Tag Archives: Anders

Aufwachen

1 Dez

Zurückgeworfen, gezogen, gezerrt. In diese Welt, die so kalt ist und manchmal zu heiß. Doch verweilen kannst du nicht in der Logik der Irrationalität, der Klarheit der Nebelschwaden deines Kopfes. Viel zu irdische Bedürfnisse lassen deinen Körper reagieren, sich aus der gedanklichen Welt entfernen und du weißt: Genau so wird es nie wieder sein. Schade, manchmal. Aber nicht immer.
Du kehrst zurück und beizeiten lässt du noch währenddessen ganze Geschichten zerspringen in dem Wissen, dass alles nur ausgedacht war. Sie haben von Tricks erzählt, aber die brauchst du gar nicht mehr, um zu wissen.
Wenn die Bilder zu gewaltig sind, zu bedrohlich, zu nah – dann gibt es kein Bewusstsein mehr. Dann ist da nur noch die pure Emotion. Das Erleben der Welt ohne Glas und Isolierung, auch wenn dein Kopf dir später das Gegenteil erzählt. Er beruhigt dich, weiß sich nicht anders zu helfen.
Es gab eine Zeit, da war es unmöglich, zur unrechten Zeit aufzuwachen. Sie probierten es, ihre Stimmen drangen ein in die Träume. Und machten dir Angst. Denn du hattest keine Kontrolle, konntest diese Welt nicht verlassen. Tausend Mal machtest du die Tür auf, schaltetest den Wecker aus, riefst „ich bin doch hier“. Doch immer wieder wurde dir bewusst, du warst noch gefangen im Schlaftraumland.
Heute ist es anders. Nur noch selten lassen sie dich überhaupt hinein, viel zu wenige Bilder geben sie dir mit und der Rauswurf ist stets gnadenlos und unwiderruflich.
Geschenke, so kostbar wie kein anderes Gut sind die Worte und Gestalten, die sich dir offenbarten des Nachts und die du in dieser anderen Welt herumrollen lässt von links nach rechts und von rechts nach links. Und die du über die Jahre hütest wie die kostbarsten Schätze, noch halb auf der Suche und halb schon verstehend.

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Die Regeln der Freundschaft

8 Okt

Wir sind eins, wir sind verschieden.
Wir sind hier und doch getrennt.
Du bist so sehr das, was ich nicht verstehe
und an anderen Tagen bin ich deine Wand.

Du hast deine Regeln, ich hab meine,
glücklich sind die, welche sie einfach vergessen.
Die Regeln der Freundschaft sind wie die Regeln der Liebe:
überflüssig im wichtigsten Moment.

Alles konstituiert sich erst im Augenblick der Wahrheit
und so kommt die Wahrheit über dich und mich
ans Licht.

Mein Vermögen

4 Dez

Hab es angehäuft, ohne es zu wissen.

Immer darauf bedacht, flüssig zu bleiben,

konnte jedoch nichts mehr fließen.

 

Mein Vermögen, dich zum Lachen zu bringen,

dich zum Denken zu bewegen,

dich für ein paar Minuten aus dem Trott zu reißen.

 

Mein Vermögen besteht nicht aus Münzen oder Scheinen,

aber ich münze die Geschichten auf die Welt und lasse sie scheinen.

 

Mein Vermögen besteht nicht aus dem, was ich suchte,

sondern aus dem, was ich verfluchte,

bis ich es endlich akezptiert habe.

 

 

Karl ist zurück

15 Nov

Ja, mein innerer Schweinehund ist zurück. Nicht dass er wirklich jemals weg war, so ist das nicht gemeint. Wir liegen immer noch gern zusammen ganz ungeniert auf der Couch. Mal hasse ich Karl und würde ihn am liebsten durchs Zimmer schleudern, dann wieder find ich ihn ganz putzig. Er kann ja nichts dafür, was er ist.

Aber wie er so ist, daran kann ich arbeiten. Ich widme mich ihm daher auch gerade wieder in einem ausführlichen Projekt. Und sollte das mal eine runde Sache werden, lasse ich es euch wissen.

Ich hatte ja erwähnt, dass ich mich von Zeit zu Zeit gern handwerklich betätige. Nun hing ich also mit Zange, Schraubenzieher und guten Vorsätzen bewaffnet an der Toilette und versuchte, eine neue Klobrille anzubringen. Ja, sogar Karl hat das Gesicht verzogen. Dann lief er mir vor die Füße. Manchmal frage ich mich, ob er das mit Absicht macht. Einmal legte ich ein Stück Werzeug zur Seite, da jaulte Karl plötzlich laut auf. Ich hatte seine Pfote getroffen. Ich war genervt und schnautzte ihn an, „wenn du keine Lust oder Geduld hast, dann geh doch einfach weg, bis ich fertig bin.“ Das tat er dann auch – jedoch nicht, ohne mir einen sehr langen und vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Als ich schließlich völlig berauscht von meinem Erfolgserlebnis zurück ins Wohnzimmer kam, lag er auf dem Sofa und schaute Friends. Die zehnte Staffel. Verdammt. Doch ich blieb hart und packte meine Sporttasche. Karl zog eine Augenbraue nach oben. So viel Aktivität verwirrt ihn ja immer, den armen. Ich sprach langsam und beruhigend auf ihn ein. Erklärte ihm, dass er leider nicht mitkommen könne, da ich sonst keinen Spaß an der Stunde hätte und dass ich danach auf jeden Fall wieder nach Hause kommen und ein bisschen mit ihm abhängen würde.

Besonders schlimm ist es momentan, wenn ich schreibe. Mal scharrt er auf dem Fußboden herum, dann schaltet er zum Spaß die Waschmaschine an – ja, das Programm scheint ihn zu faszinieren. Oder er schleppt Zeitschriften durch die Wohnung. Und ich falle jedes Mal wieder drauf rein und beschäftige mich mit ihm. Wenn ich ihn nicht beachte, kommt er komischerweise immer super alleine klar. Aber er wittert meine Stimmungen und schmeißt sich genau in der richtigen Sekunde auf die Fernbedienung. Spazieren gehen muss natürlich auch mal sein und so setzt der kleine doofe Schweinehund viel zu oft seinen sturen Kopf durch.

Ich hab aber auch festgestellt, dass er eigentlich schnell Ruhe gibt, wenn ich ihm ein wenig Beachtung schenke. Einmal richtig ernst genommen, lässt er mich dann auch wieder für Stunden arbeiten.

P.S. Es ist schon wieder Dom! Wie die Zeit rennt…

Der Alltag und die kleinen Dinge

11 Nov

Für mich bedeutet Alltag vor allem, mechanisch zu sein, zu funktionieren, die gleichen Dinge zu wiederholen. Das klingt erstmal nicht so schön, aber richtig negativ ist das ja eigentlich auch nicht gemeint. Das Problem am Alltag ist, dass kaum etwas hängen bleibt. Was hab ich gestern noch mal gemacht/gegessen/mit wem telefoniert?

Faszinierend finde ich ja, dass wir ganze, lange Wege zurücklegen können, ohne aktiv darüber nachzudenken, sei es jetzt mit dem Auto, der Bahn oder auch zu Fuß. Wenn wir aber mal einen neuen Weg gehen oder eine andere Reihenfolge einzuhalten haben, wird es schon wieder interessant. Jetzt kann man nicht noch nebenbei lesen oder Candy Crush Saga spielen (nein, ich doch nicht) oder telefonieren. Dann verpasst man eventuell sein Ziel.

Ja, das Gehirn ist schon klasse. Funktioniert ganz von alleine, die meiste Zeit. Aber gerade, wenn es um Technik geht, bin ich kurzzeitig aufgeschmissen. Heute stand ich an der Bushaltestellte, ein paar andere Leute waren auch da. Doch irgendwas war anders. In meinem Kopf gingen gleich die Alarmglocken an, noch bevor ich realisiert hatte, was eigentlich los war. Und dann sah ich es: Die anderen wartenden Menschen schauten auf den Fahrplan! Mehrere gleichzeitig. Das war extrem ungewöhnlich. Dann sah ich zur elektronischen Anzeigetafel. Sie war aus. Bevor ich richtig in Panik ausbrechen konnte, beruhigte ich mich aber auch zum Glück wieder. Schließlich kann das ja immer mal passieren. Mein erster Gedanke war allerdings wirklich merkwürdig – ich befürchtete, der Bus würde nicht fahren. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es einigermaßen unlogisch, aber im ersten Moment habe ich nur realisiert, dass etwas nicht so läuft wie sonst. Ergo: Bus fällt aus.

Wie so kleine Dinge unser ganzes Leben erschüttern können – also den Alltag. Plötzlich muss man den Autopiloten ausschalten und wieder selbst denken. Wachsam sein, Dinge kombinieren. Und vor ein paar Jahren gab es diese Anzeigetafeln ja noch nicht mal. An vielen Haltestellen gibt es sie immer noch nicht. Es war einfach dort in der konkreten Situation anders als sonst.

Ich schaue nach Autos, wenn ich die Straße überquere, weiche Müttern mit ihrem Kinderwagen aus und bin auch sonst die meiste Zeit ziemlich wach und aufmerksam. Aber scheinbar speichert mein Gehirn für gewisse Situationen auch die Rahmenbedingungen mit ab. Wenn die ausfallen, bin ich erstmal irritiert. Einerseits bin ich ja fasziniert von dieser passiven Leistung – danke liebes Gehirn. Andererseits erschreckt mich schon, wie schnell gewisse Dinge selbstverständlich werden, in einer Welt, in der sich eigentlich alles ständig im Wandel befindet.

Auto-Korrektur

27 Mai

Benutzt du auch schon Autokorrektur? Oder noch?

Wenn ja: Warum? Auto-Korrektur soll helfen, das, was man sagen will, richtig und schnell darzustellen. Ein kleines Kind in der S-Bahn saß mir gegenüber, schaute aus dem Fenster und versuchte, mitten auf der Lombardsbrücke, „Alster“ zu sagen. Ein anderes schönes hamburgisches Wort kam heraus: Alder. Auch unter „Alter“ oder „Alta“ bekannt. Selbst die Mutter musste lachen. Und schaltete ihre Auto-Korrektur ab.

In 50 % der Fälle hilft Autokorrektur (früher auch T9 genannt) und schreibt Wörter korrekt um. In den anderen Fällen möchte man irgendwann sein Handy gegen die Wand schmeißen. Wenn es zwei gleich gute Möglichkeiten wie „dir“ und „die“ gibt, warum wird dann das eine immer korrigiert? Sollte das Programm einem doch dann selbst überlassen.

Auch das Leben stellen wir gern mal auf „Auto-Korrektur“. Ist ein Gedanke neu und merkwürdig oder flammt eine Idee auf, die verrückt erscheint, korrigieren wir gern schnell in alte Bahnen und stempeln den Gedanken ab unter „falsch“, „unkorrekt“ oder gar „gefährlich“.

Alder...

Alder…

Wir korrigieren nicht nur uns selbst, sondern auch andere Menschen um uns herum. Laut, weil wir Recht haben wollen. Und weil es anstrengend ist, sich permanent zu öffnen und ins Gegenüber hineinzuversetzen. Und auch im Stillen, in Gedanken, weil wir Gewohnheitstiere sind. Und eben weil wir Recht haben wollen. Gar nicht mal aus böser Absicht heraus, sondern oft aus Bequemlichkeit oder Überzeugung. „Ach, der meint das nicht so.“ Vielleicht ja doch? Was wäre, wenn?

Wege entstehen da, wo sie gegangen werden. Und Auto-Korrektur ist keine eigene Intelligenz, sondern wird auch nur von Menschen programmiert.