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Vom Wert einer Socke

13 Jan

Da saß sie in der Bahn und strickte eine Socke. Mit verschiedenen Nadeln, die das fragile Gewebe von Maschen hielten – spontan fiel mir ein, wie schrecklich und schön doch das „Aufrippeln“ sein konnte. Sie strickte so mühelos und konzentriert, dass sie vollkommen gefangen und absolut frei im gleichen Moment zu sein schien. Ich hatte schon öfter Frauen (seltener Männer) stricken sehen. Auch in der Bahn war der Anblick nichts Ungewöhnliches. Aber diese Socke hatte schon richtig Struktur und Substanz, man erkannte, was es mal werden sollte. Die Wolle zauberte ein schönes Muster, das sich erst durch das Stricken selbst offenbarte. Die Maschen waren spielerisch angelegt. Mal war der Stoff weicher, mal aufgewellt. Beinahe geflochten.

Auch wenn sie es wahrscheinlich nur nebenbei tat, die Zeit überbrückte, die andere verlasen oder vor sich hinstarrend verbrachten – in dieser Socke steckte so viel Arbeit. Liebe.

Wo war die andere Socke? fragte ich mich. Lag sie schon fertig zuhause und wartete? Oder musste sie erst noch gestrickt werden? Oder war sie in der Handtasche versteckt, als stille Erinnerung?
Hatte die Frau, bevor sie mit dem Stricken anfing, eine Schuhgröße in Maschen umgerechnet, oder entstand die richtige Länge einfach? So „dabei“? Allein deshalb würde ich niemals anfangen, eine Socke zu stricken. Und selbst wenn die erste einigermaßen sockig aussehen würde, was wäre dann mit der zweiten?

Im Laden bekommen wir ein Paar Socken für wenige Euro. Der Bequemlichkeit halber sogar zehn Paar in einem Pack, wenn man es möchte. Sie sind so verfügbar, dass sie heutzutage nicht einmal mehr gestopft werden, außer es handelt sich um Lieblingssocken. Selbst das Stopfen könnte ich nicht. Erst wenn wir richtig viel Geld zahlen müssten, wüssten wir wieder um den Wert einer Socke.

Aber es liegt noch etwas anderes in dieser Handarbeit. Das Gefühl, geerdet zu sein, vielleicht. Zur Not (oder eben auch völlig ohne) Socken stricken zu können. Sich selbst zu versorgen, unabhängig zu sein. Wahrscheinlich spielt das alles für die strickende Frau gar keine so große Rolle. Sie wird immer noch die meisten ihrer Socken in Geschäften kaufen, wahrscheinich sogar das selbstgestrickte Stück verschenken. Anderen etwas zu geben, was man selbst gemacht hat, vergrößert den Wert ja noch. Und manchmal sind wir es uns selbst auch einfach nicht wert. Was schade ist, nebenbei bemerkt.
Die Frau wird vielleicht stricken, weil sie sich entspannen will, ihre Hände beschäftigen möchte und sich am Ende über das Ergebnis freut. Jeder Grund ist mir genug, denn sie hat auch mich berührt durch ihre Tat.

Die Verwandlung von einem Wollknäuel in eine Socke. Wahnsinn, oder?

Realisierung statt Realität

27 Jun

Merkt ihr es auch manchmal? Es ist, wie es ist.

So einfach ist das. Und die Erkenntnis darüber ist viel unmittelbarer als die sogenannte Realität an sich.

Ein schönes Wochenende wünsche ich!

(Es ist Wochenende.)

 

Das Wunder

1 Mai

Am Anfang bist du unmittelbar, ganz groß und nah. Gänsehaut und auch ein bisschen Beschützerinstinkt kommen in uns hoch.

Wir erfahren das Wunder ungefähr eine Sekunde.
Dann wird über dich geredet, berichtet, du bekommst neue Aspekte verliehen. Fotos werden gemacht, eine Seite der vollkommenen Herrlichkeit abgelichtet und hervorgehoben. Du wirst beansprucht, Besitz geltend gemacht.
Ein eingefangener Eindruck wird verklärt, der Blick in die Welt verschließt, verengt sich. Wir können es einfach nicht halten, das Wunder.

Irgendwann verblasst die idealisierte Erinnerung. War es wirklich genug, dieser kurze Moment? Zweifel keimen auf. Emotionen liefern sich einen Wettstreit mit dem Verstand. Das Wunder, es war schon allerhand. Passt heute nicht mehr in eine Schublade.
Aber wie sollte es auch? Es war ja nie dafür gemacht, irgendwo hinein zu passen.
Es war ein Tor, das sich geöffnet hat, direkt in die Unglaublichkeit. Wir durften schauen.

Zurückschauen ist allerdings nicht möglich.

Du bist eines dieser Wunder. Heute noch genauso wie im Moment deiner Geburt.

 

Gedanke des Tages

1 Feb

Warum

Unglaubliche

Nicht erklärbare

Dinge

Eigentlich

Relativieren

 

Wasser

17 Jul

Wasser

Es ist überall. Um uns herum, unten drunter, manchmal kommt es auch – klatschnass – von oben. Wir brauchen es zum Trinken, können drin schwimmen oder paddeln oder drauf segeln oder reinlaufen oder untergehen. Ob Elbe, Alster, Bille, Badeteich, jeder hat in Hamburg „sein“ Wasser gefunden. Und sei es das Alsterwasser im Biergarten.

Wir haben sogar das kühle Nass in unseren Sprachgebrauch integriert. „Frag ihn mal, wasser will.“

Bestellst du dir in Hamburg ein Wasser im Restaurant, bekommst du kein Leitungswasser. Du bekommst ein Mineralwasser, mit oder ohne Kohlensäure. Wenn du nichts dazu sagst, selbstverständlich mit. So ist es ja auf die Welt gekommen, praktisch.

Bestellst du zum Beispiel in Osnabrück ein Wasser, gibt es das „mit“ oder „ohne“. Und das bezieht sich nicht auf die Kohlensäure, sondern auf den Geschmack. „Wasser ohne“ ist also Mineralwasser mit Kohlensäure.

Wirklich.

Eigentlich machen wir uns ja nicht so viele Gedanken ums Wasser, denn es ist hier im Überfluss vorhanden. Manchmal sogar so sehr, dass es zur Überschwemmung kommt. Aber dann, im Sommer, kommt diese magische Zeit, wo das Wasser zum Baden einlädt oder zur Wasserbombenschlacht oder zum Wasserpistolenkampf, oder auf dem Dom zur Wasserbahnfahrt oder ein simples Wassereis für eine Erfrischung sorgt und dann wird dieses stinknormale, durchsichtige, geruchslose, nasse Element ganz kurz zu etwas Besonderem.

Das Gewicht des Lebens

5 Jun

Im Wonnemonat Mai kommen mal wieder ganz schön viele Babys auf die Welt. Ich stehe am Bahnsteig und warte auf die S-Bahn, langweile mich, beobachte den „Countdown“ (nicht sehr spannend) und hänge meinen Gedanken nach. Auf einmal schreit neben mir eine Frau in ihr Telefon. „Heute morgen ist der kleine David geboren, 9.22 Uhr, alles gut gegangen.“ Soweit, so unbeteiligt lasse ich die Informationen der aufgeregten Frau (Oma, Tante, Großcousine des kleinen David?) über mich ergehen. Dann zählt sie weiter auf, was sie alles über die Geburt in Erfahrung gebracht hat. „Der Kaiserschnitt ist gut verlaufen, in ein paar Tagen dürfen die beiden nachhause. Wir waren ja so erleichtert.“ Und dann kommt der Hammer. „Aber stell dir mal vor, sie haben ihn nicht gleich gewogen. Wir mussten sehr lange auf seine Gewichtsangabe warten. Und dann sagten uns die Ärzte irgendwann, dass David 2897 Gramm wiegt.“

Das Gewicht hab ich mir jetzt ausgedacht. Warum, werdet ihr gleich erfahren.

Ich starre die Frau entgeistert an. Ernsthaft??? Warum sind denn alle Leute so scharf darauf, das Gewicht eines Neugeborenen zu erfahren? Was zur Hölle sagt es denn aus? Ich wette, die meisten wissen ja nicht mal, wann das Gewicht im Normbereich liegt und wann es eventuell gesundheitliche Konsequenzen hat. Ok, vielleicht war die Frau ja selbst Medizinerin. Aber ansonsten kann ich es absolut überhaupt gar nicht nachvollziehen, was an dieser Angabe so wichtig ist. Wird das eigentlich in anderen Ländern auch so gehandhabt?

Vielleicht sind die Mütter erleichtert darüber, soundsoviel Gewicht nun nicht mehr direkt mit sich herumschleppen zu müssen. Vielleicht ist es auch der schwache Versuch, auszudrücken, was für ein gewichtiges Ereignis da gerade stattgefunden hat. Aber hat tatsächlich irgendjemand einen besseren Bezug zu dem Kind dadurch, dass man das Geburtsgewicht kennt? In den nachmittäglichen Zoosendungen (die hauptsächlich in Berlin gedreht werden), kommt das Thema Gewicht bei Babys (ok, Tierbabys) permanent vor. Kleine Vögel, Äffchen und Eisbären werden praktisch jeden Tag gewogen. Es wird kontrolliert, wie die Entwicklung vorangeht und sichergestellt, dass die Kleinen bei Kräften bleiben.

Aber gleich nach der Geburt mal eine Zahl nennen…und dann nie wieder drüber zu sprechen? Kommt mir irgendwie nicht so sinnvoll vor. Aber wer verfolgt denn schon die Entwicklung des Gewichts der Babys? Außer mal wieder den Medizinern. Ich muss gestehen, ich kann mir nicht mal merken, wieviel ein Baby wiegt, wenn es mir jemand direkt sagt. Ich weiß, dass 3 Kilo viel sind. Tja, und da hört es dann auch schon auf.

Ok, das Baby ist also da, gesund, Junge oder Mädchen, hat ein Knautschgesicht und – das sollte es doch vielleicht auch erstmal gewesen sein. Fertig. Es ist ein kleines Wunder. Packt es nicht in Zahlen, sondern lasst es einfach mal wirken.