Tag Archives: Respekt

Mal ausprobiert: Einfach mal die Klappe halten

20 Jan

Ich höre super zu. Ja, ehrlich. Ich kann stundenlang zuhören. Nur leider vergesse ich oft, was mein Gegenüber mir erzählt hat. Und wenn ich ehrlich bin, geht mir das langsam auf die Nerven. Daher habe ich einen Plan entwickelt:

 

1. Nicht jeden Impuls verbalisieren.

2. Den Drang, zu antworten, erstmal unterdrücken.

3. Zuhören.

4. Die eigenen Entgegnungen nur im Kopf wirken lassen – und hinterfragen.

5. Wirklich offen sein.

6. Besserwissertum abschalten. Auch das stille.

 

Gar nicht so einfach. Aber einen Versuch wert.

Ich werde berichten.

 

Die lieben Nachbarn

4 Aug

Wer hat sie nicht, wer kennt sie nicht. Die lieben Nachbarn, Hausmeister, Vermieter oder Mitbewohner.

Manchmal recht sonderliche Gestalten, oft liebenswürdige und überaus neugierige, hilfsbereite Mitmenschen. In der Großstadt kommt man sich oft (zu) nahe. Da wird dann schon mal der (nicht korrekt sortierte) Müll kommentiert oder sogar vom eigenen Balkon weggeräumt, wenn das Abholdatum droht versäumt zu werden; natürlich nicht ohne einen Schlag mit dem Zaunpfahl. Denn Dankbarkeit soll bitte schön wenigstens an den Tag gelegt werden für so viel Aufopferung.

Wie kommt es eigentlich, dass um einen herum immer alle neugieriger wirken als man selbst? Dass das eigene Leben scheinbar ausgefüllter ist als das der ungebeten teilhabenden Mitmenschen?

Wir suchen nach Privatsphäre, freuen uns aber auch über eine funktionierende Gemeinschaft und versuchen stets, den Mittelweg zu finden. Man möchte ja schließlich nicht eines Tages bereits halb aufgegessen von der eigenen Katze in seiner Wohnung gefunden werden (Wo hab ich das jetzt wieder gelesen? Hm…). Aber auf diverse Anregungen zu den Lüftungsgewohnheiten oder noch privaterem Habitus können und wollen wir einfach auch gerne verzichten.

Besonders gewitzte Figuren wie achtzigjährige Hausmeisterinnen engagieren ihre Spitzel, um auch jenseits des zweiten Stockwerks stest auf dem Laufenden gehalten zu werden. Bericht erstattende Putzfrauen werden so schnell zu misstrauisch beäugten, zwielichtigen Gestalten im eigenen Treppenhaus. Oder war die seltsame Nachbarin die Informantin? Sicher sein kann man sich nicht. Als würde die „Neuländische“ Bedrohung der Totalüberwachung nicht reichen, uns zu verunsichern und verärgern, erlebt die klassische Variante der Spionage im Privatleben also ein Revival. Mülltrennung oder Fahrradaufbewahrung im Hausflur sind nur die offensichtlichen Ziele der Auskundschaftung. Auch Duschgewohnheiten, Herren- oder Damenbesuch sowie die Einhaltung der Ruhezeiten beim Wäschewaschen sind ein beliebter Forschungsgegenstand der selbsternannten Ordnungshüter.

Man könnte diversen Konfrontationen vielleicht entgehen, einige Annahmen über die Nachbarn und Vermieter darüber, was sie von einem selbst denken mögen, fallen lassen. Aber dann wäre das Wohnen wohl auch nur noch halb so unterhaltsam.

Es geht auch anders: fröhliches Nachbarschaftsfest

Es geht auch anders: fröhliches Nachbarschaftsfest in Bergedorf

Das Verhalten der Schlange

6 Jul

Nichts sagt so viel über die Menschen aus wie ihr Verhalten beim Warten – zum Beispiel auf den Bus. Nirgendwo sonst haben wir so viel Zeit, andere Menschen in Ruhe zu beobachten und analysieren.

Um nervöses Gezappel, Herumgelaufe, vielleicht sogar Weinen und Schreien zu unterdrücken (denn vielen fällt es wirklich schwer, einmal komplett gar nichts zu tun), lenken sich die meisten Hamburger entweder mit einer Zigarette oder mit ihrem Handy ab. Eventuell hat der eine oder andere noch eine Zeitung oder gar ein Buch in der Hand, aber eigentlich sind Textnachrichten schon alles, was wir an der Bushaltestelle ertragen. Schließlich muss die Aufmerksamkeit voll bei den womöglich jede Sekunde einfahrenden Fahrzeugen bleiben. Langsam sammeln sich ein, zwei, drei, sieben andere Menschen an der Haltestelle, so dass das nervöse Gedrängel beginnt. Hier haben die Menschen in Vancouver eine klasse Reaktion entwickelt: Sie stellen sich sofort in eine Schlange. Der erste steht auch unverrückbar an erster Stelle, der zweite an zweiter usw. Und das auch, wenn der Bus erst in 15 Minuten eintrudeln wird.

Was sich so zwanghaft anhört, ist in Wirklichkeit entspannter als alles, was ich in Hamburg jemals erlebt habe. Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz und doch funktioniert das System einzig aus gegenseitigem Respekt und Aufmerksamkeit. Klar wird dort auch geraucht, mit dem Handy gespielt und Zeitung gelesen. Aber die Menschen vertrauen darauf, dass der Bus schon kommen wird und sie sind daher mit ihrer Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt und vor allem bei ihren Mitwartenden. Man unterhält sich entpannt miteinander. Und das beste: Sogar, wenn die ganze schöne lange Warteschlange mal nicht in den Bus passt, gibt es kein Gezeter und Gedrängel. Dann wird derjenige, der als erster nicht mehr reinpasst, ohne Protest zum ersten in der neuen Schlange. Beim Aussteigen aus dem Bus -hinten, wie bei uns- bedankt sich jeder (!) laut und deutlich (!) beim Fahrer. Zuerst musste ich darüber lächeln. Dann ging es gar nicht mehr ohne „thank you“. Hier sagt keiner (und schon gar nicht laut) „danke“ beim Fahrer. Könnte man doch mal ausprobieren.

Seit wir in Hamburg auch vorne einsteigen und die Fahrkarte vorzeigen müssen, hat sich die Situation entsprechend verbessert. Es bilden sich hier auch von Zeit zu Zeit Schlangen und die Leute sind alles in allem zivilisiert. Dennoch kommt es zu kleinen „Attacken“, wenn jemand versucht, sich in die Hintertür zu drängeln. Vom Aussteigen will ich gar nicht erst anfangen. Kinderwagen und Rollstühle werden zudem in Vancouver vorne rein und raus gelassen, was ich auch entspannter finde.

Sogar an Silvester, dem verrücktesten Zeitpunkt hierzulande, ging in Vancouver alles ganz zivlisiert ab, wie in jeder anderen Nacht auch. Ich habe extra ein Foto davon gemacht, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Dazu muss natürlich gesagt sein, dass dort kein exzessives Feuerwerk in jeder Ecke brennt, sondern nur sehr vereinzelt überhaupt etwas in die Richtung stattfindet. Tja, trotzdem, Respekt!

Zivilisierte Warteschlange - an Silvester

Zivilisierte Warteschlange – an Silvester