Tag Archives: Erinnerungen

Dankbar

10 Okt

Zeit nehmen, um Traumpfade zu beschreiten. Eine Mischung aus purem Luxus und Realitätshammer. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, aber der Hammer schwingt an jeder Ecke auf mich nieder. Hier steht ein neues Haus, da fehlt ein Baum. Gott sei Dank, die Enten sind noch da. Wenn es sich auch vermutlich um Nachfahren in der zehnten Generation handelt. Aber man nimmt, was man kriegen kann.
Nachts beschreite ich die alten Pfade. Sie verkleiden sich natürlich, aber ich erkenne sie wieder. Jetzt, wo ich die echten Wege meiner Kindheit beschreite. Eine der schönsten und kitschigsten Erinnerungen sind die Sonnenstrahlen, die durch Blätter und aufs Wasser scheinen. Eine Ente sitzt auf einem Baumstamm im Wasser und schläft, döst. Vielleicht watschelt sie gerade auf ihren eigenen Traumpfaden.
Die Magie entfaltet sich in diesem Moment, weil sie sich über die Zeit legt. Die Distanz erweckt sie zum Leben und verbindet die Elemente meines miteinander.

Advertisements

Erinnerungen schreiben

30 Sep

Ich war vielleicht zehn, als mir das erste Mal ganz schmerzlich bewusst wurde, wie vergänglich Momente sind. Und nicht nur das, vor allem auch Anblicke.

Ich war mit meiner Familie im Urlaub (Dänemark, Nordsee-Seite, es muss Sommer gewesen sein). Wir erklommen gerade eine kleine Anhöhe (mehr geht in Dänemark nicht, so platt ist es da), auf der ein Leuchtturm stand. In diesen Leuchtturm konnte man nicht hinein gehen, aber das war mir in diesem Augenblick wirklich total egal, denn vor mir erschien plötzlich das Meer in all seiner Pracht.
Die Sonne schien direkt auf das Wasser und das Licht blendete unglaublich. Die Strahlen brachen sich in den zarten Wellen und mein ganzer Kopf war voll von diesem Licht, diesem Anblick, diesem Bild. Ich hatte nie etwas Schöneres gesehen.
Ich wollte für immer dort stehen bleiben und auf das Wasser schauen und mich blenden lassen.

[So sind wir Menschen.]

Ich hätte natürlich noch stehen bleiben können, aber wirklich traurig war ich in diesem Moment darüber, dass ich mich später nicht würde erinnern können an dieses Bild. So ist das mit Bildern in der Erinnerung, sie schwimmen. Wenn man also versucht, sich an einen fixen Anblick zu erinnern, funktioniert das für gewöhnlich nicht. Ich presste also mit all meiner Kraft die Augen zusammen und ließ das Bild in mein Gedächtnis „einbrennen“. Zumindest versuchte ich es. Mehr ging ja nicht. Heute erinnere ich mich also noch an meine Verzweiflung und den unbändigen Willen, dieses Bild in mein Gedächtnis zu brennen. Ich weiß auch noch, wie verrückt ich nach diesem Licht auf dem Meer war.
Immerhin.
Ich kann es nicht mehr sehen, aber ich kann es rekapitulieren.

Eindimensionale Sinneswahrnehmung scheint also keine gute Idee zu sein.

Heute schreibe ich lieber. So kommen die Erinnerungen der Wahrheit näher und halten auch länger.

Kindheitserinnerungen

6 Aug

Als ich klein war, ging ich auf eine Grundschule, die neben einem Bauernhof lag. Dort konnte man zwar keine Kühe und Hühner sehen, aber es wurden immer noch einige frische Sachen verkauft. Behütet wurde der alte Hof von einem Boxer. Er war so groß wie ich, wenn er nur saß. Ich hatte eine Heidenangst vor ihm. Sein aufmerksamer Blick tat sein Übriges. Immer, wenn wir Mädchen zu dem kleinen, zugewachsenen Hinterhof – dem sogenannten „Mädchenspielplatz“ – gehen wollten, mussten wir uns zwischen dem Schulgebäude und dem Zaun zum Bauernhof quetschen. Wenn sich kleine Kinder quetschen müssen, wird schon klar, wie eng es dort war. Vor diesem Zaun saß in der Regel auch Quincy und passte auf, dass wir auch alle schnell genug – und oft kreischend – durch den Durchgang schlüpften. Hinten angekommen, hatten wir zur Belohnung Ruhe vor den Jungs. Warum auch immer akzeptierten die Mädchen und Jungen den abgetrennten Spielhof als pre-fiministische Institution. Ohne jeden tieferen Sinn oder Hintergedanken spielten hier alle Mädels von der ersten bis zur vierten Klasse. Ich frage mich oft, wann die Trennung begonnen hat und ob sie auch später noch fortgeführt wurde – oder ob es sich beim Mädchenspielplatz nur um eine zeitlich begrenzte Idee handelte.

Das Lieblingsspiel war ein Zahlen-Hüpf-Spiel, welches nach jedem Schauer in neuer Farbenpracht und meist noch größer als zuvor mit Inbrunst und Kreide wieder aufgemalt wurde. Aber auch zum Quatschen wurde der Spielplatz benutzt. Das Beste an der ganzen Sache war aber wohl die Tatsache, dass sich kein Lehrer und auch keine Lehrerin hierhin verirrte. Sie wussten wohl, dass wir dort sicher waren und einfach unsere Ruhe haben wollten. So gaben wir uns der Illusion hin, dass der Ort wahrhaftig geheim war. Kein Junge wusste vom Mädchenspielplatz und auch keine Lehrkraft hatte jemals davon gehört. Nur unter den Schulmädchen sprach sich das Geheimnis schnell herum. Wer es dann noch an Quincy vorbei schaffte – der sich oft einen Spaß machte und laut bellte, um sein Territorium zu beschützen – war wirklich gesegnet.

So angsteinflößend ich damals den Boxer fand, so sehr mag ich heute diese Hunde. Interessanterweise hat auch Karl eine entfernte Ähnlichkeit zu Quincy. Wenn man mal genau hinschaut.

Der Raum

3 Jul

Eigentlich war er gar nicht so auffällig. Dunkel, in einer Ecke gelegen, unbenutzt. Außer in frühen Kindheitstagen. Und vielleicht ein Leben zuvor. Es roch nicht nach Staub, aber es herrschte dennoch eine vergessene Atmosphäre. Vasen und Aschenbecher und allerlei andere Dinge aus Glas standen in den Vitrinen, aber nichts davon hatte etwas Zerbrechliches an sich. Massiv waren auch die Möbel, von der Decke ging eine dunkelbraune Schwere aus.

Die Fischernetze schienen das Gewicht der hineingehängten Erinnerungen jedoch zu tragen, hielten die Meerestiere aus Plastik fern von den gemütlichen Sesseln, die wie zufällig übrig gebliebene Zeugen vergangener, lauterer Tage ihre Stellung hielten. Im Stoff hatten sich Zigarettenqualm und Stimmengewirr verfangen, auch der dicke Teppichboden verschluckte die Geräusche schon seit einer ganzen Generation und würde sie nie wieder hergeben.

Aus dem Fenster sah man mit Glück die Füße der Vorbeilaufenden, aber die Gardinen verschleierten das Leben vor der Tür, so gut sie vermochten. Stille. Ich saß in diesem Sessel und empfand nur eine dumpfe, tiefe Stille.

Der schwere Tisch war rund oder oval oder auch eckig, auf jeden Fall hatte er eine Steinplatte oder eine Platte aus mehreren Fliesen. Hinter der Tür war es am dunkelsten. Ich erinnere mich, dass dort irgendetwas stand oder hing, aber selbst in voller Beleuchtung konnte das Licht den Raum nicht erhellen und so bleibt mir die Erinnerung verborgen. Sämtliche Oberflächen waren unwillig, etwas zurückzugeben.

Die dominanten Farben waren grün und orange, obwohl das eher die gefühlten Farben sind. Im Prinzip bestand der Raum wohl eher aus braunem Holz und einer undefinierbaren Mischung aus Schatten.

Man erzählte mir die Geschichten, zumindest die wichtigen, die stolzen und die verrückten. Doch der Raum erzählte noch mehr. Er sprach von Erinnerungen, die im Dunkeln gehalten, aber gepflegt wurden. Die ferngehalten waren vom alltäglichen Leben und doch zum Betreten jederzeit ganz nah. Er hatte keine Funktion und wohl auch nie eine gehabt, obwohl sein Name auf Spaß und Aktivität schließen lässt. Vielleicht wurde in den Sesseln, auf dem Sofa tatsächlich einmal gesessen. Vielleicht hatten außer mir noch andere Menschen hier übernachtet. Doch irgendwie schien er vor allem das Bedürfnis nach Dunkelheit, Geheimnissen, einfach dem anderen Element des Lebens zu befriedigen.

 

 

 

An dunklen Tagen in Hamburg

7 Nov

Enge. Schwere. Stickig. Luft.

Drück mich, halt mich, dieser Duft.

Nichts ist, wie es einmal war.

Dennoch alles wie zuvor.

Hamburg, deine Seele ruft.

Viel zu dunkel, diese Tage.

Viel zu lang, zu nass, kein Halt.

Regen, grau, viel schwere Ware.

Die Erinnerungen werden kalt.

Die Geister dieser Stadt

8 Sep

Sie lauern hinter Bäumen, unter Brücken, in Türeingängen. Machst du genau den richtigen Schritt im richtigen Moment, sind sie da. Oder den falschen. Düfte und Jahreszeiten rufen sie hervor, manchmal auch einfach nur eine Stimme aus der Ferne. Ein Gedanke oder ein Wort können ausreichen. Und besonders in dieser Stadt gibt es unzählige Geister.

Weil sie meine ist? Weil ich hier schon so viele Geister angesammelt habe? Ich bin weit weg gefahren und habe einige von ihnen mitgenommen, aber hier ist ihre wahre Präsenz. Manchmal gehen sie mir mächtig auf den Keks, manchmal mag ich sie und suche sie sogar.

Erinnerungen, Bilder, Ideen. Menschen. Es gibt Tage, da sind sie allgegenwärtig, an anderen scheinen sie überhaupt nicht zu existieren. Einige sind riesengroß und nicht zu übersehen, andere sehr flüchtig und kaum wahrnehmbar. Sie können deine Kräfte rauben oder dich beflügeln.

In Stein gehauene Geister begrüßen uns am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, Buchstabengeister begleiten uns in der Bahn, Musik beschwört sie herauf, wenn man die Straßen entlang geht. Tausende verbringen ihre Zeit damit, wegzuschauen und die Geister zu ignorieren, doch dann ist die Heimsuchung eines Tages um so größer. Und verwirrender.

Die Geister der Politik schweben zwischen uns und dem Papier, überall in der Stadt. Wir versuchen vielleicht, sie zu verstehen, um dann mit einem guten Gefühl wählen zu gehen. Manchen sind diese Geister jedoch zu viel. Die meisten Plakate weisen tatsächlich darauf hin, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen sollten: „Es ist viel besser, liebe Bürgerinnen und Bürger, wenn ihr wählen geht.“

Doch im Alltag haben sie eigentlich keinen Platz. Ob Spinnen oder Geister, am liebsten holen wir den „Staubsauger“ raus und werden sie los. Dabei wollen sie uns eigentlich immer auch etwas wichtiges sagen (besonders die Spinnen). Und wenn wir uns mal wieder selbst nicht glauben, sagen wir gerne, „ich glaub, ich spinne“. Also: Ich glaube, ich habe einen Geist gesehen.