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Mein ganz persönliches Bermuda-Dreieck

15 Apr

Es gibt in Hamburg eine Gegend, in der sollte man sich äußerst vorsichtig bewegen, wenn man sich nicht auskennt. Und selbst, wenn man dort jeden Tag längs fährt, ist noch nicht gesagt, dass alles gut geht. Ich rede nicht vom Hauptbahnhof, auch nicht von St. Pauli und erst recht nicht vom Hafen. Da kann praktisch nichts schief gehen. Nein. Ich spreche vom Dreieck zwischen Altona, der Holstenstraße und Diebsteich. Gefährliches Territorium.

Steigt man in eine S-Bahn der Nummer 11,21,31,3 oder 2, kann es einfach so passieren. Man landet nicht da, wo man hinwollte. Das ist aber noch nicht das ganze Problem. Nun zurückzufahren, erfordert viel Erfahrung oder einen ausgesprochen guten Orientierungssinn. Denn sowohl in Altona als auch am Diebsteich lauert ständig die Gefahr, wieder in die falsche S-Bahn zu steigen. Und auch an der Holstenstraße sollte man wirklich auf die Zugzielanzeige achten.

Als ich einmal zur Holstenstraße wolle, bin ich zu weit gefahren. Ich fuhr aus Versehen zum Diebsteich, dachte mir „kein Problem“ – und stieg in den gegenüberliegenden Zug, um zurück zur Holstenstraße zu fahren. Allerdings landete ich in Altona. Das Problem damals war: Ich fand den Zug zurück nicht. Als ich endlich auf dem richtigen Gleis war, nahm ich die Bahn und erwartete, nun endlich die Holstenstraße zu erreichen. Stattdessen fand ich mich am Diebsteich wieder. Schon wieder! Ich war echt fertig und ging zu Fuß zur Holstenstraße.

Ich bin heute morgen also ganz pünktlich bei meiner Bahn gewesen, stieg ein, fuhr entspannt los – und dann passierte es. Ich war in Altona. Wie war ich plötzlich hierher gekommen? Da sah ich es. Meine S21 war unterwegs einfach zur S3 geworden. Anders konnte es gar nicht sein. Ich stieg also aus und nahm die Bahn zur Holstenstraße. Nicht mit mir, Leute! Heute kenne ich mich aus. Ich grinste zufrieden vor mich hin und sah – Bahrenfeld. So ein Mist.

 

hvv_chaos

 

 

 

 

 

Der Alltag und die kleinen Dinge

11 Nov

Für mich bedeutet Alltag vor allem, mechanisch zu sein, zu funktionieren, die gleichen Dinge zu wiederholen. Das klingt erstmal nicht so schön, aber richtig negativ ist das ja eigentlich auch nicht gemeint. Das Problem am Alltag ist, dass kaum etwas hängen bleibt. Was hab ich gestern noch mal gemacht/gegessen/mit wem telefoniert?

Faszinierend finde ich ja, dass wir ganze, lange Wege zurücklegen können, ohne aktiv darüber nachzudenken, sei es jetzt mit dem Auto, der Bahn oder auch zu Fuß. Wenn wir aber mal einen neuen Weg gehen oder eine andere Reihenfolge einzuhalten haben, wird es schon wieder interessant. Jetzt kann man nicht noch nebenbei lesen oder Candy Crush Saga spielen (nein, ich doch nicht) oder telefonieren. Dann verpasst man eventuell sein Ziel.

Ja, das Gehirn ist schon klasse. Funktioniert ganz von alleine, die meiste Zeit. Aber gerade, wenn es um Technik geht, bin ich kurzzeitig aufgeschmissen. Heute stand ich an der Bushaltestellte, ein paar andere Leute waren auch da. Doch irgendwas war anders. In meinem Kopf gingen gleich die Alarmglocken an, noch bevor ich realisiert hatte, was eigentlich los war. Und dann sah ich es: Die anderen wartenden Menschen schauten auf den Fahrplan! Mehrere gleichzeitig. Das war extrem ungewöhnlich. Dann sah ich zur elektronischen Anzeigetafel. Sie war aus. Bevor ich richtig in Panik ausbrechen konnte, beruhigte ich mich aber auch zum Glück wieder. Schließlich kann das ja immer mal passieren. Mein erster Gedanke war allerdings wirklich merkwürdig – ich befürchtete, der Bus würde nicht fahren. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es einigermaßen unlogisch, aber im ersten Moment habe ich nur realisiert, dass etwas nicht so läuft wie sonst. Ergo: Bus fällt aus.

Wie so kleine Dinge unser ganzes Leben erschüttern können – also den Alltag. Plötzlich muss man den Autopiloten ausschalten und wieder selbst denken. Wachsam sein, Dinge kombinieren. Und vor ein paar Jahren gab es diese Anzeigetafeln ja noch nicht mal. An vielen Haltestellen gibt es sie immer noch nicht. Es war einfach dort in der konkreten Situation anders als sonst.

Ich schaue nach Autos, wenn ich die Straße überquere, weiche Müttern mit ihrem Kinderwagen aus und bin auch sonst die meiste Zeit ziemlich wach und aufmerksam. Aber scheinbar speichert mein Gehirn für gewisse Situationen auch die Rahmenbedingungen mit ab. Wenn die ausfallen, bin ich erstmal irritiert. Einerseits bin ich ja fasziniert von dieser passiven Leistung – danke liebes Gehirn. Andererseits erschreckt mich schon, wie schnell gewisse Dinge selbstverständlich werden, in einer Welt, in der sich eigentlich alles ständig im Wandel befindet.

Das Verhalten der Schlange

6 Jul

Nichts sagt so viel über die Menschen aus wie ihr Verhalten beim Warten – zum Beispiel auf den Bus. Nirgendwo sonst haben wir so viel Zeit, andere Menschen in Ruhe zu beobachten und analysieren.

Um nervöses Gezappel, Herumgelaufe, vielleicht sogar Weinen und Schreien zu unterdrücken (denn vielen fällt es wirklich schwer, einmal komplett gar nichts zu tun), lenken sich die meisten Hamburger entweder mit einer Zigarette oder mit ihrem Handy ab. Eventuell hat der eine oder andere noch eine Zeitung oder gar ein Buch in der Hand, aber eigentlich sind Textnachrichten schon alles, was wir an der Bushaltestelle ertragen. Schließlich muss die Aufmerksamkeit voll bei den womöglich jede Sekunde einfahrenden Fahrzeugen bleiben. Langsam sammeln sich ein, zwei, drei, sieben andere Menschen an der Haltestelle, so dass das nervöse Gedrängel beginnt. Hier haben die Menschen in Vancouver eine klasse Reaktion entwickelt: Sie stellen sich sofort in eine Schlange. Der erste steht auch unverrückbar an erster Stelle, der zweite an zweiter usw. Und das auch, wenn der Bus erst in 15 Minuten eintrudeln wird.

Was sich so zwanghaft anhört, ist in Wirklichkeit entspannter als alles, was ich in Hamburg jemals erlebt habe. Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz und doch funktioniert das System einzig aus gegenseitigem Respekt und Aufmerksamkeit. Klar wird dort auch geraucht, mit dem Handy gespielt und Zeitung gelesen. Aber die Menschen vertrauen darauf, dass der Bus schon kommen wird und sie sind daher mit ihrer Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt und vor allem bei ihren Mitwartenden. Man unterhält sich entpannt miteinander. Und das beste: Sogar, wenn die ganze schöne lange Warteschlange mal nicht in den Bus passt, gibt es kein Gezeter und Gedrängel. Dann wird derjenige, der als erster nicht mehr reinpasst, ohne Protest zum ersten in der neuen Schlange. Beim Aussteigen aus dem Bus -hinten, wie bei uns- bedankt sich jeder (!) laut und deutlich (!) beim Fahrer. Zuerst musste ich darüber lächeln. Dann ging es gar nicht mehr ohne „thank you“. Hier sagt keiner (und schon gar nicht laut) „danke“ beim Fahrer. Könnte man doch mal ausprobieren.

Seit wir in Hamburg auch vorne einsteigen und die Fahrkarte vorzeigen müssen, hat sich die Situation entsprechend verbessert. Es bilden sich hier auch von Zeit zu Zeit Schlangen und die Leute sind alles in allem zivilisiert. Dennoch kommt es zu kleinen „Attacken“, wenn jemand versucht, sich in die Hintertür zu drängeln. Vom Aussteigen will ich gar nicht erst anfangen. Kinderwagen und Rollstühle werden zudem in Vancouver vorne rein und raus gelassen, was ich auch entspannter finde.

Sogar an Silvester, dem verrücktesten Zeitpunkt hierzulande, ging in Vancouver alles ganz zivlisiert ab, wie in jeder anderen Nacht auch. Ich habe extra ein Foto davon gemacht, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Dazu muss natürlich gesagt sein, dass dort kein exzessives Feuerwerk in jeder Ecke brennt, sondern nur sehr vereinzelt überhaupt etwas in die Richtung stattfindet. Tja, trotzdem, Respekt!

Zivilisierte Warteschlange - an Silvester

Zivilisierte Warteschlange – an Silvester