Tag Archives: Kommunikation

Das Recht auf Entschuldigung

20 Jun

Nein, niemand hat ein Recht darauf, eine Entschuldigung zu bekommen. Verdient hat man sie sich vielleicht, das ist eine andere Sache. Aber gibt es auch ein Recht darauf, sich entschuldigen zu dürfen?

Wo es doch vor allem darum geht, sich selbst von einer Schuld zu befreien. Etwas an und von sich selbst anzunehmen, was man wahrscheinlich mal (bis vor kurzem noch) vehement von sich gewiesen hat.

Entschuldigungen können natürlich angenommen werden. Und abgelehnt. Aber der pure Akt der Entschuldigung, des Eingeständnisses an sich, macht schon 99 % der Entschuldigung aus. Alles andere liegt nicht mehr in der eigenen Macht. Die Reaktion gehört nicht mehr zur Entschuldigung dazu.

Es gibt ein Recht auf Vergessenwerden. Ein Recht auf Bildung, zumindest für einige auf der Welt. Es gibt viele Rechte, die als solche durchsetzbar sind. Natürlich bleibt das Recht auf Entschuldigung absolut in der privaten Sphäre – wobei wohl auch im öffentlichen Bereich genug davon zu finden sind – und ist damit kein echtes.

Wenn aber nun die Entschuldigung an sich nicht der Antwort bedarf, so reicht es wohl auch, sie einfach nur zu geben. Zur Not dem Papier. Das Recht kommt erst dann ins Spiel, wenn es darum geht, ob der Adressat sie zumindest anhören muss.

Und damit führt sich mein Konstrukt selbst ad absurdum. Denn es geht vor allem darum, sich zu entschuldigen. Ein völlig reflexiver Ausdruck. Eine absolut eigenständige Handlung.

Und ebenso wird jeden Tag überall auf der Welt verziehen, auch ohne eine Entschuldigung.

Schon verrückt.

 

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Learning to swim

9 Mai

It’s time for another English article. Time for me to swim a little.

When we start to learn a different – foreign, weird – language, it’s like splashing water.

It tickles in our ears, it’s fresh and cold, chilly. And yet this language invites you. Once you learned how to swim, there is a great ocean of experience awaiting you. Many people with different and yet the same thoughts swimming and diving together with you. You can also just sit on a boat and watch the other ones, that might be fun, too. But the real journey begins when you jump right in.

First, you hear nothing at all and everything at the same time. Under water, words sound blurry and distant. But there they are, one or two combinations, a familiar expression. Now you even got a whole sentence! You reach the air again and breathe deeply. Inhaling security, exhaling excitement.

When you walk home, still replying the new words you have learned, it starts to rain. Just a light, warm summer rain. Then thunder rumbles. What if you will never be able to take part in a real conversation? Help! Lightning strikes. But then you remember the feeling when you mingled with the water. How it was just brilliant. Your whole life got so much bigger. There is this complete new world you gained access to. And the best part: You can switch worlds now. Compare expressions, see the connection between the languages and you might even create a new bridge between the two. Some people might say you are just not good enough, but sometimes you are even better, because you see the meaning of the so called ‚false‘ expressions. It’s like a new child, a mix between them. Okay, sometimes that can be really silly, too. But what the heck, as long as it is worth a good laugh. Be a hybrid. Whatever.

It’s really important that you go for a swim regularly and train your muscles. Otherwise you might forget stuff and be afraid the next time you see the water. And in the end it is also really important (most of all I guess), just to let go and trust the water. It will hold you, you will not drown. And if you sink a little, just listen to all the wonderful words you don’t understand yet. Just feel their meaning.

 

 

Mal ausprobiert: Einfach mal die Klappe halten

20 Jan

Ich höre super zu. Ja, ehrlich. Ich kann stundenlang zuhören. Nur leider vergesse ich oft, was mein Gegenüber mir erzählt hat. Und wenn ich ehrlich bin, geht mir das langsam auf die Nerven. Daher habe ich einen Plan entwickelt:

 

1. Nicht jeden Impuls verbalisieren.

2. Den Drang, zu antworten, erstmal unterdrücken.

3. Zuhören.

4. Die eigenen Entgegnungen nur im Kopf wirken lassen – und hinterfragen.

5. Wirklich offen sein.

6. Besserwissertum abschalten. Auch das stille.

 

Gar nicht so einfach. Aber einen Versuch wert.

Ich werde berichten.

 

Die Mitschnacker

8 Jan

Aus der neuen Rubrik: Eine Hamburgerin erklärt

Nein, es geht nicht um komische Leute, die einen in ihr Auto locken wollen. Sondern um komische Leute, die zu allem eine Meinung haben und es immer noch ein Stückchen besser wissen. Die, wenn du ihnen was erzählst, interessanterweise genau das gleiche auch schon erlebt haben – oder eine ähnliche Situation. Und die dann ihre Sichtweise unterbreiten. Anstatt einfach mal zuzuhören.

Daran erkennst du einen Mitschnacker*:

1. Ein Mitschnacker guckt dich nicht direkt an. Oder nur solange, bis er oder sie selbst erzählen darf.

2. Ein Mitschnacker fragt nicht nach, außer, um sich eine Vorlage zu bauen.

3. Ein Mitschnacker macht keine Pausen, sondern redet und redet und redet. Und redet.

4. Ein Mitschnacker hat entweder keine Ahnung oder erzählt von einem ganz anderen Thema.

5. Ein Mitschnacker hört nicht zu. (Man kann es gar nicht oft genug sagen.)

 

Leude, passt auf euch auf. Lasst euch nicht(s) mitschnacken.

* Schnacken=Erzählen, Rumlabern, Quasseln

 

Alle Jahre wieder

16 Dez

Ganz besonders schlimm ist es zu Weihnachten. Wo wir auch hinschauen, überall schwirren diese Erwartungen umher. An das Fest, an den Glühwein, an den Schnee – der sowieso nicht kommen wird, man weiß es ja schon vorher. Weiß man halt. Ist so. Aber eigentlich sollte er uns ja auch dieses Jahr wieder überraschen mit seiner Puderzuckerromantik.

Und am deutlichsten sind die Erwartungen gegenüber anderen Menschen. Besonders an die nächsten, liebsten, scheinbar berechenbarsten Menschen. Man erwartet, dass sie bestimmte Dinge tun oder auch unterlassen, dass sie sich bestimmte Dinge wünschen oder einem schenken werden. Schließlich, dass sie einen schon wieder enttäuschen werden.

Das werden sie mit Sicherheit, wenn wir immer wieder die gleichen Erwartungen an sie richten (und dabei die direkte Kommunikation unterlassen, weil die sich ja sowieso nicht lohnt. Weiß man ja schließlich schon vorher.)

Der Dezember hat so eine ganz eigene Jahres-end-spannung inne, die wunderbarerweise in eine Jahres-ent-spannung umschwenken könnte. Würden wir nur einfach mal nichts mehr voneinander erwarten.

Sondern einfach fragen, wenn wir etwas möchten. Wer kann denn schon Gedanken lesen?

Ich weiß leider nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber ich liebe diese Idee:

Wer nicht um Hilfe bitten mag, kann anderen selbst keine Hilfe gewähren, ohne dabei zu urteilen.

Ebenso klasse finde ich:

Ich freue mich jedes Mal wieder, enttäuscht zu werden. Dann weiß ich, dass ich mich vorher getäuscht habe.

In diesem Sinne: Redet miteinander. Tut doch nicht weh.

Die Party als Plus Eins oder „Der Kollegen-Leim“

30 Aug

Letztens wurde ich von meinem Freund auf eine Firmenfeier mitgenommen – die Sommerparty.

Als Plus Eins hat man Vor- und Nachteile. Erstmal kennst du niemanden, fühlst dich nicht so schnell integriert wie diejenigen, die zur Firma gehören und die sich sofort entspannt unter ihre Kollegen mischen können. Dagegen musst du nicht besonders drauf achten, ob du dich betrinkst, verquatschst oder sonst wie daneben benimmst. Am nächsten Tag musst du nicht zurück in die Firma und den „Walk of Shame“ hinlegen, solltest du dich absolut blamieren.

Einmal unter das Partyvolk gemischt, habe ich sogar noch ganz andere interessante Vorzüge entdeckt. Auf einer Firmenfeier gibt es – zumindest ab einer gewissen Größe – so etwas wie einen „Kollegen-Leim“. Diese unsichtbare Substanz hält kleine Grüppchen in sich zusammen. Wenige Individuen zirkulieren über das Gelände und hängen sich an neue Grüppchen. Die meisten kleben über Stunden mehr oder weniger zusammen. Ist es das Vertraute? Ist es die Angst vor dem Neuen? Oder Bequemlichkeit? Oder ist es sogar eine Art Pflichtgefühl? Irgendetwas jedenfalls hielt diverse kleine Menschenansammlungen verlässlich zusammen. Und ich durfte als Plus Eins, völlig befreit von jedem Pflichtgefühl, zwischen allen hin- und her laufen. Die Gruppierungen variierten selbstverständlich. Bei 600 Leuten ließ es sich nicht vermeiden, dass auch mal mit anderen Kollegen geschnackt wurde als mit dem engsten Kreis, den man sowieso jeden Tag acht bis zehn Stunden sieht. Diejenigen, die schon länger in der Firma sind, haben natürlich auch schon mehr Kontakte geknüpft; die neuen Kollegen hängen sich an die ihnen bekannten Gesichter.

Man kennt es ja auch aus dem privaten Kreis. Bei einer Party stehen, sitzen oder liegen (?) immer genau diejenigen zusammen rum, die sich sowieso schon kennen. Du musst Leute in deinem 16-qm-Wohnzimmer praktisch einander vorstellen (mit dem Nennen der Namen, Händeschütteln, Vistitenkarten austauschen und am besten noch einer witzigen Anekdote), obwohl sich theoretisch jeder sehen oder hören kann und wir ja auch alle erwachsen sind. Noch viel schlimmer ist es auf jeden Fall auf einer riesigen Firmenfeier wie der besagten. Das Ambiente mutet beinahe öffentlich an, aber man läuft wahrscheinlich schnell Gefahr, sich vor einer potenziellen Kollegin zu blamieren, will man locker ins Gespräch kommen. Da hilft nur eines: Trinken und Tanzen. Zumindest sahen das die Leute dort so. Diese Feiern sind doch dazu da, aus seinem (sitzenden) Büroalltag herauszukommen, oder nicht? Entspannt ins Gespräch zu kommen. Hilft jetzt die Plus Eins-Maßnahme oder verschlimmert sie alles nur noch? Wenn du nicht weißt, ob du gerade deinen neuen potenziellen Chef anquatschst oder den Mann einer Kollegin? Und ist Alkohol wirklich die Lösung?

Es war auf jeden Fall ein interessanter Abend.

Schildbürger-Mentalität

9 Jun

Hier ist mal wieder ein Phänomen, das eindeutig in die Kategorie „so deutsch“ fällt.

Neulich beim Arzt in Eimsbüttel. Ich habe einen Termin, bin selbstverständlich pünktlich, denke schonmal drüber nach, was gleich so besprochen wird und wandere langsam das Treppenhaus empor. Praxen liegen ja oft in ganz normalen Mietshäusern, also sieht die Tür aus wie jede andere. Nur das große Schild mit dem Namen prangt dort. Die Tür ist zu. Was mache ich natürlich? Klingeln. Fataler Fehler. Ich hätte mich zur Wand drehen und das kleine Schild lesen müssen, das dort hängt. „Die Tür ist offen. Bitte einfach eintreten.“ Ok, als keiner öffnet, sehe ich mich um und entdecke die kleine Tafel mit dem Hinweis. Und drücke gegen die Tür, die sofort aufspringt. An der Rezeption schauen mich zwei (junge) Arzthelferinnen an und töten mich mit ihrem Blick. Ich versuche, die Situation zu entschärfen und sage mit meinem umwerfendsten Lächeln: „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“ Die Blicke durchbohren mich weiter. Keine Miene wird verzogen. Ok, dann eben nicht. Ich werde angemeldet, gehe ins Wartezimmer und noch ehe ich außer Hörweite bin, sagt die eine zur anderen betont langsam und offenbar kurz vor einem Nervenzusammenbruch: „Leute, könnt ihr WIRKLICH nicht lesen?“

Hier ist ja gute Stimmung.

Ich kenne paradoxerweise dieses Gefühl auf der anderen Seite. Du stellst extra ein Schild auf, zum Beispiel weil dein EC-Gerät an der Kasse kaputt ist, damit du nicht jedem Hanspampel separat erklären musst, dass es nicht funktioniert. Und trotzdem spricht dich jeder Kunde darauf an. Schilder funktionieren nicht als Kommunikationsbeschleuniger. Die Menschen wollen Interaktion, sie brauchen deine schnelle Reaktionsfähigkeit und fordern immer wieder neu, dass du dich persönlich auf sie einlässt. Ganz schön nervig. Aber so ist das eben, wenn man mit Menschen arbeitet.

Sind wir eine Nation der Schildbürger? Die waren ja bekanntlich nicht besonders intelligent, haben aber nichts mit Schildern im eigentlichen Sinne zu tun, sondern kamen aus der Stadt Schilda und nahmen alles einfach zu wörtlich oder stellten sich im Alltag sehr ungeschickt an. Ursprünglich waren sie einmal sehr intelligente Bürger im Mittelalter, doch da sie irgendwann zeitlich damit überfordert waren, kluge Ratschläge zu verteilen, mussten sie sich etwas einfallen lassen. So stellten sie sich absichtlich dumm. Und wurden dadurch – verständlicherweise – auch nicht gerade intelligenter. Eine gewisse Parallelität kann jedoch nicht abgestritten werden, wenn man sich unsere „Schildermentalität“ anschaut. Am Anfang steht eine gute Idee, der Schuss geht aber irgendwie nach hinten los.

Eine simple Lösung im Fall oben wäre es wohl gewesen, die besagte Hinweistafel beim Arzt einfach auf Augenhöhe zu hängen, meinetwegen an der Wand, besser noch an der Tür. Statt sich über jeden Patienten aufzuregen, der die Klingel betätigt, könnten die Mitarbeiterinnen drüber nachdenken, wieso so viele Leute sich scheinbar dämlich verhalten und wie Abhilfe geschaffen werden kann. Denn vielleicht sind fünfzig Leute wöchentlich gar nicht zu dumm zum Nicht-Klingeln, sondern das „System Schild“ funktioniert einfach nicht (richtig).

Ich sehe aber durchaus die Gefahr, selbst zu verdummen, zumindest aber ziemlich verbittert zu werden, wenn man da ewig böse hinter dem Tresen sitzt.

Schild_Kanada

Kanadisches Schild: anschaulich und praktisch