Tag Archives: Eimsbüttel

Hamburg – Das liegt bei Bergedorf

9 Dez

Ich muss ja gestehen, eigentlich komme ich gar nicht aus Hamburg. Ich komme aus Bergedorf. Wenn man in Bergedorf groß wird, dann fährt man zum Beispiel auch nicht in die Innenstadt zum Einkaufen, sondern nach Hamburg. Da habt ihr’s. Offiziell ist Bergedorf ein Stadtteil, ja sogar ein Bezirk der Hansestadt. Aber im Gefühl der meisten Leute dort wohnt man immer noch außerhalb.

Noch mehr jedoch für diejenigen, die sich für „echtere Hamburger“ halten, weil sie zum Beispiel in Eimsbüttel geboren und aufgewachsen sind. Mein Freund ist auch so einer. Manchmal muss ich mir heute noch anhören, dass ich aus Bergedorf komme. Aber er liebt mich trotzdem.

Wenn ich zugezogenen Hamburgern erkläre, dass ich in Bergedorf aufgewachsen bin, kommt meistens ein Lachen. Oder ein verständnisloser Blick. Ah, das ist doch da irgendwo im Osten, nicht? Ja. Im Südosten. Kann man eigentlich nicht verfehlen, aber wer fährt da schon mal einfach so hin…Bergedorf liegt nämlich noch hinter dem Ikea in Moorfleet, was zumindest ein Anhaltspunkt für viele ist.

In Bergedorf kann man neuerdings auch ganz nett shoppen, direkt am Bahnhof geht es schon los. (Vom Hauptbahnhof braucht man 20 Minuten mit der S-Bahn.) Dahinter kommt ein niedlicher Stadtkern, ein bisschen wie Lüneburg sieht es da aus. Die Geschäfte sind jedoch nicht mehr so belebt wie früher. Einen Starbucks gibt es auch seit einigen Jahren – um mal die Relevanz des Stadtteils deutlich zu machen. Dahinter wiederum kommen Felder und Deiche. Ein ganz eigenes Flair, und ohne Auto geht hier gar nichts. Tja, das war’s dann auch schon, würde ich sagen. Bergedorf ist eine eigene kleine Welt. Wie eine kleine Stadt (dörfisch wird es wirklich erst beim Deich, wo man sich duzt und Platt schnackt).

Wenn man in Bergedorf groß wird, dann kennt man auch die meisten Leute dort. Deswegen ziehen die meisten als junge Erwachsene in Richtung Innenstadt (also nach Hamburg), um dann eventuell später wieder zurückzuziehen, um dort selbst ihre Kinder groß zu ziehen. Einige ganz mutige Leute ziehen auch komplett weg. Das ist aber wirklich selten. Man munkelt sogar, dass es Leute gibt, die aus anderen Teilen Deutschlands dorthin ziehen.

Ich bin gern mal zu Besuch in Bergedorf. Es gibt einfach sehr viele Erinnerungen und inzwischen wie gesagt auch tolle Einkaufsmöglichkeiten. Und wie die Überschrift verrät, eine einzigartige Mentalität, die mich sehr geprägt hat.

Bergedorf

Ein saucooler Hund in Bergedorf

Advertisements

Im Auto durch Hamburg

23 Okt

Generation Hello Kitty

In Hamburg sind immer noch viele Leute mit dem Auto unterwegs. Trotz hoher Benzinpreise, trotz der Umweltfrage und vor allem: trotz ständiger Staus. Naiv setzt sich der oder die moderne Großstädter(in) hinters Steuer und denkt jeden Tag wieder, er oder sie würde in Eimsbüttel, Eppendorf oder an der Alster schon einen Parkplatz finden. Und mit der richtigen Einstellung klappt es sogar meistens. Warten auf den Bus? Nee, lieber eine halbe Stunde Stop-and-Go, da hat man es wenigstens selbst in der Hand. Also gefühlt zumindest.

Viele müssen auch aus beruflichen Gründen durch den Feierabendverkehr. Mit ihren Kollegen oder Chefs sitzen sie zusammen im Wagen und quetschen sich Zentimer für Zentimeter Richtung Firma, wo sie dann endlich in die Bahn springen können. Achja, die ist ja auch voll. Nun denn.

Die meisten Autos transportieren nur eine oder zwei Personen. Auch bei einem Zweitürer gehen zwar hinten noch Leute rein, aber genau diesen Luxus gönnt man sich ja im Auto: für sich zu fahren. Zwischen Taxis, Bussen und Pizzaboten – manchmal auch einigen Monstertrucks – bahnt sich Hamburgs bürgerliche Straßenelite dann ihren Weg. Und wieder zurück.

Ziemlich neu ist ja nun auch Car2Go, ein bisschen wie das Stadtrad in Automobilform. Das beste an diesen Mini-Mietwagen (mini sowohl in Form der Größe als auch Dauer der Mietzeit) ist, wie ich finde, dass man es einfach irgendwo stehen lassen kann, wenn man fertig ist. Und der nächste muss es dann finden.

Und neu ist auch der Trend, überall ein Navigationsgerät zu benutzen. In beinahe jedem Auto um mich herum sehe ich die kleinen Monitore, aber wenn ich mal von einigen meiner (zugegeben weiblichen) Freunde ausgehe, nützt es manchmal trotzdem nix. Ich verfahre mich lieber richtig. Ohne Navi. Dann sieht man auch was von der Welt. Aber doch lieber erstmal nur in Hamburg, da kenne ich mich zumindest theoretisch aus. Und man kann ja immer noch sein Telefon anschmeißen und sich die Map anschauen…was haben wir eigentlich früher gemacht?

Schildbürger-Mentalität

9 Jun

Hier ist mal wieder ein Phänomen, das eindeutig in die Kategorie „so deutsch“ fällt.

Neulich beim Arzt in Eimsbüttel. Ich habe einen Termin, bin selbstverständlich pünktlich, denke schonmal drüber nach, was gleich so besprochen wird und wandere langsam das Treppenhaus empor. Praxen liegen ja oft in ganz normalen Mietshäusern, also sieht die Tür aus wie jede andere. Nur das große Schild mit dem Namen prangt dort. Die Tür ist zu. Was mache ich natürlich? Klingeln. Fataler Fehler. Ich hätte mich zur Wand drehen und das kleine Schild lesen müssen, das dort hängt. „Die Tür ist offen. Bitte einfach eintreten.“ Ok, als keiner öffnet, sehe ich mich um und entdecke die kleine Tafel mit dem Hinweis. Und drücke gegen die Tür, die sofort aufspringt. An der Rezeption schauen mich zwei (junge) Arzthelferinnen an und töten mich mit ihrem Blick. Ich versuche, die Situation zu entschärfen und sage mit meinem umwerfendsten Lächeln: „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“ Die Blicke durchbohren mich weiter. Keine Miene wird verzogen. Ok, dann eben nicht. Ich werde angemeldet, gehe ins Wartezimmer und noch ehe ich außer Hörweite bin, sagt die eine zur anderen betont langsam und offenbar kurz vor einem Nervenzusammenbruch: „Leute, könnt ihr WIRKLICH nicht lesen?“

Hier ist ja gute Stimmung.

Ich kenne paradoxerweise dieses Gefühl auf der anderen Seite. Du stellst extra ein Schild auf, zum Beispiel weil dein EC-Gerät an der Kasse kaputt ist, damit du nicht jedem Hanspampel separat erklären musst, dass es nicht funktioniert. Und trotzdem spricht dich jeder Kunde darauf an. Schilder funktionieren nicht als Kommunikationsbeschleuniger. Die Menschen wollen Interaktion, sie brauchen deine schnelle Reaktionsfähigkeit und fordern immer wieder neu, dass du dich persönlich auf sie einlässt. Ganz schön nervig. Aber so ist das eben, wenn man mit Menschen arbeitet.

Sind wir eine Nation der Schildbürger? Die waren ja bekanntlich nicht besonders intelligent, haben aber nichts mit Schildern im eigentlichen Sinne zu tun, sondern kamen aus der Stadt Schilda und nahmen alles einfach zu wörtlich oder stellten sich im Alltag sehr ungeschickt an. Ursprünglich waren sie einmal sehr intelligente Bürger im Mittelalter, doch da sie irgendwann zeitlich damit überfordert waren, kluge Ratschläge zu verteilen, mussten sie sich etwas einfallen lassen. So stellten sie sich absichtlich dumm. Und wurden dadurch – verständlicherweise – auch nicht gerade intelligenter. Eine gewisse Parallelität kann jedoch nicht abgestritten werden, wenn man sich unsere „Schildermentalität“ anschaut. Am Anfang steht eine gute Idee, der Schuss geht aber irgendwie nach hinten los.

Eine simple Lösung im Fall oben wäre es wohl gewesen, die besagte Hinweistafel beim Arzt einfach auf Augenhöhe zu hängen, meinetwegen an der Wand, besser noch an der Tür. Statt sich über jeden Patienten aufzuregen, der die Klingel betätigt, könnten die Mitarbeiterinnen drüber nachdenken, wieso so viele Leute sich scheinbar dämlich verhalten und wie Abhilfe geschaffen werden kann. Denn vielleicht sind fünfzig Leute wöchentlich gar nicht zu dumm zum Nicht-Klingeln, sondern das „System Schild“ funktioniert einfach nicht (richtig).

Ich sehe aber durchaus die Gefahr, selbst zu verdummen, zumindest aber ziemlich verbittert zu werden, wenn man da ewig böse hinter dem Tresen sitzt.

Schild_Kanada

Kanadisches Schild: anschaulich und praktisch