Tag Archives: Begegnungen

Beobachtungen

17 Aug

Was hat die Milch gemeinsam mit dem Waschmittel und dem Toilettenpapier?

Richtig, den Plüschbären.

Und was sagt uns das? Vielleicht, dass wir es gerne alles ein bisschen flauschig haben. Mit Bärenpower, versteht sich.

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Vom Wert einer Socke

13 Jan

Da saß sie in der Bahn und strickte eine Socke. Mit verschiedenen Nadeln, die das fragile Gewebe von Maschen hielten – spontan fiel mir ein, wie schrecklich und schön doch das „Aufrippeln“ sein konnte. Sie strickte so mühelos und konzentriert, dass sie vollkommen gefangen und absolut frei im gleichen Moment zu sein schien. Ich hatte schon öfter Frauen (seltener Männer) stricken sehen. Auch in der Bahn war der Anblick nichts Ungewöhnliches. Aber diese Socke hatte schon richtig Struktur und Substanz, man erkannte, was es mal werden sollte. Die Wolle zauberte ein schönes Muster, das sich erst durch das Stricken selbst offenbarte. Die Maschen waren spielerisch angelegt. Mal war der Stoff weicher, mal aufgewellt. Beinahe geflochten.

Auch wenn sie es wahrscheinlich nur nebenbei tat, die Zeit überbrückte, die andere verlasen oder vor sich hinstarrend verbrachten – in dieser Socke steckte so viel Arbeit. Liebe.

Wo war die andere Socke? fragte ich mich. Lag sie schon fertig zuhause und wartete? Oder musste sie erst noch gestrickt werden? Oder war sie in der Handtasche versteckt, als stille Erinnerung?
Hatte die Frau, bevor sie mit dem Stricken anfing, eine Schuhgröße in Maschen umgerechnet, oder entstand die richtige Länge einfach? So „dabei“? Allein deshalb würde ich niemals anfangen, eine Socke zu stricken. Und selbst wenn die erste einigermaßen sockig aussehen würde, was wäre dann mit der zweiten?

Im Laden bekommen wir ein Paar Socken für wenige Euro. Der Bequemlichkeit halber sogar zehn Paar in einem Pack, wenn man es möchte. Sie sind so verfügbar, dass sie heutzutage nicht einmal mehr gestopft werden, außer es handelt sich um Lieblingssocken. Selbst das Stopfen könnte ich nicht. Erst wenn wir richtig viel Geld zahlen müssten, wüssten wir wieder um den Wert einer Socke.

Aber es liegt noch etwas anderes in dieser Handarbeit. Das Gefühl, geerdet zu sein, vielleicht. Zur Not (oder eben auch völlig ohne) Socken stricken zu können. Sich selbst zu versorgen, unabhängig zu sein. Wahrscheinlich spielt das alles für die strickende Frau gar keine so große Rolle. Sie wird immer noch die meisten ihrer Socken in Geschäften kaufen, wahrscheinich sogar das selbstgestrickte Stück verschenken. Anderen etwas zu geben, was man selbst gemacht hat, vergrößert den Wert ja noch. Und manchmal sind wir es uns selbst auch einfach nicht wert. Was schade ist, nebenbei bemerkt.
Die Frau wird vielleicht stricken, weil sie sich entspannen will, ihre Hände beschäftigen möchte und sich am Ende über das Ergebnis freut. Jeder Grund ist mir genug, denn sie hat auch mich berührt durch ihre Tat.

Die Verwandlung von einem Wollknäuel in eine Socke. Wahnsinn, oder?

Wendepunkte

13 Feb

Manchmal treffen Dinge ein, die du so nie erwartet hattest. Weil du sie so nie erwartet hast.

Dann läuft dir jemand über den Weg und aus einem Nebensatz wird etwas ganz Großes.

Und dann merkst du, dass du deine Entscheidung schon getroffen hast, bevor sie überhaupt ansteht.

Ein grandioser Tag, wenn das alles zusammen passiert.

 

Perspektivwechsel

16 Nov

Heute habe ich einen Kanadier bei Starbucks getroffen. Er stand vor mir in der Schlange und kaufte zwei Espressotassen mit der Aufschrift „Germany“. Dann lernte er das Wort „Tüte“. Es war so süß, wie er es wiederholte – ich sprach ihn also an und fragte, woher er komme. Als er Kanada antwortete, war ich natürlich sofort begeistert. Erzählte ihm, wo ich gelebt habe und erfuhr, dass er aus Quebec kommt und in der Nähe von Toronto arbeitet. Und einmal im Monat (!) für eine Woche hier in Hamburg. Wir waren uns einig, dass das ganz schön heftig ist, nicht zuletzt wegen des Jetlegs. Aber er könne hier nun noch seine Weihnachtseinkäufe erledigen und müsse bis zum nächsten Jahr auch nicht mehr herkommen.

Und dann sagte er, Hamburg sei wunderschön. Ich grinste schief. Wenn er wüsste. Ich wollte damals nur von hier weg und bin förmlich nach Kanada geflohen. Zunächst dachte ich, er mache eines von diesen höflichen Komplimenten. Aber dann sagte er ganz ernst und feierlich, „You are so lucky to be able to live here.“ Seine Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie bin ich seit heute ein Stückchen mehr hier zuhause. Ja, wir haben wirklich Glück. Und langsam kann ich es sogar genießen.

Die Geister dieser Stadt

8 Sep

Sie lauern hinter Bäumen, unter Brücken, in Türeingängen. Machst du genau den richtigen Schritt im richtigen Moment, sind sie da. Oder den falschen. Düfte und Jahreszeiten rufen sie hervor, manchmal auch einfach nur eine Stimme aus der Ferne. Ein Gedanke oder ein Wort können ausreichen. Und besonders in dieser Stadt gibt es unzählige Geister.

Weil sie meine ist? Weil ich hier schon so viele Geister angesammelt habe? Ich bin weit weg gefahren und habe einige von ihnen mitgenommen, aber hier ist ihre wahre Präsenz. Manchmal gehen sie mir mächtig auf den Keks, manchmal mag ich sie und suche sie sogar.

Erinnerungen, Bilder, Ideen. Menschen. Es gibt Tage, da sind sie allgegenwärtig, an anderen scheinen sie überhaupt nicht zu existieren. Einige sind riesengroß und nicht zu übersehen, andere sehr flüchtig und kaum wahrnehmbar. Sie können deine Kräfte rauben oder dich beflügeln.

In Stein gehauene Geister begrüßen uns am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, Buchstabengeister begleiten uns in der Bahn, Musik beschwört sie herauf, wenn man die Straßen entlang geht. Tausende verbringen ihre Zeit damit, wegzuschauen und die Geister zu ignorieren, doch dann ist die Heimsuchung eines Tages um so größer. Und verwirrender.

Die Geister der Politik schweben zwischen uns und dem Papier, überall in der Stadt. Wir versuchen vielleicht, sie zu verstehen, um dann mit einem guten Gefühl wählen zu gehen. Manchen sind diese Geister jedoch zu viel. Die meisten Plakate weisen tatsächlich darauf hin, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen sollten: „Es ist viel besser, liebe Bürgerinnen und Bürger, wenn ihr wählen geht.“

Doch im Alltag haben sie eigentlich keinen Platz. Ob Spinnen oder Geister, am liebsten holen wir den „Staubsauger“ raus und werden sie los. Dabei wollen sie uns eigentlich immer auch etwas wichtiges sagen (besonders die Spinnen). Und wenn wir uns mal wieder selbst nicht glauben, sagen wir gerne, „ich glaub, ich spinne“. Also: Ich glaube, ich habe einen Geist gesehen.