Tag Archives: Familie

Ehre und Geleit

29 Sep

Die Füße bleischwer, das Herz ein zerfließender Stein.

Dort sitzen sie. Die Gebrochenen und die Angeknicksten. Die Verwirrten und die Angehauchten. Die Unschuldigen und die Bedauernden. Die Jungen, die zum ersten Mal Verlust erleben und die Alten, die nicht mehr zählen mögen und klar unterscheiden schon gar nicht.

Und da die Realität manchmal so schwer einzuordnen ist, kleiden wir sie in eine Zeremonie.
Blumen wie das pure Leben und ein Bild, bei dem man vor Freude weinen möchte.
Du wirst zu Worten, Gedanken, Liedern, Tränen, Erinnerungen.

Die drückende Schwere verwandelt sich zu einem Moment des Unglaubens, beinahe loslachen möchte man angesichts der Unfassbarkeit. Aber dieser Moment weicht einem Ankommen, bei dir.

Gelacht wird später, zu angemessener Zeit. Weniger irre, als vielmehr erleichtert.

Die Glocken läuten, wir erheben uns und machen uns auf zum schwersten Gang.

Über das „Ja“

7 Sep

Wer sich öffnet, kann nichts mehr festhalten.

Alles fließt. Du öffnest dich und siehst, spürst, nimmst wahr.
Doch diese Wahrheit, die du nimmst, zeigt sich in all ihren Facetten.

Nur wenn du dich verschließt – um „nein“ zu sagen, um etwas festzuhalten, um einen Aspekt zu beleuchten (und ihn damit auszubleichen), um den Moment einzufrieren, die Welt anzuhalten – spürst du, dass du keine Kontrolle hast.

Du kannst dich geben, dich öffnen, „ja“ sagen.
Alles andere ist ein Geschenk, ist ein Verlust – ist, was es ist.

Das „Ja“ macht Angst. Aus Reflex werden manchmal neue Grenzen abgesteckt. So sind wir Menschen.

Aber genau das meint dieses „Ja“: Vertrauen.

Pfote

24 Jul

Klein und weiß und ein bisschen rosa. So klein, aber schwer auf meinem Bauch. Und dann lagst du auf einmal drauf. Aber das war nur etwa fünf Sekunden gut. Hin und her, ja, nachts ist alles viel spannender. Bis du auf meine Haare getreten bist. Da habe ich dich einfach weggeschubst. Und schwupps – saßt du neben dem Bett. Eines deiner neun Leben vielleicht aufgebraucht, aber viel wahrscheinlicher ist, dass es dir gar nichts ausgemacht hat. Oder du einfach nur überrascht warst.

Anhänglich bist du geworden, im Alter. Je schwerhöriger, desto lauter dein – nennen wir es mal – Brüllen. Klägliches Miauen hätte einfach nicht zu dir gepasst. Du warst schon immer ein starker, wilder, verrückter Selbstversorger. Aber eigentlich hattest du nichts gegen Leckerlis und Streicheleinheiten. Eigentlich nicht, jedenfalls nicht, nachdem du zur Ruhe gekommen bist. Endlich, nach über fünfzehn Jahren. Aufgewachsen in der „Wildnis“, die wir Menschen Campingplatz nennen. Abgehärtet, immer im wahren Leben. Bis sie dich mitgenommen haben. Diese Menschen. Und weitergereicht, aber nur zu deinem Besten. Und das wusstest du.

Ganz selten mal ein Blick aus dem Fenster in den Innenhof. Weil da eine Katze saß. Aber du hast nur geschaut. Die Zeiten waren längst vorüber, den Preis hast du nur allzu gern bezahlt. Du wusstest einfach, was das Leben da draußen noch so mit sich bringt. Irgendwann lernt man sie wohl schätzen, die Sicherheit. Zumindest wenn man gefühlte hundertzwanzig ist.

Klein und weiß und ein bisschen rosa. Braune Erde, frisch ausgehoben und noch nass vom Regen. Schlaf gut, Kleiner.

 

An meine lesbische Tochter

15 Mai

Aufgrund eines interessanten Gedankenexperiments habe ich mir selbst die Frage gestellt, wie ich meinem Kind im Teenangeralter (oder auch später) gegenüber treten würde, wenn ich erführe, dass sie oder er homosexuell ist. Dabei ist dieser Brief entstanden.

An meine imaginäre Tochter

Sei dir einer Sache immer sicher: Meiner Liebe.

Sei dir nie gewiss: Dass du irgendetwas schon wirklich bis zum Ende erfahren hast.

Vielleicht bist du jetzt gerade mitten in der Pubertät und hast dich das erste Mal verliebt. In ein anderes Mädchen. Vielleicht bist du verwirrt und verängstigt, weil dir die Welt um dich herum vermittelt, dass es falsch ist. Oder auch einfach nur schwierig.

Doch einer Sache bin ich mir sicher: Du bist etwas besonderes, in jedem Fall. Das kann hart werden, wenn die Anfeindungen irgendwelcher – fremder oder auch naher – Menschen um dich herum los gehen. Aber es kann dir auch so viel geben und zeigen. Bestimmt habe ich dir schon „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo vorgespielt. Das trifft es ganz gut, wie ich finde.

Bring sie mit nach Hause, wenn es mit euch klappt (oder geh erst einmal mit ihr aus). Ich will sie kennen lernen, aber fühl dich niemals gedrängt. Lernt ihr euch erst einmal kennen, vertraue dabei deinem Gefühl. Jede Beziehung ist anders, jede bringt andere Aspekte in dir selbst zum Vorschein.

Lerne, die Liebe zu erkennen – das bedeutet allzu oft auch, gehen lassen zu müssen. Versuche, die Liebe zu leben und weiterzugeben – zu dir und anderen.

Ich habe keine Weisheiten, die ich dir mit auf den Weg geben kann, parat. Aber umso mehr wünsche ich mir für dich, dass du deinen Weg entdeckst und gehst. Mit dem Wissen, dass ich immer da bin, wenn du mich brauchst. Genauso für deine zukünftige Freundin oder Frau.

Versuche, geduldig mit denen zu sein, die Hass in sich tragen oder Verunsicherung. Das wird dir vielleicht schwer fallen, aber eines Tages wirst du sehen, dass diese Menschen einen Kampf in sich selbst austragen. Wenn du selbst Wut oder Hass spürst, lass es raus. Sag auch mir, was dich stört. Und dann lerne, zu vergeben. Diesen verwirrten Menschen, die versuchen, dich „zu bekehren“ oder „heilen“, keine Macht über dich zu geben. Du bist gut, genau so, wie du bist. Du sollst genau so sein, wie du hier bist.

 

[So, liebe Mayumi, wir sprechen uns dann in 15 Jahren zum Realitäts-Check!]

Vom Verreisen

10 Mrz

Wir laufen durch die Sonne, tanken Wärme und lassen uns das Licht glauben machen, dass alles hell und freundlich ist. Wieder auf der Reise, mit mehr Taschen als noch vor ein paar Stunden – und einem müden Lächeln im Gesicht.

Immer ein Stückchen auf der Flucht und am glücklichsten in der Mitte – wie die Zeit gerannt ist. Ein winzig kurzes Wochenende. Alles vertraut und doch so anders diesmal. In Bezug auf fast jedes Detail und jeden einzelnen Besuch. Die Geschichte kann sich nicht wiederholen und tut es zum Glück auch nicht. Ich stehe ein wenig neben mir selbst und spüre die Distanz zur Realität.

Als wir am Samstag früh losgefahren sind, mussten wir unerwartet den S-Bahn-Ersatzverkehr nehmen und erreichten nur in allerletzter Minute unsere Bahn am Hauptbahnhof. Rennen, Schubsen, Entschuldigung. Was für eine Aufregung. Ich war hellwach, auch wenn es unglaublich früh am Morgen war. Dann ließen wir Hamburg hinter uns.

In der Nacht ein unbekannter Schlitz im Vorhang – sind wir in Berlin? Nein, Osnabrück. Noch einmal einschlafen.

Das Wochenende ist schnell vorbei und trotzdem voller Termine, Erlebnisse, Begegnungen. Zwischendurch ein paar Mal im Krankenhaus. Desinfektionslösung macht die Hände weich und stinkt. Am Abend Cocktails und eine Dosis Realitätsverschiebung. Wie das die anderen sehen, weiß ich nicht. Manchmal kann man sich auf neutralem Boden einfach am nächsten sein.

Am Ende steht noch die Rückfahrt an. Wir sind total aufgekratzt von der Sonne, der Zug fährt ein. Einmal im richtigen Wagen, müssen nur noch die Plätze gefunden werden. Links und rechts lauter Menschen aus einer anderen, dunkleren Welt. Verschlafen und träge, mit roten Augen sitzen sie in ihren Sesseln. Als ob sie schon viel zu lange unterwegs wären. Und das mitten am Tag, am Beginn unserer Reise. So ist das, wenn man dazu steigt.

Nach einer halben Stunde in verbrauchter Luft werden auch wir träge. Die Augen, die sich auf die Seite eines Buches konzentrieren sollen, wollen lieber zufallen. Kleine Kinder um uns herum. Auf einen Bildschirm starrend, weinend, plappernd, lachend und laufend. Plötzlich: kreischend.

Mein Trommelfell platzt fast. Aufgrund guter Erziehung meinerseits und der plötzlichen halbseitigen akustischen Lähmung kann ich nicht reagieren. In Gedanken male ich mir aus, wie ich die Kleine festhalte und ihr genauso laut ins Ohr schreie.

Zum Glück sind wir bald Zuhause.

 

 

Alle Jahre wieder

16 Dez

Ganz besonders schlimm ist es zu Weihnachten. Wo wir auch hinschauen, überall schwirren diese Erwartungen umher. An das Fest, an den Glühwein, an den Schnee – der sowieso nicht kommen wird, man weiß es ja schon vorher. Weiß man halt. Ist so. Aber eigentlich sollte er uns ja auch dieses Jahr wieder überraschen mit seiner Puderzuckerromantik.

Und am deutlichsten sind die Erwartungen gegenüber anderen Menschen. Besonders an die nächsten, liebsten, scheinbar berechenbarsten Menschen. Man erwartet, dass sie bestimmte Dinge tun oder auch unterlassen, dass sie sich bestimmte Dinge wünschen oder einem schenken werden. Schließlich, dass sie einen schon wieder enttäuschen werden.

Das werden sie mit Sicherheit, wenn wir immer wieder die gleichen Erwartungen an sie richten (und dabei die direkte Kommunikation unterlassen, weil die sich ja sowieso nicht lohnt. Weiß man ja schließlich schon vorher.)

Der Dezember hat so eine ganz eigene Jahres-end-spannung inne, die wunderbarerweise in eine Jahres-ent-spannung umschwenken könnte. Würden wir nur einfach mal nichts mehr voneinander erwarten.

Sondern einfach fragen, wenn wir etwas möchten. Wer kann denn schon Gedanken lesen?

Ich weiß leider nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber ich liebe diese Idee:

Wer nicht um Hilfe bitten mag, kann anderen selbst keine Hilfe gewähren, ohne dabei zu urteilen.

Ebenso klasse finde ich:

Ich freue mich jedes Mal wieder, enttäuscht zu werden. Dann weiß ich, dass ich mich vorher getäuscht habe.

In diesem Sinne: Redet miteinander. Tut doch nicht weh.

Die Alternative

3 Dez

Es gab diese Momente, in denen sie sich einfach nur noch ausklinken wollte. Sie hatte keine Lust mehr auf ihre Probleme, ihr Leben, im Allgemeinen. Leben wollte sie schon, allerdings wäre sie gern lieber mal kurz in ihr Selbst aus einem Paralleluniversum geschlüpft. Hätte da mal nach dem Rechten geschaut und sich angeguckt, was sie für Entscheidungen getroffen oder wie sie sich entwickelt hätte. Hätte sich vor einen Spiegel gestellt und angelächelt.

Sie hätte sich gern die Menschen im Paralleluniversum angeschaut, mit ihnen geredet, um Unterschiede zu bemerken oder auf neue Ideen zu kommen. Oder diesen Wellensittich, den sie damals nicht gekauft hatte (obwohl sie davon weiß Gott genug gehabt hatte, aber den einen – sie hatte ihm sogar schon einen Namen gegeben – hatte sie einfach im Laden gelassen). Sie wollte das Kind sehen, bei dem sie sich entschuldigt hätte, statt einfach weiterzugehen, nachdem sie es mit der Tasche (leicht!) am Kopf getroffen hatte. Und die dazugehörige Furien-Mutti.

Sie würde bestimmte Menschen treffen, die sie nicht kannten, da sie sich gegen den einen oder anderen Job entschieden hätte. Und ihnen erzählen, wie sehr sie sie mochte. Und sie würde sich über andere wundern, die ihr nichts sagten, mit denen sie aber scheinbar befreundet war.

Sie fragte sich, ob sie an bestimmten Punkten im Leben genau da gestanden hatte, wo sie immer gewesen war. Wo sie hatte sein sollen.

Sie wollte sich anschauen, was aus ihr beruflich geworden war, im Paralleluniversum. Ob sie dort ein Einzelkind war. Sie wollte überall sein, nur nicht gerade hier, gerade jetzt. Aber je mehr sie so vor sich hinphantasierte, desto klarer wurde ihr, dass sie jede Entscheidung bewusst getroffen hatte. Und auch die dummen würde sie wahrscheinlich immer wieder so treffen, weil sie erst aus deren Konsequenzen gelernt hatte.