Tag Archives: Winter

Schneekugel-Kopf

21 Dez

Honig ist es nicht, in meinem Kopf. Um es mal mit Til Schweiger zu sagen. Es ist nur Schnee. Geschüttelt, nicht gerührt. Obwohl ich sehr gerührt bin, von diesem ganzen Weihnachtszeug.
Es ist mal wieder alles neu, in Bewegung, leer und voll zugleich.
Und dann fällt mir auf, dass es genau dieser Zweck ist – eine Schneekugel will ja geschüttelt werden.
Die Flocken wollen tanzen und fliegen und sich legen und dann steht die Welt wieder Kopf – und der Kopf stellt sich der Welt. Bis wir irgendwann genug haben und sie im Regal verschwindet – nur die Skyline noch halbwegs sichtbar und auch sie vermengt sich irgendwann mit dem Hintergrund.
Also dann: Augen auf, lasst den Zauber wirken. Der immer wieder aufs Neue die Dinge durcheinander wirbelt.

Freundinnen

23 Jan

Es ist kalt in Hamburg. Noch nichts im Vergleich zu Toronto (meine Anzeige schwankt zwischen -20 und -15 Grad), aber schon ziemlich eisig. Vor allem, wenn man irgendwie dachte, man würde noch drum herum kommen. Um den Winter. Was ziemlich naiv ist Mitte Januar, aber hey, immerhin haben wir es bis hierher geschafft.

Ich stehe an der Ampel. Neben mir zwei ältere Damen, Arm in Arm und natürlich jeweils mit kuscheliger Mütze auf dem Kopf. Ich bin ein bisschen neidisch, aber selbst Schuld. Eine andere ältere Dame steht neben den beiden, neben ihrem Fahrrad, und wartet ebenfalls. Sie hat auch keine Kopfbedeckung. „Du hättest auch über die andere Ampel fahren können“, erklärt die eine Arm-in-Arm-Omi. Die Fahrrad-Omi rechtfertigt sich. „Ich fahre immer auf der anderen Seite.“ – „Ja, das mache ich auch so.“

Dann holt die andere Arm-in-Arm-Omi aus. „Hast du keine Mütze? Du solltest dir dringend eine kaufen.“ – „Doch, ich habe eine Mütze.“ – „Dann setz sie doch auf!“

Ich wundere mich schon ein wenig über den Tonfall. Doch dann setzt die erste Arm-in-Arm-Omi noch einen drauf: „In deinem Alter braucht man eine Mütze! Da werden nämlich die Haare dünner.“

Es wird grün. Die Fahrrad-Omi fährt los.

 

 

Aus dem Leben eines inneren Schweinehundes

21 Dez

Heute gibt es einen Gastbeitrag von Karl.

Mein Frauchen ist im Weihnachtsstress. So ein Schwachsinn. Weihnachten ist wundervoll. Man kann den ganzen Tag auf dem Sofa liegen und sich schmalzige alte Filme anschauen, ungeniert Schokolade und andere Leckereien essen, die Lichter in den Fenstern bestaunen, Glühwein trinken und tolle Spaziergänge machen. Also, ich speziell liege eher nur herum, aber für sie wäre das doch fein.

Stattdessen läuft sie gehetzt durch die Stadt, um irgendwelche Geschenke zu kaufen, muss sich noch um einen Baum kümmern – und „so viele andere Dinge“. Pah. Dann gammel ich halt alleine.

Manchmal erzählt sie mir, wie schön es vor zwei Jahren in Kanada war. Sie ist so doof. Ich war doch dabei! Und sie kann mir nicht erzählen, dass sie sich da keinen Stress gemacht hat. Dafür ist sie schließlich ganz allein verantwortlich, auch wenn sie das gerne auf andere schiebt. Aber ich muss schon sagen, das Jahr im Ausland war kein Zuckerschlecken für mich. Beachtet hat sie mich erst irgendwann, als wir wieder in Hamburg waren.

„Komm, Karl!“ ruft sie mich. Ach ja, ich rapple mich langsam auf, um den nötigen Spaziergang anzutreten. Meine Blase drückt schon bedenklich. Aber ein alter Schweinehund ist nun mal kein D-Zug.

Draußen erklärt sie mir, dass sie gleich noch zum Sport gehen will. „Ich brauche dringen den Ausgleich, weißt du? Bei dem ganzen Stress…“ Ich verdrehe die Augen. Sie soll sich mal nicht so anstellen und die Zeit genießen. Aber mir soll’s egal sein. „Sei nicht traurig, Karl.“ Ich, traurig? Nö, ich komme auch gut alleine klar und mache es mir gemütlich. Hihi.

Leider versteht sie mich nicht und denkt, ich sei enttäuscht. In Wirklichkeit würde sie bestimmt auch gerne fernsehen. Das kann sie mir doch nicht erzählen.

Als sie weg ist, ziehe ich mir meine bequemsten Puschen an, bereite eine heiße Schokolade vor und mache es mir im Sessel mit Wolldecke gemütlich. So lässt es sich doch leben. Plötzlich geht die Tür auf. Es ist ihr Freund. Und er hat Günther mitgebracht. Seinen inneren Schweinehund. Boah, wie der mir auf den Keks geht. Der ist sooooo faul! Verdammt. Wir nicken uns kurz zu, dann mache ich einen Millimeter Platz auf dem Sessel. Günther setzt sich dazu und reicht mir seine Schüssel mit Popcorn. Manchmal kann er ja doch ganz nett sein.

Mein Frauchen kommt nachhause. „Ich brauche noch ein Geschenk!“ ruft sie ganz schrill. Ihre aufgedrehte Art nervt. Ich war gerade so schön am Schlummern. Günther schläft tief und fest. Sein Herrchen begrüßt mein Frauchen und setzt sich wieder aufs Sofa. Schließlich läuft ein wichtiges Fußballspiel. (Ich konnte natürlich einpacken mit meinem Schnulzenfilm.) „Ich muss einen bestimmten Film kaufen, aber ich hab keine Lust, noch mal in die Stadt zu fahren. So kurz vor Weihnachten ist es so voll in den Geschäften…“ Die olle Quengeltasche. Wir deuten zu dritt auf den Rechner. „Ihr wollt, dass ich den bestelle?“ Sie klingt nicht begeistert. Drei Köpfe nicken. „Aber das kommt doch gar nicht mehr pünktlich. Und wir wollen ja nicht die ganzen Verkäufer arbeitslos machen.“ Ihr Freund erinnert sie daran, dass es auch einen 24h-Service gibt. Ich bin sowieso dafür, andere laufen zu lassen.

Dann entspannt sie sich endlich und wir können den Abend ausklingen lassen.

Hoffentlich wird Heiligabend auch schön. Da treffen dann wohl noch mehr Schweinehunde aufeinander.

Aber wir wissen immer, wie man eine gute Party schmeißt.

Perspektivwechsel

16 Nov

Heute habe ich einen Kanadier bei Starbucks getroffen. Er stand vor mir in der Schlange und kaufte zwei Espressotassen mit der Aufschrift „Germany“. Dann lernte er das Wort „Tüte“. Es war so süß, wie er es wiederholte – ich sprach ihn also an und fragte, woher er komme. Als er Kanada antwortete, war ich natürlich sofort begeistert. Erzählte ihm, wo ich gelebt habe und erfuhr, dass er aus Quebec kommt und in der Nähe von Toronto arbeitet. Und einmal im Monat (!) für eine Woche hier in Hamburg. Wir waren uns einig, dass das ganz schön heftig ist, nicht zuletzt wegen des Jetlegs. Aber er könne hier nun noch seine Weihnachtseinkäufe erledigen und müsse bis zum nächsten Jahr auch nicht mehr herkommen.

Und dann sagte er, Hamburg sei wunderschön. Ich grinste schief. Wenn er wüsste. Ich wollte damals nur von hier weg und bin förmlich nach Kanada geflohen. Zunächst dachte ich, er mache eines von diesen höflichen Komplimenten. Aber dann sagte er ganz ernst und feierlich, „You are so lucky to be able to live here.“ Seine Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie bin ich seit heute ein Stückchen mehr hier zuhause. Ja, wir haben wirklich Glück. Und langsam kann ich es sogar genießen.

Planten un Blomen, eine kleine Oase der Ruhe

24 Mrz

Es hilft definitiv, die Augen offen zu halten, dann finden sich lauter schöne Ecken in Hamburg. Eine davon ist Planten un Blomen.

Vor einigen Tagen bin ich mit meiner Freundin Kerstin, einer gebürtigen und absolut überzeugten Hamburgerin, dort spazieren gegangen. Es war zwar schon dunkel und wir mussten einen Abhang mehr herunter schlittern als dass wir gehen konnten, aber dennoch war es im zugeschneiten Park ganz schön. Eine Fussballjugend musste immer wieder um einen kleinen See joggen und vereiste Treppen auf und ab laufen. Und das in Shorts. Ganz schön fies.

Heute schien die Sonne und so beschloss ich, mal wieder ein Stückchen durch Planten un Blomen zu gehen. Mitten in der Stadt findet man hier tatsächlich ein bisschen Ruhe, selbst wenn noch zweihundert Leute auf die gleiche Idee kommen. Nicht so an der Alster, da ist es gar nicht erholsam wenn die Sonne scheint, speziell sonntags. Aber am CCH angekommen erwartete mich schon ein garstiges Pfeifen. Der Wind (dem man in Hamburg das ganze Jahr über an vielen Orten begegnet) war besonders eisig und stark. Also: Wenn es sich vermeiden lässt, nicht den schönen Spaziergang am Bahnhof Dammtor beenden!

Planten un Blomen bietet das ganze Jahr über viel: Der japanische Garten lädt zum Erholen ein, das Tropengewächshaus schenkt Wärme und beherbergt viele bunte Pflanzen, im Winter lässt es sich mitten im Park wunderbar Schlittschuh fahren und es gibt einen riesigen Spielplatz für die kleinen Besucher. Nur die Bänke sind leider immer schnell belegt.

Und wenn man ganz viel Glück (und Geduld) hat, sieht man kuriose Dinge wie eine nette ältere Dame, die plötzlich ihre Schildkröte aus der Handtasche zieht und sie an der Leine (!) ein Stückchen laufen lässt.

Blick durch den Zaun am Stephansplatz

Nochmal kurz Wintereinbruch oder „Der Zapfenstreich“

18 Mrz

Ist ja klar dass Hamburg im März nochmal so richtig schön mit Schnee kommt. Hatten wir im Winter ja auch nicht so wirklich. Letzte Woche kam plötzlich die Wettervorhersage, aber man hatte ihr nicht so recht glauben wollen. Dabei wissen wir es eigentlich als waschechte Hanseaten: Der Frühling kommt nicht unbedingt pünktlich, nur weil er schonmal kurz vorbei geschaut hat, oh nein.

Zugvögel kehren angeblich schon wieder um, weil sie unter der dichten Schneedecke kein Futter finden. Und dann? Ob sie nochmal einen zweiten Versuch starten? Man weiß es nicht.

Die Alsterfontäne sprudelt trotzdem konsequent seit dem 15. März wieder, auch wenn alles voller Eis und Schnee ist. Da wird nämlich aufs Datum geachtet, jawohl!

Vor einigen Tagen ging ich mit meiner Freundin Bernadeth, die aus Wien kommt, in den Colonnaden spazieren. Sie lebt nun schon einige Jahre in Hamburg und würde nach eigenen Angaben niemals wieder zurück gehen. Allein der Stadtpark und die Alster – hachja, das Wasser –  bringen sie schon dazu zu fragen, „wo ist es denn schöner auf der Welt?“ In Wien anscheinend nicht. Ich war erst einmal da, im Winter. Mag ich ja generell eh nicht so. Aber im direkten Vergleich erscheint mir Hamburg auch irgendwie größer, weitläufiger, offener. Mitten im Gespräch wurden wir von einem Polizisten gestoppt, der uns vor herunterfallenden Eiszapfen retten wollte. Irgendwie wirkte er glücklich, auch mal was anderes machen zu dürfen, als Falschparker aufzuschreiben. Ziemlich umständlich entfernte daraufhin ein Feuerwehrmann einige (bestimmt einen Meter lange) Eiszapfen, die an einem Vorsprung im dritten Stock hingen. Umständlich, weil er sein „Auto“ nochmal umparken musste, bevor der Kran ihn an die richtige Stelle fahren konnte. Wir zückten unsere Handys und waren begeistert. Lawinengefahr und Stalaktiten in der City, das gab es bisher selten. Für meine Wiener Freundin musste sich das ein bisschen wie zuhause anfühlen.

Zapfenstreich