aus praktischen Gründen weiter zum Kiosk und dann noch einmal zurück zum Bäcker. Dann ging ich wieder in großem Bogen am Schandfleck unseres kleinen Einkaufszentrums vorbei.

Als das Ding schon zwei Wochen dort stand und der Betrieb auf Hochtouren lief, brachte ich eine alte Bohrmaschine und eine Handvoll Bücher ins Tauschhaus. Es interessierte mich schon, wie das Ding von innen aussah. Wie ich es mir gedacht hatte: Dunkel und eng. Kleidungsstücke lagen auf Tapeziertischen oder hingen an Kleiderstangen. Außerdem lagen und standen überall Bücher herum. Auf dem Fußboden standen Kartons und Wannen, aus denen Haushaltsgeräte heraus ragten. Ich legte meine Bohrmaschine zu einem Mixer und die Bücher auf einen Stapel alter, vergilbter Hefte. Dann ging ich schnell wieder an die frische Luft.

Am nächsten Tag war das hässliche Wellblechhaus plötzlich bunt. Jemand hatte es angemalt! An den Seitenwänden ragten in riesiger Schrift im Graffiti-Stil die Worte „Tausch-Haus“ und „Liebe statt Angst“ hervor. Darunter waren zwei Figuren zu sehen, die offensichtlich einen männlichen und einen weiblichen Roboter darstellen sollten. Der Roboter-Junge hielt dem Roboter- Mädchen eine Blume entgegen. Sollte das jetzt etwa bedeuten, dass dieses Ding hier stehen bleiben sollte? Ich rief sofort die Stadtverwaltung an. Eine junge Frau antwortete am anderen Ende der Leitung. Ich schilderte ihr das Projekt und fragte nach seinem Status.

„Ach das Tauschhaus, ich weiß schon. Ist es nicht wunderbar?“ Ich antwortete nicht. Sie musste meiner Anfrage doch entnommen haben, dass ich es ganz und gar nicht wunderbar fand. „Also das hat der Bürgerverein gegründet, es finanziert sich komplett aus Spenden. Die Stadt hat dann allerdings die Standgebühr erlassen, so dass es nun quasi keine Kosten mehr produziert. Es kümmern sich Freiwillige darum, dass alles sauber und ordentlich bleibt.“

Ich konnte es nicht fassen. „Soll das etwa heißen, das Ding bleibt dort auf Dauer stehen? So sauber und ordentlich ist es nämlich gar nicht, wissen Sie? Das kann ja kein langfristiger Zustand sein.“

Sie ließ sich nicht von ihrer Euphorie abbringen. „Der Bezirk bekommt sogar einen Preis für das Projekt. Das Geld fließt wiederum direkt in die Jugendarbeit.“ Das war ja alles schön und gut, aber so was hätte man ja auch direkt mit Spenden unterstützen können. Dazu musste ja kein Dauerflohmarkt mitten in unserem Einkaufszentrum den schönen Platz verschandeln. Ich legte wütend den Hörer auf.

Am nächsten Tag ging ich zum Bäcker und merkte dann, dass ich vergessen hatte, zuerst meine Zeitung zu kaufen. Wütend knallte ich der Kassiererin das Geld auf den Tresen. Es interessierte mich nicht, dass die anderen Kunden mir komische Blicke zuwarfen. Ich hatte ein Recht auf meine Wut! Ich hatte ein Recht auf meine Freiheit! Warum mussten diese bescheuerten Leute ihre alten Klamotten in diesem frechen Klotz mitten auf meinen schönen Platz bringen? Konnten sie nicht wie alle anderen auch zum Altkleidercontainer laufen? Und über die Bücher hätte sich auch die Bücherhalle gefreut. So wurden sogar noch Arbeitsplätze gefährdet! Ich bekam mich gar nicht wieder ein. Ich überlegte, ob ich einen wütenden Brief an die Stadtverwaltung schreiben sollte. Nein, besser noch, ich würde direkt Unterschriften sammeln.

Ich sprach mit meinen Nachbarn, zog von Haus zu Haus und redete mit allen über die Situation. Doch auch wenn sie alle mehr oder weniger meiner Meinung waren, wollte keiner unterschreiben. „Es wird schon nicht ewig da stehen“, sagten sie. Oder „So schlimm ist es ja schließlich nicht. Es sieht doch ganz niedlich aus.“ Ich hätte kotzen können. Sie sahen einfach nicht ein, dass sich das Problem nicht von alleine lösen würde.

Drei Tage noch zog ich jeden Tag meine morgendliche Runde über den Platz und jeden Tag wurde ich wütender.

 

Dann verrauchte die Wut.

Am vierten Tag trat ich vor die Haustür und die Sonne schien. Ich atmete tief durch. Langsam ging ich zum Einkaufszentrum. Als ich die große Menschentraube sah, die sich auf dem Platz versammelt hatte, setzte mein Herz einen Schlag aus. Auf dem Platz sah ich den großen Aschehaufen – genau dort, wo gestern noch das Tausch-Haus gestanden hatte. Ein Polizist stand gelangweilt daneben und bewachte ein Absperrband. Empörung sah anders aus, dachte ich mir. Die Leute waren offensichtlich aufgeregt, aber es schien fast eine freudige Erregung zu sein. Endlich war hier mal etwas passiert! Ich ging weiter zum Kiosk, meine Schritte schon etwas leichter als zuvor.

Ein paar Tage später zeugte nichts mehr von dem einstigen Projekt, außer einem schwarzen Fleck auf dem Boden. Doch der Regen würde auch den irgendwann hinwegspülen. Und dann wäre alles wie immer.

Keine Blechhütte würde die schönen Fassaden verdecken, kein Müll mehr von den Leuten aus ihren Kellern hervorgeholt und ausgetauscht werden. Ich konnte endlich wieder ganz in Ruhe meine morgendliche Tour gehen. Erst zum Kiosk, dann zum Bäcker.

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3 Antworten to “Liebe statt Angst”

  1. Curima Juli 9, 2016 um 11:23 am #

    Hachja. Schönes Hineinversetzen in eine ganz andere Person mit ihren kleinkarierten Ansichten. Gefällt mir gut! Ich hoffe, es beruht nicht auf wahren Begebenheiten?

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