Tag Archives: Freunde

Was dich erwartet, hier

10 Jan

Eine stürmische Welt und ein warmes Zuhause

Verrückte Köpfe und Mut im Hass

Tausend Ideen und Leidenschaft für dieses Leben

Bereits seit Jahren geplanter Spaß

Laute und leise Töne und Tänze

Ganz viel Nähe

und Sandkasten, Gras

Wer weiß wie es wird

aber es wird eins: Krass.

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Die Regeln der Freundschaft

8 Okt

Wir sind eins, wir sind verschieden.
Wir sind hier und doch getrennt.
Du bist so sehr das, was ich nicht verstehe
und an anderen Tagen bin ich deine Wand.

Du hast deine Regeln, ich hab meine,
glücklich sind die, welche sie einfach vergessen.
Die Regeln der Freundschaft sind wie die Regeln der Liebe:
überflüssig im wichtigsten Moment.

Alles konstituiert sich erst im Augenblick der Wahrheit
und so kommt die Wahrheit über dich und mich
ans Licht.

Die Sache mit den Wurzeln

4 Okt

Es war einmal ein kleiner Baum. Er stand am Rande eines Waldes, so dass er den Wind und bei Gewitter sogar Blitz und Donner jedes Mal frontal abbekam. Wenn sich Menschen auf einen Spaziergang aufmachten, gingen sie am kleinen Baum vorbei und sagten „Oh, ist der schön. Der wird bestimmt mal ganz groß und stark werden.“ Natürlich war er schon stark, aber das wusste der kleine Baum nicht. Er sah nicht, wie es im Innern des Waldes aussah, wie kahl seine Artgenossen teilweise waren, die nur noch ihre obersten Blätter trugen. Und so hielt er sich für klein und schwach. Aber dass die Leute ihn bemerkten, machte ihn glücklich. Er hielt seine Blätter extra so hin, dass die Spaziergänger sie von ihrer besten Seite sahen. Im Winder tollten Eichhörnchen auf ihm herum, aber sie liefen schnell weiter in den schützenden Wald hinein. Der kleine Baum mochte den Schnee nicht, auch nicht die Kälte. So schlief er die meiste Zeit, bis es wieder warm wurde und er seinen immer größer werdenden Durst stillen konnte.
Am liebsten hätte er sich oft einfach mit den zurückkehrenden Wanderern auf den Weg gemacht und ein bisschen die Welt erkundet. Wäre über die Felder gewandert, hätte das Meer gesehen (die Vögel erzählten ihm manchmal davon) und hätte andere Bäume kennen gelernt, die ganz anders aussahen als er selbst.
Einmal besuchte ihn ein kleiner Vogel. Er war ebenfalls noch jung, so wie er. Auch wenn seine Zeit als Baum auf der Erde wahrscheinlich schon dreimal so lang gewesen war wie die des kleinen Vogels. Der Vogel hatte gerade gelernt, zu fliegen.
„Ich war heute auf dem Feld und habe mit einer Maus gespielt“, erzählte er dem kleinen Baum. „Wie ist es im Feld?“ fragte der Baum.
„Es ist weit. Für die Maus ist es ein Schutz, für mich ist es wie ein endloses Meer.“ Vom Meer hatten dem kleinen Vogel seine Eltern berichtet.
„Und für mich ist es einfach nur weit weg“, sagte der Baum. Und seufzte. Der Vogel verabschiedete sich zwitschernd und flog wieder in Richtung Feld.
Jeden Tag kam der kleine Vogel und saß auf dem Baum. Er probierte alle Äste aus und erzählte ihm aufgeregt von seinen Ausflügen. Der Baum war sehr glücklich, wenn der kleine Vogel ihn besuchte, auch wenn er jeden Tag ein kleines bisschen schwerer wurde. Er fragte ihn, was er alles erlebt habe und nachts träumte er, er könne sich aufmachen und den kleinen Vogel begleiten. Aber natürlich ging das nicht.

Eines Tages kam der kleine Vogel zu seinem Freund, aber der Baum weinte. „Was ist denn mit dir passiert?“ fragte er. Der Baum schniefte. „Sie haben mir in den Bauch geritzt.“ Der Vogel flog um den Baum herum und entdeckte schließlich die Narben. Menschen hatten ein großes Herz und mehrere kleine Striche in die Rinde des Baumes geritzt.
„Tut es sehr weh?“ fragte der Vogel. Der Baum schüttelte seine Äste. „Vorsicht, ich falle gleich herunter!“ beschwerte sich der Vogel.
„Entschuldige. Nein, es tut nicht sehr weh. Aber meine schöne Rinde.“ Der Vogel merkte, dass der Baum etwas eitel war. „Du siehst mit diesem Herzen noch viel schöner aus. Jemandem bedeutest du ganz viel“, versicherte er seinem Freund. Da verliebte sich der Baum in den Vogel.
Jeden Tag redeten und lachten sie miteinander, der Vogel wurde noch größer, bis er schließlich ausgewachsen war. Die Tage wurden jetzt kürzer, die Blätter bekamen langsam eine gelbe Farbe, das Wasser wurde knapp. Der Baum wurde müde. Eines sonnigen Tages saß der Vogel wieder auf seinem Lieblingsast. Er schien irgendwie traurig. „Was ist los?“ fragte der Baum.
„Ich werde dich eine Weile nicht besuchen können“, piepste der Vogel mit trauriger Stimme. Der Baum war verwirrt. „Wieso das denn?“
Der Vogel schüttelte sein Gefieder. „Wir fliegen heute Abend in den Süden.“
Der Baum sagte lange Zeit nichts. „Süden ist weit weg, oder?“ fragte er schließlich. Der Vogel nickte.
„Ich werde erst im nächsten Frühjahr wiederkommen“, erklärte er. Sie schwiegen beide eine Weile, dann machte sich der Vogel auf und erhob sich, hoch wie noch nie zuvor, in die Luft.
Der Baum schaute ihm lange hinterher.

Die Tage waren dunkel, traurig und leer ohne den kleinen Vogel. Die umstehenden Bäume versuchten den kleinen Baum zu trösten, aber für ihn hatte die Welt keinen Sinn mehr. Er schlief, soviel er konnte und hoffte, dass der Winter bald vorüber war.

Eines Tages kam ein Holzfäller vorbei. Normalerweise hielten alle Bäume immer die Luft an, wenn sie eine Axt sahen. Aber diesmal sprach der kleine Baum den Mann mit der Axt an. „Hallo“, sagte er traurig. Der Holzfäller blieb stehen und wartete, was ihm der Baum zu sagen hatte.
„Kannst du vielleicht meine Wurzeln kappen?“ fragte der Baum. Der Mann mit der Axt schüttelte den Kopf. „Es ist noch nicht deine Zeit, lieber Baum. Du bist jung.“ Der Baum schüttelte seine Äste. „Du verstehst nicht. Ich will zu meinem Freund.“ Der Holzfäller blieb hart. „Du bist gesund. Wart’s ab, wenn der Winter erst vorbei ist, wirst du wieder glücklicher sein. Ist eine harte Zeit, uns allen fehlt das Licht. Lass dich nicht unterkriegen.“ Er wollte weiter gehen. Doch der Baum rief laut: „Halt!“ Der Mann mit der Axt blieb verwirrt stehen. Er wollte keinen jungen, gesunden Baum fällen.
„Ich mag meine Wurzeln nicht. Sie halten mich davon ab, in die Welt hineinzulaufen. Ich werde nur besucht, aber ich kann nicht selbst entscheiden, wann ich wohin gehe.“ Der Baum war verzweifelt.
„Sorry Kumpel, aber du bist nun mal ein Baum“, sagte der Holzfäller. Dann ging er in den Wald hinein.
Jeden Tag ging der Mann mit der Axt am kleinen Baum vorbei und machte sich auf den Weg, ein paar alte und kranke Bäume zu fällen. Manchmal kam er auch ohne sein Werkzeug vorbei und machte nur einen Spaziergang. Jeden Tag sprach der Baum ihn an.
„Bitte, hilf mir. Kappe meine Wurzeln, damit ich mich frei bewegen kann.“ Und jeden Tag schüttelte der Holzfäller seinen Kopf.

Die Nacht wurde länger als der Tag und der Baum fiel in einen tiefen Schlaf. Ein paar Wochen später wachte er auf. Wieder ging der Holzfäller an ihm vorbei. „Hallo“, sagte der Baum. Der Mann mit der Axt lächelte. Es schien dem Baum besser zu gehen. Doch er irrte.
„Bitte, kappe meine Wurzeln“, flehte der Baum sehnsüchtiger als jemals zuvor.
Der Mann hielt inne. Der Baum sah so unglücklich aus. Was hatte so ein Baum für einen Sinn? Er würde krank werden, dachte der Mann mit der Axt. „Willst du das wirklich?“
Der Baum antwortete mit voller Entschlossenheit: „Ja.“ Der Mann nickte. „Also gut.“ Der Baum konnte sein Glück kaum fassen. „Wie wird es sein?“ fragte er aufgeregt. „Werde ich laufen können?“ Der Mann überlegte kurz. „Du wirst die absolute Freiheit haben. Du wirst fliegen.“

Und so erbarmte sich der Mann und schlug ihm seine Wurzeln ab. Der Baum war ihm unendlich dankbar. Er breitete seine Äste aus, soweit er konnte und wartete auf das Gefühl der grenzenlosen Freiheit.
Und sie kam.

Neuwerk – das gehört zu Hamburg

20 Aug

Wir machten uns auf in aller Frühe. Und ich meine wirklich früh. Der Wecker klingelte um 5:30 Uhr. Lasst uns ehrlich sein, packen am Abend vorher ist doch was für Langweiler. Gut durchorganisiert geht manchmal erst in den letzten fünf Minuten. Dennoch war nicht ich es, die ihre Schuhe vergessen hat.
Um sieben trafen wir uns alle – acht Mädels an der Zahl – um zusammen nach Cuxhaven zu fahren. Ein Auto fuhr direkt, das andere machte einen kleinen, ungeplanten Schlenker. Ratet, in welchem ich saß. Und fieberte.
„Die Flut wartet nicht“, tönte es auf der Homepage. Zur Not müssten wir halt hinterherlaufen. So ein bisschen Jogging am Morgen macht doch munter.
Wir sahen jedoch in geringer Entfernung unsere Gruppe und einige wild winkende Teilnehmer darin – das mussten sie sein. So ging es also ins Watt. Alte Turnschuhe und Socken wurden empfohlen, keine Gummistiefel. Barfuss sollte man auch nicht laufen. Das wurde natürlich zum Großteil ignoriert. Die Muschelbänke hielten sich zurück, niemand wurde (ernsthaft) verletzt.
Nach einigen Schritten wurde es nass, noch einige weiter war ich schon eins mit dem Schlamm. Anders geht es nicht.
Irgendwann, nach einer Stunde vielleicht, dachten wir, wir hätten die Hälfte geschafft. Ha. Es folgten noch zweieinhalb weitere. Starkregen und Sturm, dann wieder Sonne – wir hatten das volle Programm. Wer nach „Hamburg“ will, muss einige Prüfungen bestehen. Es fühlte sich an wie ein Marsch durch die Wüste. Zugegeben, eine Wüste aus Schlick. Durch die tiefen Furchen im Boden war es nicht einfach, zu laufen. Irgendwann zog ich meine Schuhe aus. Das Wasser war angenehm warm. Es ging immer weiter. Der Wattführer – ein Rheinländer, der nach eigenen Angaben auch das erste Mal hier längs lief – hielt des öfteren an, um tote oder sich tot stellende Krebse in die Luft zu halten.
Neuwerk kam optisch zwar immer näher, blieb aber im Prinzip stets genauso weit entfernt. Wir liefen jeden überflüssigen Gedanken weg.

Irgendwann waren wir da. Einfach so. Und die Sonne wartete auch schon auf uns.

Freundinnen

23 Jan

Es ist kalt in Hamburg. Noch nichts im Vergleich zu Toronto (meine Anzeige schwankt zwischen -20 und -15 Grad), aber schon ziemlich eisig. Vor allem, wenn man irgendwie dachte, man würde noch drum herum kommen. Um den Winter. Was ziemlich naiv ist Mitte Januar, aber hey, immerhin haben wir es bis hierher geschafft.

Ich stehe an der Ampel. Neben mir zwei ältere Damen, Arm in Arm und natürlich jeweils mit kuscheliger Mütze auf dem Kopf. Ich bin ein bisschen neidisch, aber selbst Schuld. Eine andere ältere Dame steht neben den beiden, neben ihrem Fahrrad, und wartet ebenfalls. Sie hat auch keine Kopfbedeckung. „Du hättest auch über die andere Ampel fahren können“, erklärt die eine Arm-in-Arm-Omi. Die Fahrrad-Omi rechtfertigt sich. „Ich fahre immer auf der anderen Seite.“ – „Ja, das mache ich auch so.“

Dann holt die andere Arm-in-Arm-Omi aus. „Hast du keine Mütze? Du solltest dir dringend eine kaufen.“ – „Doch, ich habe eine Mütze.“ – „Dann setz sie doch auf!“

Ich wundere mich schon ein wenig über den Tonfall. Doch dann setzt die erste Arm-in-Arm-Omi noch einen drauf: „In deinem Alter braucht man eine Mütze! Da werden nämlich die Haare dünner.“

Es wird grün. Die Fahrrad-Omi fährt los.

 

 

Von einem Freund

10 Dez

Als sie zehn Jahre alt war, beschlossen ihre Eltern, dass es Zeit für ein Haustier sei. Die Eltern hatten selbst viele tolle Erfahrungen mit Wellensittichen gemacht, außerdem musste man mit einem Kleintier nicht Gassi gehen. Sie stand also im Zoogeschäft und durfte sich einen Wellensittich aussuchen.

In ihrer Schule gab es einen Jungen, der einen kleinen Bruder hatte. Die Mutter brachte ihn einmal mit in die Schule. Er saß so zufrieden in seinem Buggy, dass sich alle Kinder um ihn scharten und ihn begutachteten. Sein zufriedenes Lächeln ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Der kleine Junge hieß Max.

Sie streifte ehrfürchtig durch das Zoogeschäft mit seinen hohen Wänden, an denen die kleinen und großen Käfige hingen, dann ging sie hinten durch den Gang zu den Tieren. Die Lautstärke nahm sie weniger wahr als den Geruch. Sie sollte sich also einen Vogel aussuchen. Als sie auf einen hellblauen Wellensittich zeigte, sagte ihr Vater: „Nimm mal einen anderen. Dieser hier ist völlig überzüchtet. Die hellblauen werden nicht so alt.“ Doch es war zu spät, sie hatte sich bereits entschieden. Und der Sittich sollte seine Worte Lügen strafen.

Zu Hause wurde der Käfig vorbereitet und der kleine Vogel in seine neue Umgebung gesetzt. Sie setzte sich davor und betrachtete ihn. Stundenlang. „Wie soll er denn überhaupt heißen?“ fragten die Eltern. „Max“, antwortete sie. Ihr kleiner Bruder saß neben ihr vor dem Vogel, den die vielen neuen Eindrücke einschüchterten und die Kinder wahrscheinlich nicht weniger nervös machten. „Sei ganz still“, ermahnte sie den kleinen Bruder. Irgendwann begann Max zu fressen.

Am nächsten Tag fuhr die Familie erneut ins Zoogeschäft. Der kleine Bruder brauchte auch einen Vogel.

Siggi war von einem dunkleren blau als Max und hatte eine weiße Feder am Hinterkopf, die sich von den schwarzen Wellen abhob. Siggi stand im Zimmer vom kleinen Bruder, Max weiterhin in ihrem Zimmer. Jetzt hatte jeder was zu Gucken. Bald waren die beiden Butschis so zahm, dass sie auf die Hand gingen. Siggi machte besonders gerne beim „Leiter-Spiel“ mit: Man hielt ihm immer wieder einen neuen Finger hin, auf den er dann einen Fuß nach dem anderen setzte. Linken Zeigefinger, rechten Zeigefinger, linken Zeigefinger, rechten … und so weiter.

Die beiden Kinder hatten eine Gegensprechanlage, mit der sie vom einen ins andere Zimmer kommunizierten. Irgendwann rief ein Vogel im Hintergrund dazu. Der andere hörte den Ruf und antwortete. Bald drückten die Kinder nur noch die Tasten für die Vögel.

Manchmal besuchten sich die Butschis gegenseitig. Sie genossen sichtlich die Gesellschaft des anderen. Wenn Siggi Max in seinem Käfig zu Besuch hatte, warf er ihm Körner auf den Fußboden, weil es nur einen Futternapf gab. In Max’ Käfig gab es zwei Näpfe. Am Ende des Tages ging es wieder „nach Hause“. Mit lauten Rufen wurden die beiden Wellensittiche voneinander getrennt.

Siggi war wild und laut, Max war ruhiger. Abends schliefen die Vögel auf ihren Schaukeln. Wenn Max auf die Schaukel gegangen war, hängte sie ein Handtuch über den Käfig. Als es schon längst dunkel war, krabbelte der kleine Vogel noch mal runter und hangelte sich zum Wassernapf. Dann ging er wieder hoch und schlief. Jeden Abend. Sie stand ebenfalls abends noch einmal auf, um etwas zu trinken.

Eines Tages flog Siggi beinahe aus dem Fenster. So zog er bei Max ein. Die Butschis freuten sich, nun dauerhaft beieinander zu sein. Der kleine Bruder war nicht so glücklich, tat aber so, als interessiere es ihn nicht weiter.

Irgendwann bekamen die beiden Wellensittiche noch mehr Zuwachs. Zwei Vogeldamen hielten Einzug in den (mittlerweile größeren) Käfig. Max war begeistert. Der kleine Draufgänger. Meist fiel er aber runter.

Nachts schaute sie manchmal in den Käfig und rätselte, wer wo saß. Vogeldame Minni hatte die gleiche Musterung und Figur wie Siggi, wenn auch in grün statt blau. Im Dunkeln konnte man sie daher nicht unterscheiden. Aber auf dem Hinterkopf von Siggi leuchtete immer noch die weiße Feder über den Wellen.

Nacheinander starben die Vogeldamen und Siggi. Max war nun ganz allein. Eines Tages kam ein neuer Vogel hinzu – die ältere Nachbarsdame hatte auch einen Wellensittich, konnte sich aber nicht mehr um ihn kümmern. Max freundete sich an, allerdings tat er sich diesmal schwerer. Bald nahm die Familie einen Dackel auf, der jedoch von den Wellensittichen fern gehalten wurde, so gut es ging.

Insgesamt kamen noch sieben weitere Wellensittiche hinzu, alle landeten irgendwann in einer riesigen Voliere. Zu Spitzenzeiten lebten zehn Butschis zusammen. Max wurde älter. Mit acht Jahren konnte er seine Füße nicht mehr richtig benutzen, sie waren von der Gicht verkrümmt. Im großen Käfig fiel er tief, wollte aber unbedingt bei den anderen bleiben (es gab auch einen kleinen Käfig). Eine Leiter wurde eingebaut. Später, als es gar nicht mehr ging, saß er im kleinen Käfig und die anderen besuchten ihn. Manchmal wurde ihm das jedoch zu viel.

Beim Umzug in ihre erste eigene Wohnung war Max bereits elf. Er hielt sich tapfer. Von den anderen Wellensittichen lebten noch fünf. Eine Katze in der WG, noch einen Umzug und eine weitere Katze (zu Besuch) musste er über sich ergehen lassen, inzwischen längst nicht mehr in der Lage, zu fliegen.

Als sie mitten im Studium für eine Klausur lernte, hatte sie einen merkwürdigen Traum. Max war inzwischen dreizehn. Der Dackel war schon vor längerer Zeit gestorben. Sie träumte, dass jemand eine Decke in den Händen hielt. Sie fragte, was in der Decke sei. „Es ist der Hund, wir bringen ihn nach Hause“, war die Antwort. Als sie die Augen aufschlug, wusste sie es bereits, aber sie schaute mit Herzklopfen noch einmal nach und sah, dass Max auf dem Boden seines Käfigs lag.

Noch am selben Tag stellte sie bei einem anderen Vogel Anzeichen einer Krankheit fest. Sie machte sich Sorgen, dass es etwas Ansteckendes sein könnte, obwohl sie ziemlich sicher war, dass Max an purer Altersschwäche gestorben war. Also fuhren sie und ihr Freund mit dem Butschi zum Tierarzt.

Dem Vogel ging es gut. Beim Warten entdeckte sie jedoch einen Vogelkäfig mitten im Raum mit einem quietschfidelen Wellensittich darin, der munter hin und her kraxelte. Sie ging vorsichtig heran und er reagierte sehr aufgeregt. Als sie den Finger in seine Richtung bewegte, wurde er zunehmend lauter. Ein richtiger Kasper. Der Tierarzt bemerkte ihr Interesse und erzählte, dass dieser Vogel gefunden worden war. Total auf Menschen fixiert. Der Mediziner hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn zu den anderen in der Voliere draußen zu stecken. „Da würde er vor Langeweile eingehen.“ Er musste nicht fragen.

Als sie das erste Mal die Käfigtür öffneten, flog der Neue direkt auf den Kopf ihres Freundes. Wenn sie aus dem Zimmer gingen, legte er seinen Kopf schräg und machte ein herzzerreißendes Geräusch. „Üüüüüiiiiiii?“

Kasper lebte noch einige glückliche Jahre bei ihnen. Als er schließlich starb, war auch die letzte Verbindung zu Max abgebrochen.

Nein, das stimmt nicht. Denn es gibt da noch diese kleine gelbe Vogeldame, Max’ letzte Freundin, wenn man so will. Und eine andere kleine, hellblaue Vogeldame, die ihm so ähnlich sieht, dass sie glatt Maxima genannt wurde. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann zwitschern sie noch heute und machen alle Nachbarn verrückt.

 

 

Die Alternative

3 Dez

Es gab diese Momente, in denen sie sich einfach nur noch ausklinken wollte. Sie hatte keine Lust mehr auf ihre Probleme, ihr Leben, im Allgemeinen. Leben wollte sie schon, allerdings wäre sie gern lieber mal kurz in ihr Selbst aus einem Paralleluniversum geschlüpft. Hätte da mal nach dem Rechten geschaut und sich angeguckt, was sie für Entscheidungen getroffen oder wie sie sich entwickelt hätte. Hätte sich vor einen Spiegel gestellt und angelächelt.

Sie hätte sich gern die Menschen im Paralleluniversum angeschaut, mit ihnen geredet, um Unterschiede zu bemerken oder auf neue Ideen zu kommen. Oder diesen Wellensittich, den sie damals nicht gekauft hatte (obwohl sie davon weiß Gott genug gehabt hatte, aber den einen – sie hatte ihm sogar schon einen Namen gegeben – hatte sie einfach im Laden gelassen). Sie wollte das Kind sehen, bei dem sie sich entschuldigt hätte, statt einfach weiterzugehen, nachdem sie es mit der Tasche (leicht!) am Kopf getroffen hatte. Und die dazugehörige Furien-Mutti.

Sie würde bestimmte Menschen treffen, die sie nicht kannten, da sie sich gegen den einen oder anderen Job entschieden hätte. Und ihnen erzählen, wie sehr sie sie mochte. Und sie würde sich über andere wundern, die ihr nichts sagten, mit denen sie aber scheinbar befreundet war.

Sie fragte sich, ob sie an bestimmten Punkten im Leben genau da gestanden hatte, wo sie immer gewesen war. Wo sie hatte sein sollen.

Sie wollte sich anschauen, was aus ihr beruflich geworden war, im Paralleluniversum. Ob sie dort ein Einzelkind war. Sie wollte überall sein, nur nicht gerade hier, gerade jetzt. Aber je mehr sie so vor sich hinphantasierte, desto klarer wurde ihr, dass sie jede Entscheidung bewusst getroffen hatte. Und auch die dummen würde sie wahrscheinlich immer wieder so treffen, weil sie erst aus deren Konsequenzen gelernt hatte.