Tag Archives: Glück

Heiraten – das neue Zusammenziehen?

14 Jul

Der Dozent stand vor der Gruppe und sinnierte über das Heiraten. Wie unglaublich viel Vertrauen, was für eine grandiose Basis doch dieser Entscheidung zugrunde läge. Wie weit zwei Menschen miteinander in die Zukunft schauten – nämlich unüberschaubar – wenn sie voreinander stünden, die Ringe tauschten und „Ja“ sagten zum „bis dass der Tod uns scheidet“. Und noch bevor sich irgendjemand im Raum wirklich der Tragweite von unüberschaubarer Zukunft bewusst werden konnte, rief jemand: „Ach, das wird doch heutzutage gar nicht mehr gesagt. Wenn überhaupt, trifft man auf diese Formulierung in der Kirche.“ Alle nickten erleichtert.

Unendlichkeit auf Probe – funktioniert das überhaupt? In einer Zeit, die einfach nicht mehr verlangt, einander zu heiraten, die Freunde über die Liebesbeziehung(en) stellt, die alles möglich werden lässt – wozu dann eigentlich vor den Altar oder den Standesbeamtentisch treten?

„Weil wir es einfach wollen“ – klingt nach der besten Idee überhaupt. Und auch gleich schon nach einer Rechtfertigung. Das Herz wird an die Hand genommen vom Verstand. „Komm Herz, ich zeig dir mal, wo es lang geht.“ Und schon ist das Herz verwirrt.

„Zur Not lassen wir uns halt wieder scheiden, wenn es nicht klappt.“ Ja, das geht heute und hier. Glücklicherweise. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Rettung und Erlösung. Und jenseits dessen liegt die Liebe.

Wir müssen uns nicht mehr absichern, denn wir haben ja einen Sozialstaat. Die gesellschaftliche Anerkennung fällt denjenigen zu, die sich beruflich etablieren oder engagieren. Die Durchlässigkeit des Systems steigt – der vielfältigen Kritik am Bildungssystem zum Trotz. Und wenn nicht, so beruhigen uns die Akademiker, dann bieten Subkulturen immer noch zuverlässig interne Mechanismen der Anerkennung.

Und sogar die Kindererziehung funktioniert auch ohne verheiratete Eltern. In vielen Fällen sogar besser.

Was ich vielleicht sagen will: Die Ehe ist in unserer modernen Gesellschaft reduziert auf das Zwecklose, auf den puren Luxus, das Glück – jeder behauptet, es zu wollen, kaum einer hält es tatsächlich aus.

Aber wahrscheinlich ist es gut, dass wir sie hinterfragen. Oder, Herz?

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Vom Wert einer Socke

13 Jan

Da saß sie in der Bahn und strickte eine Socke. Mit verschiedenen Nadeln, die das fragile Gewebe von Maschen hielten – spontan fiel mir ein, wie schrecklich und schön doch das „Aufrippeln“ sein konnte. Sie strickte so mühelos und konzentriert, dass sie vollkommen gefangen und absolut frei im gleichen Moment zu sein schien. Ich hatte schon öfter Frauen (seltener Männer) stricken sehen. Auch in der Bahn war der Anblick nichts Ungewöhnliches. Aber diese Socke hatte schon richtig Struktur und Substanz, man erkannte, was es mal werden sollte. Die Wolle zauberte ein schönes Muster, das sich erst durch das Stricken selbst offenbarte. Die Maschen waren spielerisch angelegt. Mal war der Stoff weicher, mal aufgewellt. Beinahe geflochten.

Auch wenn sie es wahrscheinlich nur nebenbei tat, die Zeit überbrückte, die andere verlasen oder vor sich hinstarrend verbrachten – in dieser Socke steckte so viel Arbeit. Liebe.

Wo war die andere Socke? fragte ich mich. Lag sie schon fertig zuhause und wartete? Oder musste sie erst noch gestrickt werden? Oder war sie in der Handtasche versteckt, als stille Erinnerung?
Hatte die Frau, bevor sie mit dem Stricken anfing, eine Schuhgröße in Maschen umgerechnet, oder entstand die richtige Länge einfach? So „dabei“? Allein deshalb würde ich niemals anfangen, eine Socke zu stricken. Und selbst wenn die erste einigermaßen sockig aussehen würde, was wäre dann mit der zweiten?

Im Laden bekommen wir ein Paar Socken für wenige Euro. Der Bequemlichkeit halber sogar zehn Paar in einem Pack, wenn man es möchte. Sie sind so verfügbar, dass sie heutzutage nicht einmal mehr gestopft werden, außer es handelt sich um Lieblingssocken. Selbst das Stopfen könnte ich nicht. Erst wenn wir richtig viel Geld zahlen müssten, wüssten wir wieder um den Wert einer Socke.

Aber es liegt noch etwas anderes in dieser Handarbeit. Das Gefühl, geerdet zu sein, vielleicht. Zur Not (oder eben auch völlig ohne) Socken stricken zu können. Sich selbst zu versorgen, unabhängig zu sein. Wahrscheinlich spielt das alles für die strickende Frau gar keine so große Rolle. Sie wird immer noch die meisten ihrer Socken in Geschäften kaufen, wahrscheinich sogar das selbstgestrickte Stück verschenken. Anderen etwas zu geben, was man selbst gemacht hat, vergrößert den Wert ja noch. Und manchmal sind wir es uns selbst auch einfach nicht wert. Was schade ist, nebenbei bemerkt.
Die Frau wird vielleicht stricken, weil sie sich entspannen will, ihre Hände beschäftigen möchte und sich am Ende über das Ergebnis freut. Jeder Grund ist mir genug, denn sie hat auch mich berührt durch ihre Tat.

Die Verwandlung von einem Wollknäuel in eine Socke. Wahnsinn, oder?

Diese Stadt, wieder einmal…

17 Jun

Manchmal schafft sie es ja doch, mich zu überraschen.

Zum Beispiel beim gefühlt hundertsten Einflug. Sie sah einfach so anders aus. Klar kommt es auf die Windrichtung, den Verkehr usw. an, aus welcher Richtung man den Flughafen Fuhlsbüttel ansteuert. Auch ist der Blick aus dem linken Fenster ein ganz anderer als der aus dem rechten. Aber trotzdem. Als ich also im Flugzeug saß und nach bekannten Gebäuden, Flüssen, irgendwelchen Anhaltspunkten suchte – sah ich einfach keine. Bis irgendwann ein paar Gleise und ICE-Züge auftauchten, die ich zuordnen konnte, aber selbst die sahen aus der Luft total merkwürdig aus.

Und dann hatte sie auch noch ein paar rosarote Zuckerwatte-Wolken bereitgehängt, die an uns vorbei zogen. Hach. Und dieser Sonnenuntergang…Irgendwas wollte sie mir wohl sagen.

Welcome back? Ich hab dich vermisst? Hier ist es doch sooo schön?

Man weiß es nicht. Auf jeden Fall war ich ganz aus dem Häuschen. Ungewöhnlich für mich.

 

Mal ausprobiert: Loslassen

22 Mai

Ich bin durch Zufall vor einigen Tagen auf einen Blog gestoßen, in dem sich jemand täglich von Überflüssigem im eigenen Haushalt befreit. Die Idee hat mich sofort begeistert, also habe ich nach einigem Hin und Her nun auch ein solches Projekt ins Leben gerufen: Überdenken und Verschenken.

Täglich werde ich es wohl nicht schaffen, da am Ball zu bleiben, aber eben so oft es mir möglich ist. Bisher hat ein bisschen Müll dran geglaubt – wer sich noch an die Bonsai-Geschichte erinnert, wird vielleicht etwas traurig sein. Es hat halt einfach nicht sein sollen.

So erleichternd die Idee auch ist, „fürchte“ ich mich jetzt schon davor, irgendwann „gute“ Sachen loslassen zu müssen. Was erstens natürlich völliger Schwachsinn ist: Ich muss schon mal gar nichts. Und zweitens liegt gerade darin ja auch die Herausforderung! Wenn es nicht ein bisschen weh tut, weiß man gar nicht, um was für Müll man sich eigentlich die ganze Zeit kümmert.

Auch wenn ich durch die Zeit im Ausland bereits viel Überflüssiges losgeworden bin, schadet es nicht, auch heute wieder darauf zu achten, was man eigentlich nicht braucht. Was einem ein Stück weit die „Luft wegnimmt“.

Nach nur zwei Tagen sehe ich schon spürbare Erfolge: Ich habe Ordnung in die eine oder andere Ecke gebracht und sogar mein E-Mail-Postfach nebenbei sortiert.

Wer Lust hat, kann mitlesen und wer mag, darf natürlich auch mit eigenem Projekt mitmachen! Viel Spaß und ich hoffe, es ist euch genau so eine Inspiration wie es mir eine war…

 

Learning to swim

9 Mai

It’s time for another English article. Time for me to swim a little.

When we start to learn a different – foreign, weird – language, it’s like splashing water.

It tickles in our ears, it’s fresh and cold, chilly. And yet this language invites you. Once you learned how to swim, there is a great ocean of experience awaiting you. Many people with different and yet the same thoughts swimming and diving together with you. You can also just sit on a boat and watch the other ones, that might be fun, too. But the real journey begins when you jump right in.

First, you hear nothing at all and everything at the same time. Under water, words sound blurry and distant. But there they are, one or two combinations, a familiar expression. Now you even got a whole sentence! You reach the air again and breathe deeply. Inhaling security, exhaling excitement.

When you walk home, still replying the new words you have learned, it starts to rain. Just a light, warm summer rain. Then thunder rumbles. What if you will never be able to take part in a real conversation? Help! Lightning strikes. But then you remember the feeling when you mingled with the water. How it was just brilliant. Your whole life got so much bigger. There is this complete new world you gained access to. And the best part: You can switch worlds now. Compare expressions, see the connection between the languages and you might even create a new bridge between the two. Some people might say you are just not good enough, but sometimes you are even better, because you see the meaning of the so called ‚false‘ expressions. It’s like a new child, a mix between them. Okay, sometimes that can be really silly, too. But what the heck, as long as it is worth a good laugh. Be a hybrid. Whatever.

It’s really important that you go for a swim regularly and train your muscles. Otherwise you might forget stuff and be afraid the next time you see the water. And in the end it is also really important (most of all I guess), just to let go and trust the water. It will hold you, you will not drown. And if you sink a little, just listen to all the wonderful words you don’t understand yet. Just feel their meaning.

 

 

Das Wunder

1 Mai

Am Anfang bist du unmittelbar, ganz groß und nah. Gänsehaut und auch ein bisschen Beschützerinstinkt kommen in uns hoch.

Wir erfahren das Wunder ungefähr eine Sekunde.
Dann wird über dich geredet, berichtet, du bekommst neue Aspekte verliehen. Fotos werden gemacht, eine Seite der vollkommenen Herrlichkeit abgelichtet und hervorgehoben. Du wirst beansprucht, Besitz geltend gemacht.
Ein eingefangener Eindruck wird verklärt, der Blick in die Welt verschließt, verengt sich. Wir können es einfach nicht halten, das Wunder.

Irgendwann verblasst die idealisierte Erinnerung. War es wirklich genug, dieser kurze Moment? Zweifel keimen auf. Emotionen liefern sich einen Wettstreit mit dem Verstand. Das Wunder, es war schon allerhand. Passt heute nicht mehr in eine Schublade.
Aber wie sollte es auch? Es war ja nie dafür gemacht, irgendwo hinein zu passen.
Es war ein Tor, das sich geöffnet hat, direkt in die Unglaublichkeit. Wir durften schauen.

Zurückschauen ist allerdings nicht möglich.

Du bist eines dieser Wunder. Heute noch genauso wie im Moment deiner Geburt.

 

„Ich bin so gut“

27 Mrz

Ach ja, einige Leute sind wirklich zu beneiden. Sie wissen, was sie wollen und leben auch noch danach. Sind zum Beispiel beruflich genau da angekommen, wo sie hinwoll(t)en und strahlen rundum aus, „ich bin glücklich“. Ist das alles nur Show? Oder gibt es das wirklich? Und wenn ja, wie lange hält es vor? Es ist ja eine Sache, gut zu sein. Eine andere, das auch zu wissen (was ich total toll finde). Aber es ist wiederum noch eine ganz andere Sache, dieses Wissen um das eigene Können (oder vielmehr Angekommen-Sein) auch noch offen auszusprechen! Der Hammer. Du kannst als Zuhörer überhaupt kein Feedback geben, da dein Gegenüber ja schlicht nicht auf deine Zustimmung angewiesen ist. Und stimmst du nicht zu, interessiert es ihn oder sie ja auch nicht, weil er oder sie so im Reinen mit sich selbst ist.

Ja, wenn man gut ist, darf man das ruhig auch mal sagen. Das ist in unserer Kultur nun mal nicht so verankert, wir machen uns lieber klein, sind bescheiden, warten auf Bestätigung von außen. Egal, ob wir tatsächlich an uns glauben oder nicht. Es gehört sich einfach so. Und ich denke, das ist eigentlich schlecht. Viel besser wäre es wohl, ehrlich mit sich selbst zu sein und zu differenzieren. Das Außen und das Innen miteinander abzugleichen und in ein Gleichgewicht zu kommen, das der Realität annähernd entspricht. Zu wissen, wo man wirklich hin will: kurz-, mittel- und langfristig. Das ist ja für viele schon mal eine schier unlösbare Aufgabe oder zumindest eine, die eine lange Zeit in Anspruch nimmt. Oder die über einen langen Zeitraum einfach verdrängt wird.

Wie viel Feedback ist gut? Sollte man es komplett annehmen oder komplett ausblenden? Kann wirklich irgendjemand vollständig ignorieren, was andere Menschen zurückspiegeln oder so von sich geben, auch wenn sich alles in uns dagegen sträubt? Und ist der Weg nicht irgendwie gleichermaßen gekennzeichnet durch Erfolg, Misserfolg, den inneren Kompass und Glück (haben)?

Und was mich am meisten irritiert: Wenn man davon ausgeht, dass ein offenes Denken (i.S.v. flexibel bleiben und hinterfragen) frei macht, kann man dann wirklich daran festhalten, dass man irgendwo angekommen ist? Oder muss man dann immer wieder neu ins Gleichgewicht finden, damit es „echt“ bleibt?

Ein älterer Text, aber zeitlos für mich…