Tag Archives: Leute

Perspektivwechsel II

25 Feb

Gegenüber, im Einfamilienhaus, wohnt eine alte Dame. Wir kennen uns nicht. Aber sie sitzt stundenlang am Fenster und schaut raus. Ist ja ihre Entscheidung, nur fühle ich mich manchmal beobachtet. Jedenfalls für eine halbe Minute, wenn ich zum Beispiel das Fenster öffne oder schließe und dabei auch manchmal im Pyjama herumturne. Einmal habe ich ihr gewunken. Danach hat sie lange nicht mehr am Fenster gesessen. Ich habe mich ein wenig geschämt, denn ihr war das bestimmt unangenehm und sie hat ja sonst wohl nicht so viel Unterhaltung.

Inzwischen sitzt sie wieder an ihrem angestammten Platz und schaut sich das Vorstadt-Straßen-Programm an. Ich achte darauf, was ich anhabe, bevor ich vors Fenster trete. Die Welt ist wieder in Ordnung, so scheint es. Doch heute bin ich rausgegangen und an ihrem Haus vorbei (sie saß am Fenster, ich habe nicht gewunken). Ich drehte meinen Kopf nach links, also in die Richtung, in die sie immer schaut. Und es war wunderschön. Der Himmel strahlte blau, die Wölkchen zogen verträumt vorbei, die Vögel zwitscherten und es startete gerade ein Flugzeug. Die fliegen hier im Minutentakt in den Himmel, hinauf in die Freiheit und dann ab in die Ferne. Diesen Ausblick könnte ich auch stundenlang genießen.

Verdammt.

Wendepunkte

13 Feb

Manchmal treffen Dinge ein, die du so nie erwartet hattest. Weil du sie so nie erwartet hast.

Dann läuft dir jemand über den Weg und aus einem Nebensatz wird etwas ganz Großes.

Und dann merkst du, dass du deine Entscheidung schon getroffen hast, bevor sie überhaupt ansteht.

Ein grandioser Tag, wenn das alles zusammen passiert.

 

In der Bahn

28 Dez

„Entschuldigung, ich sehe gerade dieses Buch da liegen. Hab schon viel drüber gehört und überlege, es mir auch zu kaufen. Ist es gut?“

– „Oh, das hier? Ja, ich habe gerade erst angefangen, aber bisher ist es sehr gut.“

„Klasse. Haben Sie es zu Weihnachten bekommen?“

– „Äh…ja, genau.“

„Das ist von meinem Lieblingsschriftsteller. Na ja, eigentlich ist er nicht mein Lieblingsschriftsteller, ich habe einen anderen und von diesem hier erst ein Buch gelesen, nein, zwei, genau. Aber das eine davon hat mich schlicht umgehauen. Da wusste ich, so ein Buch will ich auch mal schreiben. Also nicht genau so ein Buch, aber genau so eins mit der Wirkung. Ich will Ihnen nichts vorwegnehmen, wenn Sie es noch nicht kennen, aber das hat etwas mit mir gemacht, sag ich Ihnen.“

– „Aha. Das ist ja interessant….“

„Ja, genau. Ich habe richtige Aggressionen dem Buch gegenüber bekommen. Dass das überhaupt möglich ist, war mir nicht klar. Ich war nicht wütend auf den Autor, wissen Sie? Der ist ja offensichtlich genial, dass er so ein Buch zustande gebracht hat. Meinen Sie, dieses hat auch das Zeug dazu? Ach so, sie haben ja gerade erst angefangen.“

– „Na ja, bisher ist es sehr gut. Vielleicht hat es auch das Potenzial, in Ihnen wieder solche Emotionen zu wecken. Man weiß ja nie.“

„Ja, da haben Sie Recht. Das kann man erst hinterher beurteilen. Vielen Dank für Ihre Meinung.“

– „Gerne.“

„Was sind Sie denn so für ein Mensch? Eher nachdenklich? Tiefgründig? Introvertiert? So wie ich?“

– „Wie bitte?“

„Wie sind Sie denn so? Sehen Sie auch die Dinge zwischen den Wörtern? Die dahinter und darunter?“

– „Äh, ja. Klar.“

„Hm. Na gut. Ich muss ja wissen, woran ich bei Ihnen bin. Wenn Sie mir schon ein Buch empfehlen. Guten Tag.“

– „Auf Wiedersehen.“

Die Alster

5 Sep

Sie ist eindeutig der Mittelpunkt. Hier versammeln sich Touristen, Schwäne, Bettler, Büroangestellte, Busse, Kreative, Polizisten, Jogger, Rentner, Geschäftsleute und die Fontäne. Hier trifft die Stadt zusammen und verschmilzt zu einem großen See aus Ideen, Gesprächen, Plänen, Pausen, Spaziergängen, Küssen, Federn und Coffee to go. Wenn die Sonne scheint, ist sie der schönste Ort der Stadt, ebenso bei Eis und Schnee. Und auch mit Feuerwerk. Die Alster.

Flugzeuge fliegen drüber hinweg, S-Bahnen bringen sie den Menschen näher, Schiffe überqueren sie und Läufer umrunden ihre Ufer. Die reichsten Menschen Hamburgs feiern, wohnen, leben hier. Ebenso die ärmsten. Hotels, Botschaften, Restaurants, Geschäfte, Gotteshäuser. Die Alster verbindet alle.

Und trennt uns. Die „richtige“ Seite der Alster bestimmt das Leben. Sie lässt uns lange Wege zurücklegen, wo wir, ginge es mittendurch, ziemlich schnell von A nach B kommen würden. Viele bleiben daher lieber auf ihrer Seite. Jeder hat seine Lieblingsrichtung beim Umrunden der Außenalster, zumindest vermute ich das. Insgesamt kann man gute zwei Stunden hier spazieren gehen, bevor man wieder am gleichen Punkt ankommt. Die Binnenalster hat man schneller geschafft.

Was wären wir ohne die Alster? Nur eine langweilige Hafenstadt. Das Alsterhaus wäre einfach nur noch ein „Haus“, Apple müsste sich in der Mönckebergstraße ansiedeln, viele Leute hätten keinen angenehmen Blick aus ihrem Bürofenster mehr, die ganzen Segelboote müssten Richtung Ostsee oder Nordsee transportiert werden, Jogger würden den Stadtpark übervölkern, die Schwäne und Gänse plötzlich auf dem Trockenen sitzen. Und es gäbe ein riesiges Loch in der Mitte der Stadt, in dem eine Menge Müll herum liegt.

Gut, dass sie da ist.

Foto(1)

Binnenalster im Frühling

Großes Papierboot

Großes Papierboot steuert direkt auf die Fontäne zu

Die Party als Plus Eins oder „Der Kollegen-Leim“

30 Aug

Letztens wurde ich von meinem Freund auf eine Firmenfeier mitgenommen – die Sommerparty.

Als Plus Eins hat man Vor- und Nachteile. Erstmal kennst du niemanden, fühlst dich nicht so schnell integriert wie diejenigen, die zur Firma gehören und die sich sofort entspannt unter ihre Kollegen mischen können. Dagegen musst du nicht besonders drauf achten, ob du dich betrinkst, verquatschst oder sonst wie daneben benimmst. Am nächsten Tag musst du nicht zurück in die Firma und den „Walk of Shame“ hinlegen, solltest du dich absolut blamieren.

Einmal unter das Partyvolk gemischt, habe ich sogar noch ganz andere interessante Vorzüge entdeckt. Auf einer Firmenfeier gibt es – zumindest ab einer gewissen Größe – so etwas wie einen „Kollegen-Leim“. Diese unsichtbare Substanz hält kleine Grüppchen in sich zusammen. Wenige Individuen zirkulieren über das Gelände und hängen sich an neue Grüppchen. Die meisten kleben über Stunden mehr oder weniger zusammen. Ist es das Vertraute? Ist es die Angst vor dem Neuen? Oder Bequemlichkeit? Oder ist es sogar eine Art Pflichtgefühl? Irgendetwas jedenfalls hielt diverse kleine Menschenansammlungen verlässlich zusammen. Und ich durfte als Plus Eins, völlig befreit von jedem Pflichtgefühl, zwischen allen hin- und her laufen. Die Gruppierungen variierten selbstverständlich. Bei 600 Leuten ließ es sich nicht vermeiden, dass auch mal mit anderen Kollegen geschnackt wurde als mit dem engsten Kreis, den man sowieso jeden Tag acht bis zehn Stunden sieht. Diejenigen, die schon länger in der Firma sind, haben natürlich auch schon mehr Kontakte geknüpft; die neuen Kollegen hängen sich an die ihnen bekannten Gesichter.

Man kennt es ja auch aus dem privaten Kreis. Bei einer Party stehen, sitzen oder liegen (?) immer genau diejenigen zusammen rum, die sich sowieso schon kennen. Du musst Leute in deinem 16-qm-Wohnzimmer praktisch einander vorstellen (mit dem Nennen der Namen, Händeschütteln, Vistitenkarten austauschen und am besten noch einer witzigen Anekdote), obwohl sich theoretisch jeder sehen oder hören kann und wir ja auch alle erwachsen sind. Noch viel schlimmer ist es auf jeden Fall auf einer riesigen Firmenfeier wie der besagten. Das Ambiente mutet beinahe öffentlich an, aber man läuft wahrscheinlich schnell Gefahr, sich vor einer potenziellen Kollegin zu blamieren, will man locker ins Gespräch kommen. Da hilft nur eines: Trinken und Tanzen. Zumindest sahen das die Leute dort so. Diese Feiern sind doch dazu da, aus seinem (sitzenden) Büroalltag herauszukommen, oder nicht? Entspannt ins Gespräch zu kommen. Hilft jetzt die Plus Eins-Maßnahme oder verschlimmert sie alles nur noch? Wenn du nicht weißt, ob du gerade deinen neuen potenziellen Chef anquatschst oder den Mann einer Kollegin? Und ist Alkohol wirklich die Lösung?

Es war auf jeden Fall ein interessanter Abend.

Von der Bewegung

9 Apr

Eine Lieblingsbeschäftigung der Hamburger ist bekanntlich das Laufen. Einige joggen, ein paar Leute walken, manche gehen (spazieren) und einige wenige rennen. Die kommen aber meistens von woanders. Ehrlich, „rennen“ sagt man hier nicht. Man läuft. Laufen kann auch im Schneckentempo um die Alster funktionieren. Man läuft alleine, zu zweit, in der Gruppe oder mit Buggy. Man läuft im Stadtpark, an der Elbe oder eben um die Alster (die ganze! Auch wenn das 1:15 h dauert).

Manchmal trifft man ganz ernsthafte Läufer und da werden schonmal Fußgänger beiseite geschubst, Fahrradfahrer ignoriert und kleine Kinder wenn sie Glück haben, gerade noch umrundet. Hunde laufen gerne einfach mit. Solange die Leine reicht, jedenfalls. Etwa achzig Prozent der Läufer joggen nur bei Sonnenschein, was in Hamburg nicht dazu führt, dass man ein regelmäßiges Training absolviert.

Neulich bin ich mal einfach gegangen und hab mir vorgestellt, die ganze Erdkugel würde sich unter meinen Füßen drehen. Man darf nicht auf die anderen Leute achten, sonst macht es keinen Sinn mehr. Aber was für eine Macht! Spürt mal, wie ihr die gesamte Welt dreht, indem ihr einfach nur von A nach B geht.

Nebenwirkungen können auch und gerade beim Laufen nicht ausgeschlossen werden. Viele klagen über Knieschmerzen, einige vertragen den Wind nicht (Mütze auf!) und auch sonst gibt es viele kleine und große Wehwehchen, wie bei jedem Sport. Wenn Seitenstiche und Ganzkörperkrämpfe auftreten, sollte man sich echt Gedanken machen. Ich spreche aus Erfahrung. Und man lernt ja draus: lieber regelmäßig kurze Strecken bewältigen. Aber irgendwann hat man einfach keine Geduld mehr und der Körper muss doch verdammtnochmal nach der dritten Runde innerhalb von zwei Wochen in der Lage sein, um die Außenalster zu laufen! Ich glaub ich hab da noch was zu bewältigen diesen Sommer…aber nur wenn die Sonne scheint!