Tag Archives: Muddis

Hamburg – ganz persönlich

30 Jul
Sunset

Beautiful Hamburg

Du siehst vielleicht den Michel, den Dom, die Reeperbahn, den Stadtpark, den HSV oder St. Pauli, die Freezers, das Musical „König der Löwen“ oder „Rocky“, tausend Schiffe und noch mehr Container, Flugzeuge über der Alster, die untergehende Sonne und badende Menschen in der Elbe…

Vielleicht siehst du auch dein Lieblingscafé in der Schanze, den Fernsehturm auf dem Weg zur Arbeit, den Hafen in der Mittagspause, vergleichst Hamburg mit der Stadt deiner Kindheit oder bekommst von all dem Trubel nichts mit, weil du nur kurz auf der Durchreise bist…

Ich sehe verrückte Vororte mit noch verrückteren Menschen, verliebte Pärchen, genervte Muddis mit ihren quengelnden Kindern, eine lustige Kellnerin, einen telefonierenden Anzugträger, eine motivierte Alster-Joggerin, einen müden, alten Hund, einen Latte Macchiato in der aufgehenden Sonne, junge Menschen mit Hoffnung in den Augen, eine glückliche Veganerin, einen aufgedrehten Schauspieler, ein Mädchen mit Fernweh, einen Jungen mit Skateboard, eine verträumte Schwangere, ein geliebtes, verrostetes Fahrrad, einen melancholischen Taxifahrer, eine Frau mit einem riesigen Hut, eine fürsorgliche Krankenschwester, einen braungebrannten Kapitän, einen kleinen Schmetterling, eine wachsame Oma, einen immerzu freundlichen Hinz&Kunzt-Verkäufer, einen misstrauischen, alten Mann, eine Frau mit Akkordeon, entenfütternde Rentner, zwei glückliche Menschen in einem Segelboot und mittendrin eine Menge Bilder aus der Vergangenheit…

Dein Hamburg ist nicht mein Hamburg und mein Hamburg ist nicht deines. Aber wir verschmelzen alle in dieser kleinen, großen Stadt.

Besuch in der Kaffeerösterei

30 Apr

Neulich war ich mit meiner „Muddi“ in der Speicherstadt. Wir besuchten die Kaffeerösterei und nahmen an einer Verköstigung teil. Ein bisschen berufskrank fühlte ich mich schon, als mir die Fakten zur Kaffee-Geschichte teilweise seltsam bekannt vorkamen (bei Balzac wurde ich anscheinend gut geschult, ein Lob an meine Kaffee-Mentoren von damals).

Es begrüßte uns die Annette, Sonntag morgens, gutes Wetter, 11 Uhr. Mit sage und schreibe 25 anderen Personen saßen wir in einem etwas warmen, stickigen Raum (das wird im Sommer bestimmt noch schöner) und ließen uns zahlreiche Fakten um die Ohren wedeln. Annette erzählte fließend und charmant, wir hörten zu. Zwischendurch stellte sie einige Fragen, aber insgesamt kam der interaktive Teil etwas kurz. Anhand eines Plakats und einer Plastikpflanze erklärte sie die Biologie der Kaffeepflanzen – hierzulande gedeiht das Gewächs nämlich leider nicht so doll. Der Äquator ist für den Anbau ebenso eine wichtige Voraussetzung wie eine gewisse landschaftliche Höhe (zumindest bei den Arabicas) sowie eine konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Äquatornähe, damit es keine Jahreszeiten gibt. Die Kaffeepflanze steht auf Sommer 24/7.

Nach ungefähr 90 Minuten, die aber schnell verflogen, gingen wir zum aktiven Teil über. Die Teilnehmer (im Schnitt um die 45 Jahre vielleicht) quetschten sich um einen länglichen Tisch und bekamen zwei Löffel in die Hand. Einen zum Tunken, einen zum Trinken. So blieb der restliche Kaffee spuckefrei. Insgesamt 7 frisch aufgegossene Sorten gab es zu probieren, im Blindtest. Angefangen wurde mit einer charakterstarken sortenreinen Variante aus dem Mutterland des Kaffees: Äthiopien. „Mama-Kaffee“ nannte die Annette ihn. Meine Mama und ich waren so begeistert, dass wir später sogar noch ein Päckchen davon mitnahmen. Fairtrade, selbstverständlich. Die anderen Kaffees kamen aus Mittelamerika und Asien. Und einer war sogar der berühmte „Scheiß-Kaffee“, der Kopi Luwak. Von einigen (amerikanischen?) Feinschmeckern in den 1970ern entdeckt, ging er in den letzten 20 Jahren um die Welt und hat nun auch endlich in Deutschland seine Anhänger gefunden. Die philippinische Schleich-Katze frisst die Kaffeekirschen, die Bohnen jedoch sind unverdaulich und können somit von den Menschen eingesammelt, gewaschen (!) und weiterverarbeitet werden. Der Clou: Man spart sich die Fermentierung, die im Magen- und Darmtrakt der Katze vonstatten geht. Erkannt habe ich ihn im Blindtest nun nicht, aber im Nachhinein gab es da selbstverständlich ein ganz eigenes Aroma. Mild und facettenreich, würde ich sagen. Das Kilo kostet 200 Euro.

Auch ein Fun Fact: Es gibt eine Kaffee-Steuer in Deutschland. Wir zahlen auf das Pfund 2,19 Euro, egal wie teuer der Kaffee ansonsten ist. Röstereien, die die Rohware länger beheizen und damit auch eine bessere Qualität liefern (aber auch ein leichteres Endprodukt), werden damit allerdings benachteiligt, denn die Steuer entfällt erst auf den bereits gerösteten Kaffee. Zu den schlimmsten Zeiten der deutschen Röstgeschichte (zwischen 1970 und 1990 also) gab es Hersteller, die ihre Bohnen durch Maschinen schmissen bzw. schleuderten, um Zeit zu sparen, so dass die Bohnen echt hektisch geröstet wurden. Nur ein paar Sekunden hielt sich der Kaffee so in einem Schlauch auf, wurde von allen Seiten gegart und kam dann in die Tüte für 3,99. Vor der Industrialisierung gab es so an die 5000 deutschen Röstereien, danach nur noch 7. Heute sind es wieder ein paar hunderte. Für die Kaffeeanbauer hat sich in all der Zeit wenig verändert, außer, dass es immer mehr Pflanzen und Monokulturen gab. Fairen Handel gibt es erst seit wenigen Jahren und trotz allem bleibt es den meisten Farmern verwehrt, selbst vom schwarzen Gold (Nee, das war ja Erdöl), also vom heißen „Teufelszeug“ zu kosten.

Rohe Kaffeebohnen

Rohe Kaffeebohnen

Die Facebook-Muddis

26 Apr

Facebook ist ein fester Bestandteil meines (virtuellen) Lebens und ist doch irgendwie nicht richtig greifbar. Manchmal freue ich mich, über die Nachrichten Kontakt zu Freunden zu halten, dann wieder sind da sogenannte „Freunde“, von denen ich eigentlich nichts weiß. Und Facebook selektiert stark, so dass einige Nachrichten/Neuigkeiten erst gar nicht auf meine Oberfläche gelangen. Andere Leute sehe ich ständig, obwohl ich noch nie etwas von ihnen „geliked“ habe.

An manchen Tagen lese ich lieber Facebook-News statt mir die echten Nachrichten anzusehen, weil die mich so frustrieren. Aber auch hier gibt es Schnittstellen. Ich bin ja auch mit SPON befreundet und mit ZEIT ONLINE, also geht man dem nicht immer komplett aus dem Weg. (Will ich dann eigentlich auch doch nicht.) Richtige Neuigkeiten meiner echten Freunde bekomme ich bei Facebook allerdings – glücklicherweise – nicht mit. Wahrscheinlich bin ich noch eine Generation zu alt (wir sind halt noch mit einem Telefon aufgewachsen, das mit einer Schnur den Hörer festgehalten hat und auch das Handy war nicht schon mit 12 eine Selbstverständlichkeit. Nicht mal mit 16 würde ich sagen…)

Nun merke ich auch dank Facebook, dass ich aus dem Party-Alter rausgewachsen bin. Es tauchen weniger Fotos und Einladungen hierzu auf als vielmehr Dokumentationen (meist in bildlicher Form) über den Nachwuchs meiner (weiblichen) Facebook-Buddies.  Die Generation „Facebook-Muddis“ ist auf dem Vormarsch und ich stecke mittendrin. Jeden Tag gibt es ein niedliches Kinderfoto nach dem anderen, manchmal auch ganze Familienportaits. Ich stelle dann entweder erschrocken fest, dass eine ehemalige Arbeitskollegin ein Kind bekommen hat (und ich nicht mal im Ansatz etwas von ihrer Schwangerschaft wusste, Gott wie die Zeit rennt) oder denke fieberhaft über den Namen des Kindes einer Schulfreundin nach und mir wird bewusst, dass ich dieses Kind weder jemals gesehen habe noch wahrscheinlich jemals sehen werde. Ich glaube, die verliebten Muddis sind einfach nur stolz und haben wahrscheinlich einfach das Bedürfins, über Facebook den Kontakt in die Welt jenseits der Windeln und Spielplatzdates aufrecht zu erhalten. Blöd nur, wenn sich da entweder Leute tummeln, die so gar nicht mehr zu einem passen und die ganze Zeit Party machen oder ein Haufen anderer Facebook-Muddis konkurrenzwütig ihre jeweiligen Fotos präsentieren. Ich gehöre zu der schweigenden Mehrheit, nehme die Informationen hin und vergesse sie im Zweifel auch wieder. Aber manchmal sind da auch richtig eindrucksvolle, künstlerische Fotos.

Aber würde ich wollen, dass halb wildfremde Leute jeden Entwicklungsschritt meines Kindes mitbekämen? Ich glaube nicht. Ich will keine Facebook-Muddi werden.