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Neuwerk – das gehört zu Hamburg

20 Aug

Wir machten uns auf in aller Frühe. Und ich meine wirklich früh. Der Wecker klingelte um 5:30 Uhr. Lasst uns ehrlich sein, packen am Abend vorher ist doch was für Langweiler. Gut durchorganisiert geht manchmal erst in den letzten fünf Minuten. Dennoch war nicht ich es, die ihre Schuhe vergessen hat.
Um sieben trafen wir uns alle – acht Mädels an der Zahl – um zusammen nach Cuxhaven zu fahren. Ein Auto fuhr direkt, das andere machte einen kleinen, ungeplanten Schlenker. Ratet, in welchem ich saß. Und fieberte.
„Die Flut wartet nicht“, tönte es auf der Homepage. Zur Not müssten wir halt hinterherlaufen. So ein bisschen Jogging am Morgen macht doch munter.
Wir sahen jedoch in geringer Entfernung unsere Gruppe und einige wild winkende Teilnehmer darin – das mussten sie sein. So ging es also ins Watt. Alte Turnschuhe und Socken wurden empfohlen, keine Gummistiefel. Barfuss sollte man auch nicht laufen. Das wurde natürlich zum Großteil ignoriert. Die Muschelbänke hielten sich zurück, niemand wurde (ernsthaft) verletzt.
Nach einigen Schritten wurde es nass, noch einige weiter war ich schon eins mit dem Schlamm. Anders geht es nicht.
Irgendwann, nach einer Stunde vielleicht, dachten wir, wir hätten die Hälfte geschafft. Ha. Es folgten noch zweieinhalb weitere. Starkregen und Sturm, dann wieder Sonne – wir hatten das volle Programm. Wer nach „Hamburg“ will, muss einige Prüfungen bestehen. Es fühlte sich an wie ein Marsch durch die Wüste. Zugegeben, eine Wüste aus Schlick. Durch die tiefen Furchen im Boden war es nicht einfach, zu laufen. Irgendwann zog ich meine Schuhe aus. Das Wasser war angenehm warm. Es ging immer weiter. Der Wattführer – ein Rheinländer, der nach eigenen Angaben auch das erste Mal hier längs lief – hielt des öfteren an, um tote oder sich tot stellende Krebse in die Luft zu halten.
Neuwerk kam optisch zwar immer näher, blieb aber im Prinzip stets genauso weit entfernt. Wir liefen jeden überflüssigen Gedanken weg.

Irgendwann waren wir da. Einfach so. Und die Sonne wartete auch schon auf uns.

Mein ganz persönliches Bermuda-Dreieck

15 Apr

Es gibt in Hamburg eine Gegend, in der sollte man sich äußerst vorsichtig bewegen, wenn man sich nicht auskennt. Und selbst, wenn man dort jeden Tag längs fährt, ist noch nicht gesagt, dass alles gut geht. Ich rede nicht vom Hauptbahnhof, auch nicht von St. Pauli und erst recht nicht vom Hafen. Da kann praktisch nichts schief gehen. Nein. Ich spreche vom Dreieck zwischen Altona, der Holstenstraße und Diebsteich. Gefährliches Territorium.

Steigt man in eine S-Bahn der Nummer 11,21,31,3 oder 2, kann es einfach so passieren. Man landet nicht da, wo man hinwollte. Das ist aber noch nicht das ganze Problem. Nun zurückzufahren, erfordert viel Erfahrung oder einen ausgesprochen guten Orientierungssinn. Denn sowohl in Altona als auch am Diebsteich lauert ständig die Gefahr, wieder in die falsche S-Bahn zu steigen. Und auch an der Holstenstraße sollte man wirklich auf die Zugzielanzeige achten.

Als ich einmal zur Holstenstraße wolle, bin ich zu weit gefahren. Ich fuhr aus Versehen zum Diebsteich, dachte mir „kein Problem“ – und stieg in den gegenüberliegenden Zug, um zurück zur Holstenstraße zu fahren. Allerdings landete ich in Altona. Das Problem damals war: Ich fand den Zug zurück nicht. Als ich endlich auf dem richtigen Gleis war, nahm ich die Bahn und erwartete, nun endlich die Holstenstraße zu erreichen. Stattdessen fand ich mich am Diebsteich wieder. Schon wieder! Ich war echt fertig und ging zu Fuß zur Holstenstraße.

Ich bin heute morgen also ganz pünktlich bei meiner Bahn gewesen, stieg ein, fuhr entspannt los – und dann passierte es. Ich war in Altona. Wie war ich plötzlich hierher gekommen? Da sah ich es. Meine S21 war unterwegs einfach zur S3 geworden. Anders konnte es gar nicht sein. Ich stieg also aus und nahm die Bahn zur Holstenstraße. Nicht mit mir, Leute! Heute kenne ich mich aus. Ich grinste zufrieden vor mich hin und sah – Bahrenfeld. So ein Mist.

 

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Im Dammtorbahnhof

29 Mrz

 

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Hier wohnen wir, die grauen Seelen. Die gewieften und die schnellen, die geduldigen und die gehetzten. Wir fliegen ein und aus, drücken uns in den Ecken herum und ergaunern ein paar Krümel. Manchmal auch richtig fette Brocken, aber die sind nicht leicht zu transportieren – und behalten. Wir stürzen uns aufeinander und raufen miteinander. Eine Familie sind wir nicht und doch hängen wir alle zusammen herum und grenzen uns ab von den Durchgängern, den Pendlern, den Reisenden. Den Alltäglichen, obwohl wir doch eigentlich am alltäglichsten sind.

Hier arbeiten wir, die Versorger. Stehen in der Mitte der Nacht auf und verlassen unser warmes Bett, um für Stunden in der Zugluft zu stehen und Zugluft zu atmen. Schmieren Brötchen und kochen Kaffee und braten Burger, schießen Fotos und lackieren Nägel. Wir verkaufen Lesbares und Essbares, Hörbares und Duftendes. Und abends schenken wir ein Feierabendbier aus. Für all die Pendler und Reisenden, die Durchgänger und Verweilenden. Nah dran an allem und doch nur eine Station. Nie ganz dabei.

Hier passieren wir und ärgern uns über die ganzen Menschen, die ständig kaputte Rolltreppe, die frechen Tauben. Sind verwundert über so viel Leben und doch so kurzes Erleben, messen dem Bahnhof nur eine kleine Bedeutung bei. Huschen hindurch und übersehen vielleicht diesen Luftballon, der dort oben im Dach sich verfangen hat. Nehmen uns nicht einmal die Zeit, einander in die Augen zu schauen beim Austausch von Waren und Worten.

Bis draußen die Klänge eines Saxophons einfach nicht zu überhören sind. Die Augen des Mannes mit dem Pappbecher nicht zu übersehen. Der kleine freche Räuber sich jeden Tag wieder an der gleichen Stelle – gleich neben dem Tablett mit den belegten Stullen – herumtreibt und uns das Lächeln ins Gesicht. Jedes Jahr zur Adventszeit die gleiche, altbekannte Deko hervorgekramt wird. Man sich einfach irgendwann ein Stückchen zu Hause fühlt mit all den anderen Bewohnern. Und dies doch nur eine Illusion ist, denn so viele gefangene Erinnerungen an diesem Ort leben eigentlich in einer anderen Zeit, einer anderen Welt.

 

Hamburg – Das liegt bei Bergedorf

9 Dez

Ich muss ja gestehen, eigentlich komme ich gar nicht aus Hamburg. Ich komme aus Bergedorf. Wenn man in Bergedorf groß wird, dann fährt man zum Beispiel auch nicht in die Innenstadt zum Einkaufen, sondern nach Hamburg. Da habt ihr’s. Offiziell ist Bergedorf ein Stadtteil, ja sogar ein Bezirk der Hansestadt. Aber im Gefühl der meisten Leute dort wohnt man immer noch außerhalb.

Noch mehr jedoch für diejenigen, die sich für „echtere Hamburger“ halten, weil sie zum Beispiel in Eimsbüttel geboren und aufgewachsen sind. Mein Freund ist auch so einer. Manchmal muss ich mir heute noch anhören, dass ich aus Bergedorf komme. Aber er liebt mich trotzdem.

Wenn ich zugezogenen Hamburgern erkläre, dass ich in Bergedorf aufgewachsen bin, kommt meistens ein Lachen. Oder ein verständnisloser Blick. Ah, das ist doch da irgendwo im Osten, nicht? Ja. Im Südosten. Kann man eigentlich nicht verfehlen, aber wer fährt da schon mal einfach so hin…Bergedorf liegt nämlich noch hinter dem Ikea in Moorfleet, was zumindest ein Anhaltspunkt für viele ist.

In Bergedorf kann man neuerdings auch ganz nett shoppen, direkt am Bahnhof geht es schon los. (Vom Hauptbahnhof braucht man 20 Minuten mit der S-Bahn.) Dahinter kommt ein niedlicher Stadtkern, ein bisschen wie Lüneburg sieht es da aus. Die Geschäfte sind jedoch nicht mehr so belebt wie früher. Einen Starbucks gibt es auch seit einigen Jahren – um mal die Relevanz des Stadtteils deutlich zu machen. Dahinter wiederum kommen Felder und Deiche. Ein ganz eigenes Flair, und ohne Auto geht hier gar nichts. Tja, das war’s dann auch schon, würde ich sagen. Bergedorf ist eine eigene kleine Welt. Wie eine kleine Stadt (dörfisch wird es wirklich erst beim Deich, wo man sich duzt und Platt schnackt).

Wenn man in Bergedorf groß wird, dann kennt man auch die meisten Leute dort. Deswegen ziehen die meisten als junge Erwachsene in Richtung Innenstadt (also nach Hamburg), um dann eventuell später wieder zurückzuziehen, um dort selbst ihre Kinder groß zu ziehen. Einige ganz mutige Leute ziehen auch komplett weg. Das ist aber wirklich selten. Man munkelt sogar, dass es Leute gibt, die aus anderen Teilen Deutschlands dorthin ziehen.

Ich bin gern mal zu Besuch in Bergedorf. Es gibt einfach sehr viele Erinnerungen und inzwischen wie gesagt auch tolle Einkaufsmöglichkeiten. Und wie die Überschrift verrät, eine einzigartige Mentalität, die mich sehr geprägt hat.

Bergedorf

Ein saucooler Hund in Bergedorf

Wie gut kennst du Hamburg?

28 Nov

So, liebe Leude. Bei Facebook und in zahlreichen anderen Blogs gefunden, empfinde ich es als meine Pflicht, euch auch hier dieses klasse Spiel weiterzuempfehlen:

Click that hood (Hamburg)

Hier könnt ihr testen, wie schnell ihr entweder 20 beliebige oder alle 102 (!) Stadtteile identifiziert.

Meine Bestzeit bei den 20 lag irgendwo bei 1:15 Min. Gar nicht so einfach…

Viel Spaß!

P.S. Das Spiel gibt es auch für Berlin und Ulm.

Die Alster

5 Sep

Sie ist eindeutig der Mittelpunkt. Hier versammeln sich Touristen, Schwäne, Bettler, Büroangestellte, Busse, Kreative, Polizisten, Jogger, Rentner, Geschäftsleute und die Fontäne. Hier trifft die Stadt zusammen und verschmilzt zu einem großen See aus Ideen, Gesprächen, Plänen, Pausen, Spaziergängen, Küssen, Federn und Coffee to go. Wenn die Sonne scheint, ist sie der schönste Ort der Stadt, ebenso bei Eis und Schnee. Und auch mit Feuerwerk. Die Alster.

Flugzeuge fliegen drüber hinweg, S-Bahnen bringen sie den Menschen näher, Schiffe überqueren sie und Läufer umrunden ihre Ufer. Die reichsten Menschen Hamburgs feiern, wohnen, leben hier. Ebenso die ärmsten. Hotels, Botschaften, Restaurants, Geschäfte, Gotteshäuser. Die Alster verbindet alle.

Und trennt uns. Die „richtige“ Seite der Alster bestimmt das Leben. Sie lässt uns lange Wege zurücklegen, wo wir, ginge es mittendurch, ziemlich schnell von A nach B kommen würden. Viele bleiben daher lieber auf ihrer Seite. Jeder hat seine Lieblingsrichtung beim Umrunden der Außenalster, zumindest vermute ich das. Insgesamt kann man gute zwei Stunden hier spazieren gehen, bevor man wieder am gleichen Punkt ankommt. Die Binnenalster hat man schneller geschafft.

Was wären wir ohne die Alster? Nur eine langweilige Hafenstadt. Das Alsterhaus wäre einfach nur noch ein „Haus“, Apple müsste sich in der Mönckebergstraße ansiedeln, viele Leute hätten keinen angenehmen Blick aus ihrem Bürofenster mehr, die ganzen Segelboote müssten Richtung Ostsee oder Nordsee transportiert werden, Jogger würden den Stadtpark übervölkern, die Schwäne und Gänse plötzlich auf dem Trockenen sitzen. Und es gäbe ein riesiges Loch in der Mitte der Stadt, in dem eine Menge Müll herum liegt.

Gut, dass sie da ist.

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Binnenalster im Frühling

Großes Papierboot

Großes Papierboot steuert direkt auf die Fontäne zu

Eppendorf

8 Jul

Nur ein Wort trifft dieses Gefühl, das mich hier immer noch beschleicht, mitnimmt, erfasst: Zuhause. Dies waren sechs, vielleicht sogar sieben Jahre meines Lebens.

Es fühlt sich immer noch so seltsam normal an, hier die Straßen entlang zu gehen. Den Eppendorfer Markt, vorbei an dem kleinen, unauffälligen Schild mit dem Gedicht Wolfgang Borcherts („Sag nein“), weiter am guten alten Penny-Markt in der Erikastraße, das „Borchers“ links liegen lassend dann, schließlich, hinauf zum Lokstedter Weg. Hier habe ich gewohnt, gelebt, geliebt, gehasst… das ganze Programm eben. Das erste Jahr in meiner Mädchen-WG, die nächsten fünf (oder sechs) zusammen mit meinem Freund nur ein paar Häuser weiter.

Als wir die Wohnung direkt über dem Griechen bezogen („Wollen wir zum Griechen gehen?“ – „Ja, aber zu welchem denn?“ – „Na, „Zum Griechen“.“ – „Ja, aber es gibt doch so viele Griechen.“ – „Zum Griechen!“ – „Aber zu welchem denn???“), ahnten wir noch nicht, was alles kommen würde.

Eines schönen Tages saß ich zum Beispiel am PC, als auf einmal alle Rauchmelder im Haus und auch sämtliche im Nachbarhaus losgingen. Sie waren erst wenige Wochen zuvor installiert worden. Die Wände in den Häusern waren sehr hellhörig, so dass schnell ein intensives, schrilles Piep-Konzert ertönte. Ich rannte auf den Balkon und brachte erst mal die Wäsche in die Wohnung, denn nebenan quollen dicke, schwarze Rauchschwaden aus den unteren Fenstern hervor. Dann rief ich bei der Feuerwehr an (ja, meine Prioritäten im Schockzustand sind sehr aufschlussreich), woraufhin mir mitgeteilt wurde, dass bereits Löschfahrzeuge auf dem Weg seien. Ich zitterte. Ganz allein in der Wohnung (und gefühlt im Haus) wusste ich nicht, was ich tun sollte. Also loggte ich mich erstmal bei Facebook ein. „Hilfe, der Puff brennt!“ – 28 Likes binnen weniger Minuten. Ich fühlte mich noch hilfloser und einsamer, also lief ich raus. Im Treppenhaus kam mir eine Nachbarin entgegen und fragte mich, wie sie die Rauchmelder ausstellen könne. Ich hatte keine Ahnung, schlug ihr aber vor, unten bei den Feuerwehrleuten nachzufragen. Sie schaute mich schief an, deshalb ergänzte ich, „wenn die fertig sind.“ Unten vor der Haustür sammelten sich noch mehr Schaulustige und so ging ich irgendwann etwas beruhigter zurück in die Wohnung. Immerhin lag auch noch ein komplettes Haus zwischen unserer Wohnung und dem Massagesalon und das Feuer beschränkte sich glücklicherweise auf die leeren (sinnlichen) Räumlichkeiten. Da hatte wohl jemand in der Mittagspause die Kerzen angelassen. Zum Glück ist niemand verletzt worden, war ja keiner mehr da. War auf jeden Fall ein guter Vorwand, mal alles zu renovieren. Glaub ich. Hoffe ich.

Im Treppenhaus machte ich außerdem eines Nachts Bekanntschaft mit meinem absoluten Hass-Nachbarn – er feierte beinahe jeden Tag unter der Woche sehr laut; ich hatte teilweise Frühschichten, die um 6 Uhr losgingen. Keine gute Kombination. Er startete zu allem Überfluss ein Dauersturmklingeln (bei wie gesagt sehr dünnen Wänden) in der eigenen Wohnung, obwohl seine Frau offensichtlich nicht zuhause war und fragte mich dann überrascht: „Oh, hab ich dich geweckt?“ Ich erklärte ihm ganz sachlich und ruhig, dass er nicht klingeln müsse, da ihm scheinbar sowieso keiner aufmachen könne. „Ok, dann warte ich vor der Tür, bis sie nachhause kommt.“ „Alles klar.“ Gott sei Dank, man muss nur mal mit den Leuten reden. Einige Minuten später klingelte er weiter. Sturm. Ich muss gestehen, einmal hab ich nachts die Polizei gerufen.

Halis Imbiss gegenüber: Nicht so sehr waren wir dort, um zu essen, sondern eher, um Pakete abzuholen – vielen Dank, Halis! Beim Croque-Laden unten an der Straße habe ich mir einmal eine fiese Lebensmittelvergiftung zugezogen, der kleine Italiener hingegen ist genial, aber permanent überfüllt.

Alles in allem hat sich nicht viel geändert. Es ist jedes Mal wieder schön herzukommen, hallo zu sagen und sich an die alten Zeiten zu erinnern. Und dann wird es wieder Zeit, nachhause zu fahren.