Tag Archives: Menschen

Luxus…

10 Sep

…wenn du bei Ikea einen kleinen Mülleimer in der passenden Farbe zu deinem Badezimmer kaufst. Obwohl du einen perfekt funktionierenden zu Hause hast.

…Sonntags morgens die Zeitung lesen.

…eine Stunde am Telefon, während du eigentlich ganz dringend das Badezimmer putzen müsstest.

…wenn du in der Mittagspause Enten fütterst, statt dich um dein eigenes Essen zu kümmern.

…barfuss durchs Gras laufen. Und über Sand. Und überhaupt.

…morgens drei Euro für einen Café Latte ausgeben, statt zu Hause einen Filterkaffee trinken.

…eine Katze.

…wenn du eine Krawatte mit einem schönen Inlay trägst. Und nur du weißt es.

…ein Buch lesen. Nicht nebenbei in der Bahn, sondern ganz und gar. Mit einem Tee und einer Wolldecke oder in einer Hängematte.

…wenn du einen Eintopf kochst, von Anfang bis Ende.

…eine Fahrt mit der Fähre von Övelgönne zu den Landungsbrücken.

…Erdbeeren pflücken.

…sich Zeit für ein Kind nehmen. Spielen, zuhören, zeigen.

Das Verhalten der Schlange

6 Jul

Nichts sagt so viel über die Menschen aus wie ihr Verhalten beim Warten – zum Beispiel auf den Bus. Nirgendwo sonst haben wir so viel Zeit, andere Menschen in Ruhe zu beobachten und analysieren.

Um nervöses Gezappel, Herumgelaufe, vielleicht sogar Weinen und Schreien zu unterdrücken (denn vielen fällt es wirklich schwer, einmal komplett gar nichts zu tun), lenken sich die meisten Hamburger entweder mit einer Zigarette oder mit ihrem Handy ab. Eventuell hat der eine oder andere noch eine Zeitung oder gar ein Buch in der Hand, aber eigentlich sind Textnachrichten schon alles, was wir an der Bushaltestelle ertragen. Schließlich muss die Aufmerksamkeit voll bei den womöglich jede Sekunde einfahrenden Fahrzeugen bleiben. Langsam sammeln sich ein, zwei, drei, sieben andere Menschen an der Haltestelle, so dass das nervöse Gedrängel beginnt. Hier haben die Menschen in Vancouver eine klasse Reaktion entwickelt: Sie stellen sich sofort in eine Schlange. Der erste steht auch unverrückbar an erster Stelle, der zweite an zweiter usw. Und das auch, wenn der Bus erst in 15 Minuten eintrudeln wird.

Was sich so zwanghaft anhört, ist in Wirklichkeit entspannter als alles, was ich in Hamburg jemals erlebt habe. Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz und doch funktioniert das System einzig aus gegenseitigem Respekt und Aufmerksamkeit. Klar wird dort auch geraucht, mit dem Handy gespielt und Zeitung gelesen. Aber die Menschen vertrauen darauf, dass der Bus schon kommen wird und sie sind daher mit ihrer Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt und vor allem bei ihren Mitwartenden. Man unterhält sich entpannt miteinander. Und das beste: Sogar, wenn die ganze schöne lange Warteschlange mal nicht in den Bus passt, gibt es kein Gezeter und Gedrängel. Dann wird derjenige, der als erster nicht mehr reinpasst, ohne Protest zum ersten in der neuen Schlange. Beim Aussteigen aus dem Bus -hinten, wie bei uns- bedankt sich jeder (!) laut und deutlich (!) beim Fahrer. Zuerst musste ich darüber lächeln. Dann ging es gar nicht mehr ohne „thank you“. Hier sagt keiner (und schon gar nicht laut) „danke“ beim Fahrer. Könnte man doch mal ausprobieren.

Seit wir in Hamburg auch vorne einsteigen und die Fahrkarte vorzeigen müssen, hat sich die Situation entsprechend verbessert. Es bilden sich hier auch von Zeit zu Zeit Schlangen und die Leute sind alles in allem zivilisiert. Dennoch kommt es zu kleinen „Attacken“, wenn jemand versucht, sich in die Hintertür zu drängeln. Vom Aussteigen will ich gar nicht erst anfangen. Kinderwagen und Rollstühle werden zudem in Vancouver vorne rein und raus gelassen, was ich auch entspannter finde.

Sogar an Silvester, dem verrücktesten Zeitpunkt hierzulande, ging in Vancouver alles ganz zivlisiert ab, wie in jeder anderen Nacht auch. Ich habe extra ein Foto davon gemacht, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Dazu muss natürlich gesagt sein, dass dort kein exzessives Feuerwerk in jeder Ecke brennt, sondern nur sehr vereinzelt überhaupt etwas in die Richtung stattfindet. Tja, trotzdem, Respekt!

Zivilisierte Warteschlange - an Silvester

Zivilisierte Warteschlange – an Silvester

Die Sucht, die ihresgleichen sucht

18 Apr

Ein kleiner Exkurs heute in meine verworrene Gedankenwelt. In letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit dem Thema Sucht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass man als Mensch gar nicht drum herum kommt, irgendeiner Sucht zu frönen oder nachzugeben. Hat man eine überwunden, kommt schon die nächste. Es ist ja auch Definitionssache, ob man etwas nur regelmäßig macht oder schon süchtig ist. Entzug ist aber immer ein guter Test. Da der Mensch ja bekanntlich ein Gewohnheitstier ist, denke ich, wird vielleicht auch das Sucht-Verhalten selbst irgendwann zur Gewohnheit. Die Frage ist nur, ob man auf einem Level bleiben kann oder auch bei den Süchten selbst die Intensität erhöht wird…

Es gibt viele Varianten, die erstmal nicht auffallen oder sogar positiv erscheinen: Sport-Sucht, gesunde Ernährungs-Sucht, ungesunde Ernährung-Sucht, Internet-Sucht, Gedanken-Sucht, Cola-Sucht, Musik-Sucht. Dann natürlich die Süchte, die schon etwas härter sind und definitiv destruktiv: Alkohol-Sucht, Drogen-Sucht, Spiel-Sucht, Mager-Sucht…

Irgendwie finde ich die Sucht, zu leiden, jedoch am härtesten. Sie lässt sich kombinieren mit jeder anderen Sucht und sucht sich stets ihre Partner, ist aber auf jeden Fall der Nährboden für Unglück. Warum sind Menschen so oft lieber deprimiert als glücklich? Ich rede nicht von der Depression als Krankheit, sondern von der Gewohnheit, zu leiden. Nicht zuletzt, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ist es nicht leichter, leicht durchs Leben zu gehen? Sollte man meinen. Aber fällt die Sucht weg, entsteht erstmal ein Vakuum. Vielleicht wird man ohne sein Leid nicht mehr beachtet oder gar geliebt? Man muss Verantwortung für sein Handeln übernehmen, wenn man nicht mehr leidet. Es gibt kein Druckmittel mehr, um bestimmte Menschen in seiner Nähe zu behalten und ernst genommen wird man anscheinend auch nicht mehr. Gnadenlos ehrliche Menschen sind sozial unglücklicher, einsamer. Doch eine Befreiung von der angenommenen Abhängigkeit ist umso erhebender, wenn man feststellt, dass man doch noch und diesmal richtig ernst genommen wird.

Emotionale Erpressung und das Leid: Ein Fundament, auf dem Beziehungen gebaut werden. Es ist schmerzhaft, sich zu lösen. Und doch so befreiend. Kein Auf-die-Probe-stellen mehr, sondern Vertrauen. Vertrauen erfordert unendlich viel Mut. Vielleicht ist das Problem tatsächlich, dass Leid und negative Gefühle intensiver wahrgenommen werden als Glück, Frieden und Vertrauen. Und evolutionsbiologisch macht es ja sowieso viel mehr Sinn, auf der Hut zu sein. Tja, der Hamburg-Bezug fehlt heut irgendwie. Naja, um ehrlich zu sein habe ich heute in der S-Bahn in Hamburg eine Person getroffen, die für mich all dies verkörpert und die ich lange nicht gesehen oder gesprochen habe. Und mich von ihr verabschiedet.