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Liebe statt Angst

9 Jul

Eines Tages stand es da. Wie von Geisterhand aufgebaut. Oder von irgendwelchen Schulkindern. Es hatte definitiv Projektstatus, so unperfekt war es. Mitten auf dem Platz stand es ganz frech herum, mit seinen dünnen Wänden aus Wellblech. Dahinter waren die schönen Glasfassaden zu sehen, die ordentlichen und immer aktuellen Schaufensterauslagen. Hochglanzposter im Reisebüro, teure Kleidungsstücke in der Boutique. Und dann das. Einfach diese komische kleine Hütte. Und keiner wusste, was das Ganze sollte.

Ein paar Tage später hatte das Häuschen ein Schild, handgeschrieben natürlich. „Das Tauschhaus“ stand darauf. Ich ging langsam dran vorbei, in beiden Händen hielt ich meine Einkäufe, und kurz überlegte ich, stehen zu bleiben. Doch das war es nicht wert. Vielleicht würde hier jemand einen Flohmarkt veranstalten. Was ging es mich an. Das würde schon bald wieder weg sein.

Am nächsten Morgen ging ich wie gewöhnlich meine Zeitung und Brötchen kaufen. Seitdem ich Rentner war, genoss ich dieses Ritual. Das war meine Freiheit. Für gewöhnlich lief ich dabei quer über den Platz, sah mir ringsherum die Geschäfte an, grüßte hier und da jemanden und ging dann einkaufen. Erst in den Kiosk und dann zum Bäcker.

Doch seit dieses komische Haus da stand, ging das nicht mehr. Ich musste nun in einem Bogen gehen. So machte es keinen Sinn mehr, erst zum Kiosk zu gehen, denn ich kam fast direkt am Bäcker vorbei. Also ging ich zuerst zum Bäcker. Als ich anschließend mit meiner Brötchentüte im Kiosk stand, hatte ich keine Hand frei, um in den Zeitschriften zu stöbern. Der ganze Tag war quasi im Arsch. Ich griff meine Zeitung und ging schlecht gelaunt wieder zur Tür hinaus. Als ich am „Tauschhaus“ vorbei ging, fiel mir ein zweites Schild ins Auge. Die Tauschregeln. Man sollte seine alten, aber noch heilen Sachen ins Häuschen legen und sich dafür das mitnehmen, „was man brauchte“. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich hiervon irgendetwas brauchen würde. Allerdings war es eine gute Gelegenheit, mal meinen Keller auszuräumen.

Es sollten außerdem keine Lebensmittel hineingestellt werden, sondern nur Bücher, Kleidung (gewaschen) und Haushaltsgeräte.

Das Haus war dunkel und sah ungemütlich aus. Ich fragte mich, wie lange es hier stehen bleiben sollte. Die ersten Frauen gingen schon ein und aus, die meisten brachten Dinge, anstatt etwas mitzunehmen. Ich ging nach Hause und beschloss, dieses unangenehme Gebilde zu vergessen.

Doch jeden Morgen musste ich wieder am Tauschhaus vorbei gehen. Obwohl ich zunächst zum Bäcker kam, ging ich aus praktischen Gründen weiter zum Kiosk und dann noch einmal zurück zum Bäcker. Dann ging ich wieder in großem Bogen am Schandfleck unseres kleinen Einkaufszentrums vorbei.

Als das Ding schon zwei Wochen dort stand und der Betrieb auf Hochtouren lief, brachte ich eine alte Bohrmaschine und eine Handvoll Bücher ins Tauschhaus. Es interessierte mich schon, wie das Ding von innen aussah. Wie ich es mir gedacht hatte: Dunkel und eng. Kleidungsstücke lagen auf Tapeziertischen oder hingen an Kleiderstangen. Außerdem lagen und standen überall Bücher herum. Auf dem Fußboden standen Kartons und Wannen, aus denen Haushaltsgeräte heraus ragten. Ich legte meine Bohrmaschine zu einem Mixer und die Bücher auf einen Stapel alter, vergilbter Hefte. Dann ging ich schnell wieder an die frische Luft.

Am nächsten Tag war das hässliche Wellblechhaus plötzlich bunt. Jemand hatte es angemalt! An den Seitenwänden ragten in riesiger Schrift im Graffiti-Stil die Worte „Tausch-Haus“ und „Liebe statt Angst“ hervor. Darunter waren zwei Figuren zu sehen, die offensichtlich einen männlichen und einen weiblichen Roboter darstellen sollten. Der Roboter-Junge hielt dem Roboter- Mädchen eine Blume entgegen. Sollte das jetzt etwa bedeuten, dass dieses Ding hier stehen bleiben sollte? Ich rief sofort die Stadtverwaltung an. Eine junge Frau antwortete am anderen Ende der Leitung. Ich schilderte ihr das Projekt und fragte nach seinem Status.

„Ach das Tauschhaus, ich weiß schon. Ist es nicht wunderbar?“ Ich antwortete nicht. Sie musste meiner Anfrage doch entnommen haben, dass ich es ganz und gar nicht wunderbar fand. „Also das hat der Bürgerverein gegründet, es finanziert sich komplett aus Spenden. Die Stadt hat dann allerdings die Standgebühr erlassen, so dass es nun quasi keine Kosten mehr produziert. Es kümmern sich Freiwillige darum, dass alles sauber und ordentlich bleibt.“

Ich konnte es nicht fassen. „Soll das etwa heißen, das Ding bleibt dort auf Dauer stehen? So sauber und ordentlich ist es nämlich gar nicht, wissen Sie? Das kann ja kein langfristiger Zustand sein.“

Sie ließ sich nicht von ihrer Euphorie abbringen. „Der Bezirk bekommt sogar einen Preis für das Projekt. Das Geld fließt wiederum direkt in die Jugendarbeit.“ Das war ja alles schön und gut, aber so was hätte man ja auch direkt mit Spenden unterstützen können. Dazu musste ja kein Dauerflohmarkt mitten in unserem Einkaufszentrum den schönen Platz verschandeln. Ich legte wütend den Hörer auf.

Am nächsten Tag ging ich zum Bäcker und merkte dann, dass ich vergessen hatte, zuerst meine Zeitung zu kaufen. Wütend knallte ich der Kassiererin das Geld auf den Tresen. Es interessierte mich nicht, dass die anderen Kunden mir komische Blicke zuwarfen. Ich hatte ein Recht auf meine Wut! Ich hatte ein Recht auf meine Freiheit! Warum mussten diese bescheuerten Leute ihre alten Klamotten in diesem frechen Klotz mitten auf meinen schönen Platz bringen? Konnten sie nicht wie alle anderen auch zum Altkleidercontainer laufen? Und über die Bücher hätte sich auch die Bücherhalle gefreut. So wurden sogar noch Arbeitsplätze gefährdet! Ich bekam mich gar nicht wieder ein. Ich überlegte, ob ich einen wütenden Brief an die Stadtverwaltung schreiben sollte. Nein, besser noch, ich würde direkt Unterschriften sammeln.

Ich sprach mit meinen Nachbarn, zog von Haus zu Haus und redete mit allen über die Situation. Doch auch wenn sie alle mehr oder weniger meiner Meinung waren, wollte keiner unterschreiben. „Es wird schon nicht ewig da stehen“, sagten sie. Oder „So schlimm ist es ja schließlich nicht. Es sieht doch ganz niedlich aus.“ Ich hätte kotzen können. Sie sahen einfach nicht ein, dass sich das Problem nicht von alleine lösen würde.

Drei Tage noch zog ich jeden Tag meine morgendliche Runde über den Platz und jeden Tag wurde ich wütender.

 

Dann verrauchte die Wut.

Am vierten Tag trat ich vor die Haustür und die Sonne schien. Ich atmete tief durch. Langsam ging ich zum Einkaufszentrum. Als ich die große Menschentraube sah, die sich auf dem Platz versammelt hatte, setzte mein Herz einen Schlag aus. Auf dem Platz sah ich den großen Aschehaufen – genau dort, wo gestern noch das Tausch-Haus gestanden hatte. Ein Polizist stand gelangweilt daneben und bewachte ein Absperrband. Empörung sah anders aus, dachte ich mir. Die Leute waren offensichtlich aufgeregt, aber es schien fast eine freudige Erregung zu sein. Endlich war hier mal etwas passiert! Ich ging weiter zum Kiosk, meine Schritte schon etwas leichter als zuvor.

Ein paar Tage später zeugte nichts mehr von dem einstigen Projekt, außer einem schwarzen Fleck auf dem Boden. Doch der Regen würde auch den irgendwann hinwegspülen. Und dann wäre alles wie immer.

Keine Blechhütte würde die schönen Fassaden verdecken, kein Müll mehr von den Leuten aus ihren Kellern hervorgeholt und ausgetauscht werden. Ich konnte endlich wieder ganz in Ruhe meine morgendliche Tour gehen. Erst zum Kiosk, dann zum Bäcker.

Entzug – Wer bin ich eigentlich ohne Kaffee?

5 Jul

Ich rauche nicht. Ich liebe Schokolade, aber ich halte es aus, darauf zu verzichten. Bei Schlaf wird es schon schwieriger. Aber nie im Leben hätte ich geahnt, wie süchtig ich tatsächlich nach Kaffee bin.

Am Wochenende hatte ich die Eingebung, mal für eine Weile auf Kaffee zu verzichten. Ein paar Wochen einfach mal Tee trinken. Dann realisierte ich, was ein Koffeinverzicht noch bedeutete. Keine Cola. Keine Kopfschmerztabletten mit Koffein. Kein Energydrink. Nicht dass ich das alles permanent brauche. Aber ich brauche es in sicherer Reichweite, vor allem, wenn die Kopfschmerzen einsetzen.

Am Abend meines schicksalhaften Entschlusses führte ich ein ebenso schicksalhaftes Gespräch. Ich traf jemanden, der – welch ein Zufall! – auch gerade seit 4 Wochen auf Kaffee verzichtet hatte. Die Bilanz: 4 Tage Kopfschmerzen, 10 Tage Müdigkeit, dann die Wunderheilung.

Ich war begeistert. Am nächsten Morgen trank ich Tee. Und es ging mir gut. Ich hoffte, dass ich das Ganze einfach ohne Entzugserscheinungen durchmachen konnte. Am Nachmittag war ich nicht nur unglaublich müde, sondern realisierte auch, dass ich meinen letzten Kaffee überhaupt nicht bewusst getrunken und genossen hatte! Das ging gar nicht. Leise dämmerte mir, wie bescheuert ich es immer gefunden hatte, wenn jemand noch einmal seine „letzte Zigarette“ genießen wollte. Und nun hing ich dort, völlig ausgelaugt, und kaufte einen völlig überteuerten und winzigen Kaffe im Speisewagen der Deutschen Bahn. Wenn das mal nicht für eine handfeste Sucht sprach.

Am nächsten Morgen trank ich wieder stolz meinen Tee. Und am Nachmittag hing ich wieder in den Seilen. Ich beschloss, den letzten Kaffee noch einmal ganz bewusst und in Ruhe zu trinken und schmiss das – zunächst – letzte Mal meine Nespressomaschine an. Sie ist viel zu schade, um nur vor sich hin zu stehen, dachte ich noch. Und denke es seither jedes Mal, wenn ich an ihr vorbei gehe.

Der erste Tag war schlimm. Ich hatte keine Kopfschmerzen, aber ich hätte im Bus oder in der Bahn einfach einschlafen können. Auch am Schreibtisch fielen mir einmal die Augen zu. Auf dem Nachhauseweg googlete ich alle möglichen Nebenwirkungen von Koffeinentzug. Aber so schlimm würde es bei mir schon nicht werden. Ich trank ja höchstens einen oder zwei Tassen Kaffee am Tag. Vielleicht dazu noch eine Cola.

Der zweite Tag war der Horror. Ist der Horror.

Wieder war ich abgeschlagen, müde, dazu launisch, und ach ja, ich bekam Kopfschmerzen. So schlimm, dass mir davon schlecht wurde. Das kenne ich noch aus meiner guten alten Migräne-Zeit. Glücklicherweise weiß ich, was ich tun muss. Unglücklicherweise will ich keine (Koffein)Tabletten nehmen.

Ich entschied mich also, es durchzustehen. Dann überlegte ich, ob es das alles überhaupt wert war. Was machte es schon, wenn ich einen Kaffee am Tag trank?

Aber allein diese Fragen geben mir ein Gefühl der Bestätigung. Ich bin stärker.

Und am Ende hat es mich dazu gebracht, mal wieder etwas zu schreiben. Wenn das kein Gewinn ist.

Vom Wert einer Socke

13 Jan

Da saß sie in der Bahn und strickte eine Socke. Mit verschiedenen Nadeln, die das fragile Gewebe von Maschen hielten – spontan fiel mir ein, wie schrecklich und schön doch das „Aufrippeln“ sein konnte. Sie strickte so mühelos und konzentriert, dass sie vollkommen gefangen und absolut frei im gleichen Moment zu sein schien. Ich hatte schon öfter Frauen (seltener Männer) stricken sehen. Auch in der Bahn war der Anblick nichts Ungewöhnliches. Aber diese Socke hatte schon richtig Struktur und Substanz, man erkannte, was es mal werden sollte. Die Wolle zauberte ein schönes Muster, das sich erst durch das Stricken selbst offenbarte. Die Maschen waren spielerisch angelegt. Mal war der Stoff weicher, mal aufgewellt. Beinahe geflochten.

Auch wenn sie es wahrscheinlich nur nebenbei tat, die Zeit überbrückte, die andere verlasen oder vor sich hinstarrend verbrachten – in dieser Socke steckte so viel Arbeit. Liebe.

Wo war die andere Socke? fragte ich mich. Lag sie schon fertig zuhause und wartete? Oder musste sie erst noch gestrickt werden? Oder war sie in der Handtasche versteckt, als stille Erinnerung?
Hatte die Frau, bevor sie mit dem Stricken anfing, eine Schuhgröße in Maschen umgerechnet, oder entstand die richtige Länge einfach? So „dabei“? Allein deshalb würde ich niemals anfangen, eine Socke zu stricken. Und selbst wenn die erste einigermaßen sockig aussehen würde, was wäre dann mit der zweiten?

Im Laden bekommen wir ein Paar Socken für wenige Euro. Der Bequemlichkeit halber sogar zehn Paar in einem Pack, wenn man es möchte. Sie sind so verfügbar, dass sie heutzutage nicht einmal mehr gestopft werden, außer es handelt sich um Lieblingssocken. Selbst das Stopfen könnte ich nicht. Erst wenn wir richtig viel Geld zahlen müssten, wüssten wir wieder um den Wert einer Socke.

Aber es liegt noch etwas anderes in dieser Handarbeit. Das Gefühl, geerdet zu sein, vielleicht. Zur Not (oder eben auch völlig ohne) Socken stricken zu können. Sich selbst zu versorgen, unabhängig zu sein. Wahrscheinlich spielt das alles für die strickende Frau gar keine so große Rolle. Sie wird immer noch die meisten ihrer Socken in Geschäften kaufen, wahrscheinich sogar das selbstgestrickte Stück verschenken. Anderen etwas zu geben, was man selbst gemacht hat, vergrößert den Wert ja noch. Und manchmal sind wir es uns selbst auch einfach nicht wert. Was schade ist, nebenbei bemerkt.
Die Frau wird vielleicht stricken, weil sie sich entspannen will, ihre Hände beschäftigen möchte und sich am Ende über das Ergebnis freut. Jeder Grund ist mir genug, denn sie hat auch mich berührt durch ihre Tat.

Die Verwandlung von einem Wollknäuel in eine Socke. Wahnsinn, oder?

Dankbar

10 Okt

Zeit nehmen, um Traumpfade zu beschreiten. Eine Mischung aus purem Luxus und Realitätshammer. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, aber der Hammer schwingt an jeder Ecke auf mich nieder. Hier steht ein neues Haus, da fehlt ein Baum. Gott sei Dank, die Enten sind noch da. Wenn es sich auch vermutlich um Nachfahren in der zehnten Generation handelt. Aber man nimmt, was man kriegen kann.
Nachts beschreite ich die alten Pfade. Sie verkleiden sich natürlich, aber ich erkenne sie wieder. Jetzt, wo ich die echten Wege meiner Kindheit beschreite. Eine der schönsten und kitschigsten Erinnerungen sind die Sonnenstrahlen, die durch Blätter und aufs Wasser scheinen. Eine Ente sitzt auf einem Baumstamm im Wasser und schläft, döst. Vielleicht watschelt sie gerade auf ihren eigenen Traumpfaden.
Die Magie entfaltet sich in diesem Moment, weil sie sich über die Zeit legt. Die Distanz erweckt sie zum Leben und verbindet die Elemente meines miteinander.

Elfter September

12 Sep

Mir hängt es selbst zum Hals heraus, wie sehr mich dieser Begriff – nicht der Tag – noch trifft. Doch mit dem Tag kommt auch das Wort, in dem so viel Erinnerung liegt, und auch heute noch so viel Schmerz (der zumindest global betrachtet erst im Nachgang produziert wurde). So kann ich nur jedes Jahr wieder staunen über dieses Ereignis, das vor 13 Jahren mein Leben erschütterte und die ganz persönliche Erinnerung, die ganz eigenen Ängste und Beobachtungen unserer Welt.

Und mir fällt auf, dass gestern bestimmt zehn Leute, die ich kenne, irgendwo hingeflogen sind. Die Informationen nur über das soziale Netzwerk aufgeschnappt, wundere ich mich tatsächlich am meisten, wieso es nach dreizehn Jahren immer noch komisch ist – zumal hierzulande – in ein Flugzeug zu steigen. Und ob es gestern wohl aufgrund dieser immer noch verbreiteten Unsicherheit günstiger war, zu fliegen.

Und die Welt ist schon voll von kleinen Menschen, die dieses Ereignis nicht einmal miterlebt haben. Sie ziehen wie selbstverständlich am Flughafen ihre Schuhe aus, nehmen den Gürtel aus der Hose, sehen ihren Eltern vor einer Reise dabei zu, wie sie völlig sinnbefreit diverse Flüssigkeiten in kleine, durchsichtige Verpackungen umfüllen.

Sie gehen aus dem Haus und werden misstrauisch beäugt, beschimpft, verletzt. Weil sie schwarze Haare haben oder einen dunklen Teint.

Ich kann nicht mal sagen, wie es vorher war. Freiheit und Vertrauen lassen sich nicht an Merkmalen festmachen, doch wir spüren, wenn sie fehlen.

In den ersten Jahren nach dem 11. September 2001 habe ich in Menschenmengen Panik bekommen. Bei Konzerten, in einer zu vollen S-Bahn. Ich bin ausgestiegen, wenn jemand die Notbremse gezogen hatte und wollte an bestimmten Tagen überhaupt nicht aus dem Haus. 11. September, 1. Oktober (in Deutschland wählt man ja die 110, nicht die 911) usw.

Vor einigen Jahren arbeitete ich am 11. September hier in Hamburg in einem Coffeeshop, es war ein ruhiger, schöner Tag. Ich bediente zwei nette Touristen, die englisch sprachen, wir unterhielten uns und ich war ganz aufgeregt, denn die Reise nach Kanada war bereits in Planung. Sie waren sehr lieb, also fragte ich, woher sie kämen.

„New York.“

Ich wagte nicht zu fragen, ob sie mit Absicht nach Hamburg gekommen waren an diesem Tag. Wäre ich aus New York gewesen…ich wäre wohl auch nicht gern zum (zehnten) Jahrestag zuhause gewesen. Aber dann ausgerechnet nach Hamburg zu fliegen, grenzt für mich auf eine abstruse Weise an Mut. Vielleicht war es für sie auch der ultimativ sichere Ort (weil einige der Terroristen vor den Anschlägen hier gelebt hatten). Vielleicht war es auch einfach nur Zufall.

Ja, es nervt, sich immer noch den elften September zu vergegenwärtigen. Aber wie schlimm wäre es, wenn wir es nicht tun würden. Wenn wir nicht sehen würden, was sich zum Schlechten verändert hat und wie wir miteinander umgehen sollten.

Wenn wir nicht aktiv Toleranz und Frieden leben, sondern die alteingesessene Angst regieren lassen würden.

 

Neuwerk – das gehört zu Hamburg

20 Aug

Wir machten uns auf in aller Frühe. Und ich meine wirklich früh. Der Wecker klingelte um 5:30 Uhr. Lasst uns ehrlich sein, packen am Abend vorher ist doch was für Langweiler. Gut durchorganisiert geht manchmal erst in den letzten fünf Minuten. Dennoch war nicht ich es, die ihre Schuhe vergessen hat.
Um sieben trafen wir uns alle – acht Mädels an der Zahl – um zusammen nach Cuxhaven zu fahren. Ein Auto fuhr direkt, das andere machte einen kleinen, ungeplanten Schlenker. Ratet, in welchem ich saß. Und fieberte.
„Die Flut wartet nicht“, tönte es auf der Homepage. Zur Not müssten wir halt hinterherlaufen. So ein bisschen Jogging am Morgen macht doch munter.
Wir sahen jedoch in geringer Entfernung unsere Gruppe und einige wild winkende Teilnehmer darin – das mussten sie sein. So ging es also ins Watt. Alte Turnschuhe und Socken wurden empfohlen, keine Gummistiefel. Barfuss sollte man auch nicht laufen. Das wurde natürlich zum Großteil ignoriert. Die Muschelbänke hielten sich zurück, niemand wurde (ernsthaft) verletzt.
Nach einigen Schritten wurde es nass, noch einige weiter war ich schon eins mit dem Schlamm. Anders geht es nicht.
Irgendwann, nach einer Stunde vielleicht, dachten wir, wir hätten die Hälfte geschafft. Ha. Es folgten noch zweieinhalb weitere. Starkregen und Sturm, dann wieder Sonne – wir hatten das volle Programm. Wer nach „Hamburg“ will, muss einige Prüfungen bestehen. Es fühlte sich an wie ein Marsch durch die Wüste. Zugegeben, eine Wüste aus Schlick. Durch die tiefen Furchen im Boden war es nicht einfach, zu laufen. Irgendwann zog ich meine Schuhe aus. Das Wasser war angenehm warm. Es ging immer weiter. Der Wattführer – ein Rheinländer, der nach eigenen Angaben auch das erste Mal hier längs lief – hielt des öfteren an, um tote oder sich tot stellende Krebse in die Luft zu halten.
Neuwerk kam optisch zwar immer näher, blieb aber im Prinzip stets genauso weit entfernt. Wir liefen jeden überflüssigen Gedanken weg.

Irgendwann waren wir da. Einfach so. Und die Sonne wartete auch schon auf uns.

Kindheitserinnerungen

6 Aug

Als ich klein war, ging ich auf eine Grundschule, die neben einem Bauernhof lag. Dort konnte man zwar keine Kühe und Hühner sehen, aber es wurden immer noch einige frische Sachen verkauft. Behütet wurde der alte Hof von einem Boxer. Er war so groß wie ich, wenn er nur saß. Ich hatte eine Heidenangst vor ihm. Sein aufmerksamer Blick tat sein Übriges. Immer, wenn wir Mädchen zu dem kleinen, zugewachsenen Hinterhof – dem sogenannten „Mädchenspielplatz“ – gehen wollten, mussten wir uns zwischen dem Schulgebäude und dem Zaun zum Bauernhof quetschen. Wenn sich kleine Kinder quetschen müssen, wird schon klar, wie eng es dort war. Vor diesem Zaun saß in der Regel auch Quincy und passte auf, dass wir auch alle schnell genug – und oft kreischend – durch den Durchgang schlüpften. Hinten angekommen, hatten wir zur Belohnung Ruhe vor den Jungs. Warum auch immer akzeptierten die Mädchen und Jungen den abgetrennten Spielhof als pre-fiministische Institution. Ohne jeden tieferen Sinn oder Hintergedanken spielten hier alle Mädels von der ersten bis zur vierten Klasse. Ich frage mich oft, wann die Trennung begonnen hat und ob sie auch später noch fortgeführt wurde – oder ob es sich beim Mädchenspielplatz nur um eine zeitlich begrenzte Idee handelte.

Das Lieblingsspiel war ein Zahlen-Hüpf-Spiel, welches nach jedem Schauer in neuer Farbenpracht und meist noch größer als zuvor mit Inbrunst und Kreide wieder aufgemalt wurde. Aber auch zum Quatschen wurde der Spielplatz benutzt. Das Beste an der ganzen Sache war aber wohl die Tatsache, dass sich kein Lehrer und auch keine Lehrerin hierhin verirrte. Sie wussten wohl, dass wir dort sicher waren und einfach unsere Ruhe haben wollten. So gaben wir uns der Illusion hin, dass der Ort wahrhaftig geheim war. Kein Junge wusste vom Mädchenspielplatz und auch keine Lehrkraft hatte jemals davon gehört. Nur unter den Schulmädchen sprach sich das Geheimnis schnell herum. Wer es dann noch an Quincy vorbei schaffte – der sich oft einen Spaß machte und laut bellte, um sein Territorium zu beschützen – war wirklich gesegnet.

So angsteinflößend ich damals den Boxer fand, so sehr mag ich heute diese Hunde. Interessanterweise hat auch Karl eine entfernte Ähnlichkeit zu Quincy. Wenn man mal genau hinschaut.