Tag Archives: Die Zeit

Die Facebook-Muddis

26 Apr

Facebook ist ein fester Bestandteil meines (virtuellen) Lebens und ist doch irgendwie nicht richtig greifbar. Manchmal freue ich mich, über die Nachrichten Kontakt zu Freunden zu halten, dann wieder sind da sogenannte „Freunde“, von denen ich eigentlich nichts weiß. Und Facebook selektiert stark, so dass einige Nachrichten/Neuigkeiten erst gar nicht auf meine Oberfläche gelangen. Andere Leute sehe ich ständig, obwohl ich noch nie etwas von ihnen „geliked“ habe.

An manchen Tagen lese ich lieber Facebook-News statt mir die echten Nachrichten anzusehen, weil die mich so frustrieren. Aber auch hier gibt es Schnittstellen. Ich bin ja auch mit SPON befreundet und mit ZEIT ONLINE, also geht man dem nicht immer komplett aus dem Weg. (Will ich dann eigentlich auch doch nicht.) Richtige Neuigkeiten meiner echten Freunde bekomme ich bei Facebook allerdings – glücklicherweise – nicht mit. Wahrscheinlich bin ich noch eine Generation zu alt (wir sind halt noch mit einem Telefon aufgewachsen, das mit einer Schnur den Hörer festgehalten hat und auch das Handy war nicht schon mit 12 eine Selbstverständlichkeit. Nicht mal mit 16 würde ich sagen…)

Nun merke ich auch dank Facebook, dass ich aus dem Party-Alter rausgewachsen bin. Es tauchen weniger Fotos und Einladungen hierzu auf als vielmehr Dokumentationen (meist in bildlicher Form) über den Nachwuchs meiner (weiblichen) Facebook-Buddies.  Die Generation „Facebook-Muddis“ ist auf dem Vormarsch und ich stecke mittendrin. Jeden Tag gibt es ein niedliches Kinderfoto nach dem anderen, manchmal auch ganze Familienportaits. Ich stelle dann entweder erschrocken fest, dass eine ehemalige Arbeitskollegin ein Kind bekommen hat (und ich nicht mal im Ansatz etwas von ihrer Schwangerschaft wusste, Gott wie die Zeit rennt) oder denke fieberhaft über den Namen des Kindes einer Schulfreundin nach und mir wird bewusst, dass ich dieses Kind weder jemals gesehen habe noch wahrscheinlich jemals sehen werde. Ich glaube, die verliebten Muddis sind einfach nur stolz und haben wahrscheinlich einfach das Bedürfins, über Facebook den Kontakt in die Welt jenseits der Windeln und Spielplatzdates aufrecht zu erhalten. Blöd nur, wenn sich da entweder Leute tummeln, die so gar nicht mehr zu einem passen und die ganze Zeit Party machen oder ein Haufen anderer Facebook-Muddis konkurrenzwütig ihre jeweiligen Fotos präsentieren. Ich gehöre zu der schweigenden Mehrheit, nehme die Informationen hin und vergesse sie im Zweifel auch wieder. Aber manchmal sind da auch richtig eindrucksvolle, künstlerische Fotos.

Aber würde ich wollen, dass halb wildfremde Leute jeden Entwicklungsschritt meines Kindes mitbekämen? Ich glaube nicht. Ich will keine Facebook-Muddi werden.

Die bunte, elitäre Welt der Marken

19 Apr

In mir kämpfen zwei Persönlichkeiten. Die eine ist ziemlich alt, so ungefähr 45, voller ideologischer Überzeugungen, läuft in Ökoklamotten herum, raucht Gras und liest den ganzen Tag Bücher, die ZEIT und so weiter und sagt pausenlos schlaue Sachen. Die andere ist noch relativ jung, so ungefähr 30 also und führt sich auf wie eine Möchtegern-Karrierefrau, färbt sich die Haare und meint, gewisse Gegenstände würden sie erwachsener machen. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen.

Seit einiger Zeit beobachte ich an mir merkwürdige Veränderungen. Ich verlasse mich im Alltag nämlich neuerdings auf Geräte wie ein IPhone und eine Nespresso-Maschine. Und habe auch einfach Spaß daran! Sobald ich die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen gehört hatte, beruhigte ich mich allerdings schnell wieder mit der Überlegung, dass es mir bei besagten Gegenständen wirklich nur um die Qualität und den Nutzen ginge, nicht etwa um das Statussymbol. Der Apfel an der Binnenalster regt mich ehrlich gesagt ziemlich auf. Nichts sollte abends heller leuchten als das Alsterhaus. Die Lage vom einzigen (jedenfalls mir bekannten) Nespresso-Store in der Hansestadt ist allerdings ziemlich cool: direkt gegenüber von der Felix-Jud-Buchhandlung, von der ich in meinem Beitrag „Neu-Allermöhe West“ berichtet habe. Ja, jetzt ist es schon viiiiel besser und ich fühle mich weniger arrogant und oberflächlich.

Ich stamme ja aus einer sehr verantwortungsbewussten (d.h. sparsamen) Familie. Als ich noch zur Schule ging, habe ich ehrlich nicht verstanden, dass Persönlichkeit und Selbstbewusstsein nichts mit dem gesellschaftlichen Stand zu tun haben. Das lernte ich dann aber später zum Glück. Aus der Not machte ich sogar eine Tugend und schwor mir selbst, keine unnötigen Luxus-Ausgaben zu machen und erhob dies zum nobelsten Teil meiner Persönlichkeit. Richtig konsequent gedacht ist das natürlich auch nicht. Denn die Welt ein Stückchen besser zu machen, schafft man nicht einfach durch sinnlosen Verzicht. Ich bin auch nie konsequent Kapitalismus-Hasserin geworden, denn ehrlich gesagt fehlt mir erstens eine vernünftige (also praktikable) Alternative und zweitens vertrete ich die Meinung, dass nachhaltige Veränderung im Kleinen oder persönlichen Umfeld geschieht. Und das menschliche Verhalten besteht ja sowieso zu 80 % aus Verdrängung. Naja, beziehungsweise ist es echt schwer, sich verantwortlich zu fühlen für z.B. die abartige Massentierhaltung und nicht gleichzeitig ohnmächtig zu werden angesichts der enormen Aufgabe, die vor uns läge, diese zu beseitigen. So trinke ich also meinen leckeren Marken-Kaffee und schreibe ein bisschen was zum Nachdenken und schau mir dann das Ganze auf meinem Smartphone an.