Tag Archives: Kindheit

Auf der Flucht

8 Nov

Stell dir vor, du bist acht, es ist Nacht, und du weißt, keiner lacht, der Himmel brennt, durchgemacht, auf und davon, aufgemacht, du hast gedacht, es geht zurück, doch Stück für Stück, neue Welt, keiner hält, nichts mehr wert, und kein Geld, bringt zurück, was du vermisst, neue Welt, neue Menschen, doch es fehlt, was du brauchst, dein Zuhaus, so sitzt du hier, in der Nacht, im lauten Zug, bleibst einfach wach, bis Mama ruft, ein bisschen Schlaf, das tut jetzt gut, langer Weg, doch nichts wird gut, einfach so war alles weg, weggebombt, weggebrannt, und was kommt, ist eine Hand, und ein Schrei, dann geht es los, der Weg ist groß, der Weg ist lang, und es kommen längst nicht alle an, dann stehst du da, das graue Meer, es ist noch da, tagelang, geht nicht mehr weg, wird nie mehr gut, und schließlich kommt ihr an, im Wunderland, doch die Menschen hier sind kalt, keiner fragt, keiner weiß, und doch hast du den Verdacht, auch hier ist Nacht, auch hier ist Angst, eine andere, die du nicht sehen kannst, du bist erst acht, doch als ob das etwas macht, die Häuser stehen leer, keiner gibt etwas her, das Boot sei voll, so sagen sie, doch was das wirklich heißt, fragen sie nie.

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Dankbar

10 Okt

Zeit nehmen, um Traumpfade zu beschreiten. Eine Mischung aus purem Luxus und Realitätshammer. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, aber der Hammer schwingt an jeder Ecke auf mich nieder. Hier steht ein neues Haus, da fehlt ein Baum. Gott sei Dank, die Enten sind noch da. Wenn es sich auch vermutlich um Nachfahren in der zehnten Generation handelt. Aber man nimmt, was man kriegen kann.
Nachts beschreite ich die alten Pfade. Sie verkleiden sich natürlich, aber ich erkenne sie wieder. Jetzt, wo ich die echten Wege meiner Kindheit beschreite. Eine der schönsten und kitschigsten Erinnerungen sind die Sonnenstrahlen, die durch Blätter und aufs Wasser scheinen. Eine Ente sitzt auf einem Baumstamm im Wasser und schläft, döst. Vielleicht watschelt sie gerade auf ihren eigenen Traumpfaden.
Die Magie entfaltet sich in diesem Moment, weil sie sich über die Zeit legt. Die Distanz erweckt sie zum Leben und verbindet die Elemente meines miteinander.

Kindheitserinnerungen

6 Aug

Als ich klein war, ging ich auf eine Grundschule, die neben einem Bauernhof lag. Dort konnte man zwar keine Kühe und Hühner sehen, aber es wurden immer noch einige frische Sachen verkauft. Behütet wurde der alte Hof von einem Boxer. Er war so groß wie ich, wenn er nur saß. Ich hatte eine Heidenangst vor ihm. Sein aufmerksamer Blick tat sein Übriges. Immer, wenn wir Mädchen zu dem kleinen, zugewachsenen Hinterhof – dem sogenannten „Mädchenspielplatz“ – gehen wollten, mussten wir uns zwischen dem Schulgebäude und dem Zaun zum Bauernhof quetschen. Wenn sich kleine Kinder quetschen müssen, wird schon klar, wie eng es dort war. Vor diesem Zaun saß in der Regel auch Quincy und passte auf, dass wir auch alle schnell genug – und oft kreischend – durch den Durchgang schlüpften. Hinten angekommen, hatten wir zur Belohnung Ruhe vor den Jungs. Warum auch immer akzeptierten die Mädchen und Jungen den abgetrennten Spielhof als pre-fiministische Institution. Ohne jeden tieferen Sinn oder Hintergedanken spielten hier alle Mädels von der ersten bis zur vierten Klasse. Ich frage mich oft, wann die Trennung begonnen hat und ob sie auch später noch fortgeführt wurde – oder ob es sich beim Mädchenspielplatz nur um eine zeitlich begrenzte Idee handelte.

Das Lieblingsspiel war ein Zahlen-Hüpf-Spiel, welches nach jedem Schauer in neuer Farbenpracht und meist noch größer als zuvor mit Inbrunst und Kreide wieder aufgemalt wurde. Aber auch zum Quatschen wurde der Spielplatz benutzt. Das Beste an der ganzen Sache war aber wohl die Tatsache, dass sich kein Lehrer und auch keine Lehrerin hierhin verirrte. Sie wussten wohl, dass wir dort sicher waren und einfach unsere Ruhe haben wollten. So gaben wir uns der Illusion hin, dass der Ort wahrhaftig geheim war. Kein Junge wusste vom Mädchenspielplatz und auch keine Lehrkraft hatte jemals davon gehört. Nur unter den Schulmädchen sprach sich das Geheimnis schnell herum. Wer es dann noch an Quincy vorbei schaffte – der sich oft einen Spaß machte und laut bellte, um sein Territorium zu beschützen – war wirklich gesegnet.

So angsteinflößend ich damals den Boxer fand, so sehr mag ich heute diese Hunde. Interessanterweise hat auch Karl eine entfernte Ähnlichkeit zu Quincy. Wenn man mal genau hinschaut.

Der Raum

3 Jul

Eigentlich war er gar nicht so auffällig. Dunkel, in einer Ecke gelegen, unbenutzt. Außer in frühen Kindheitstagen. Und vielleicht ein Leben zuvor. Es roch nicht nach Staub, aber es herrschte dennoch eine vergessene Atmosphäre. Vasen und Aschenbecher und allerlei andere Dinge aus Glas standen in den Vitrinen, aber nichts davon hatte etwas Zerbrechliches an sich. Massiv waren auch die Möbel, von der Decke ging eine dunkelbraune Schwere aus.

Die Fischernetze schienen das Gewicht der hineingehängten Erinnerungen jedoch zu tragen, hielten die Meerestiere aus Plastik fern von den gemütlichen Sesseln, die wie zufällig übrig gebliebene Zeugen vergangener, lauterer Tage ihre Stellung hielten. Im Stoff hatten sich Zigarettenqualm und Stimmengewirr verfangen, auch der dicke Teppichboden verschluckte die Geräusche schon seit einer ganzen Generation und würde sie nie wieder hergeben.

Aus dem Fenster sah man mit Glück die Füße der Vorbeilaufenden, aber die Gardinen verschleierten das Leben vor der Tür, so gut sie vermochten. Stille. Ich saß in diesem Sessel und empfand nur eine dumpfe, tiefe Stille.

Der schwere Tisch war rund oder oval oder auch eckig, auf jeden Fall hatte er eine Steinplatte oder eine Platte aus mehreren Fliesen. Hinter der Tür war es am dunkelsten. Ich erinnere mich, dass dort irgendetwas stand oder hing, aber selbst in voller Beleuchtung konnte das Licht den Raum nicht erhellen und so bleibt mir die Erinnerung verborgen. Sämtliche Oberflächen waren unwillig, etwas zurückzugeben.

Die dominanten Farben waren grün und orange, obwohl das eher die gefühlten Farben sind. Im Prinzip bestand der Raum wohl eher aus braunem Holz und einer undefinierbaren Mischung aus Schatten.

Man erzählte mir die Geschichten, zumindest die wichtigen, die stolzen und die verrückten. Doch der Raum erzählte noch mehr. Er sprach von Erinnerungen, die im Dunkeln gehalten, aber gepflegt wurden. Die ferngehalten waren vom alltäglichen Leben und doch zum Betreten jederzeit ganz nah. Er hatte keine Funktion und wohl auch nie eine gehabt, obwohl sein Name auf Spaß und Aktivität schließen lässt. Vielleicht wurde in den Sesseln, auf dem Sofa tatsächlich einmal gesessen. Vielleicht hatten außer mir noch andere Menschen hier übernachtet. Doch irgendwie schien er vor allem das Bedürfnis nach Dunkelheit, Geheimnissen, einfach dem anderen Element des Lebens zu befriedigen.