Tag Archives: Politik

Auf der Flucht

8 Nov

Stell dir vor, du bist acht, es ist Nacht, und du weißt, keiner lacht, der Himmel brennt, durchgemacht, auf und davon, aufgemacht, du hast gedacht, es geht zurück, doch Stück für Stück, neue Welt, keiner hält, nichts mehr wert, und kein Geld, bringt zurück, was du vermisst, neue Welt, neue Menschen, doch es fehlt, was du brauchst, dein Zuhaus, so sitzt du hier, in der Nacht, im lauten Zug, bleibst einfach wach, bis Mama ruft, ein bisschen Schlaf, das tut jetzt gut, langer Weg, doch nichts wird gut, einfach so war alles weg, weggebombt, weggebrannt, und was kommt, ist eine Hand, und ein Schrei, dann geht es los, der Weg ist groß, der Weg ist lang, und es kommen längst nicht alle an, dann stehst du da, das graue Meer, es ist noch da, tagelang, geht nicht mehr weg, wird nie mehr gut, und schließlich kommt ihr an, im Wunderland, doch die Menschen hier sind kalt, keiner fragt, keiner weiß, und doch hast du den Verdacht, auch hier ist Nacht, auch hier ist Angst, eine andere, die du nicht sehen kannst, du bist erst acht, doch als ob das etwas macht, die Häuser stehen leer, keiner gibt etwas her, das Boot sei voll, so sagen sie, doch was das wirklich heißt, fragen sie nie.

Die Geister dieser Stadt

8 Sep

Sie lauern hinter Bäumen, unter Brücken, in Türeingängen. Machst du genau den richtigen Schritt im richtigen Moment, sind sie da. Oder den falschen. Düfte und Jahreszeiten rufen sie hervor, manchmal auch einfach nur eine Stimme aus der Ferne. Ein Gedanke oder ein Wort können ausreichen. Und besonders in dieser Stadt gibt es unzählige Geister.

Weil sie meine ist? Weil ich hier schon so viele Geister angesammelt habe? Ich bin weit weg gefahren und habe einige von ihnen mitgenommen, aber hier ist ihre wahre Präsenz. Manchmal gehen sie mir mächtig auf den Keks, manchmal mag ich sie und suche sie sogar.

Erinnerungen, Bilder, Ideen. Menschen. Es gibt Tage, da sind sie allgegenwärtig, an anderen scheinen sie überhaupt nicht zu existieren. Einige sind riesengroß und nicht zu übersehen, andere sehr flüchtig und kaum wahrnehmbar. Sie können deine Kräfte rauben oder dich beflügeln.

In Stein gehauene Geister begrüßen uns am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, Buchstabengeister begleiten uns in der Bahn, Musik beschwört sie herauf, wenn man die Straßen entlang geht. Tausende verbringen ihre Zeit damit, wegzuschauen und die Geister zu ignorieren, doch dann ist die Heimsuchung eines Tages um so größer. Und verwirrender.

Die Geister der Politik schweben zwischen uns und dem Papier, überall in der Stadt. Wir versuchen vielleicht, sie zu verstehen, um dann mit einem guten Gefühl wählen zu gehen. Manchen sind diese Geister jedoch zu viel. Die meisten Plakate weisen tatsächlich darauf hin, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen sollten: „Es ist viel besser, liebe Bürgerinnen und Bürger, wenn ihr wählen geht.“

Doch im Alltag haben sie eigentlich keinen Platz. Ob Spinnen oder Geister, am liebsten holen wir den „Staubsauger“ raus und werden sie los. Dabei wollen sie uns eigentlich immer auch etwas wichtiges sagen (besonders die Spinnen). Und wenn wir uns mal wieder selbst nicht glauben, sagen wir gerne, „ich glaub, ich spinne“. Also: Ich glaube, ich habe einen Geist gesehen.

Alter Schwede: Eine Buchrezension (Teil 2)

12 Mai

So, jetzt hab ich das Buch durch. Bin immer noch begeistert, obwohl es zwischendurch etwas zäh wurde – hundert Jahre sind auch einfach mal echt lang.

Hier noch ein paar gesammelte Weisheiten/Erfahrungen:

– Es handelt sich um eines der unpolitischsten politischen oder auch nicht politischen Bücher, die ich kenne. Seid verwirrt, ich war es auch.

– Nichts ist für die Ewigkeit, außer vielleicht die allgegenwärtige (ewige) Dummheit.

– Naivität ist nicht nur lustig, sondern kann paradoxerweise auch echt in die Tiefe gehen.

Wer liest, erfährt immer auch etwas über sich selbst.

Wer schreibt, erfährt die ganze Welt.